Image: Abbruchstimmung bei der WindkraftEnde der finanziellen Förderung für rund 6.000 Windenergieanlagen in Deutschland. | rclassenlayouts
TrendZurück zur grünen Wiese

Abbruch­stim­mung bei der Wind­kraft

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Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

Mit dem Feuerwerk an Silvester 2020 endet für rund 6.000 Windener­gie­an­lagen in Deutschland die finanzielle Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dunkle Wolken ziehen deshalb für diese installierte Leistung von etwa 4.500 Megawatt (MW) herauf. In der stillen Flaute fragt sich der geplagte Windmüller nun: Birne, Kran oder Dynamit?

01. Oktober 2019

Sprengstoff: 25 Kilogramm für 600 Tonnen Gesamtge­wicht auf 400 Ladungen verteilt. In wenigen Sekunden nach der Zündung kracht die Windkraft­an­lage auf den Acker im Ostallgäu. 630 Liter Getriebeöl und 30 Liter Kühlflüs­sig­keit waren vorher abgelassen worden. Die Sprengung ist effektiv, publikums­wirksam allemal, zudem auch noch billiger, als die Altanlage mühsam mit einem Schwerlast­kran abzubauen. Und schneller sowieso. Die staubigen Trümmer werden dann gleich am Boden sortiert.

Das jähe Ende einer Windkraft­an­lage. „Nicht selten wird noch in Wildwest-Manier demontiert, geschred­dert und entsorgt,“ berichtet Martin Westbomke, Projektin­ge­nieur am Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH) gGmbH. „Unternehmen benötigen für den Abriss noch keinen bundesweit einheitli­chen Nachweis über ihre Qualifika­tio­nen“. Deshalb bestimme allzu oft der Preis die Abrissme­thode.

Zum Abriss verpflichtet

Denn stillgelegte Windener­gie­an­lagen müssen zurückge­baut werden und dürfen nicht als Ruine in der Landschaft verfallen. Dies schreibt das Baugesetz­buch im Paragraf 35 vor. Das ist auch keine Überraschung für die Anlagenbe­treiber, denn schließlich mussten sie bereits für die Betriebs­ge­neh­mi­gung eine Verpflich­tungs­er­klä­rung zum Rückbau ihrer Anlagen samt der Beseitigung von Bodenver­sie­ge­lungen abgeben. Das teure Dilemma betrifft alle Windkraft­an­lagen am Ende ihrer Betriebs­er­laubnis. Bei den aktuellen Strompreisen sind viele Alt-Anlagen nicht mehr rentabel. Bereits zum Jahresende 2020 verfällt zum ersten Mal der EEG-Vergütungs­an­spruch für Anlagen, die bis einschlie­ß­lich des Jahres 2000 installiert wurden. Bis 2026 kommen jährlich rund 1.600 Windräder in diese förderlose Betriebs­lage.

Knackpunkt für einen reibungs­losen Abriss sei die fehlende Transparenz für das Rückbauun­ter­nehmen, konstatiert Westbomke. Notwendige Dokumente fehlten hin und wieder, selbst die Hersteller wissen oft nicht mehr, welche Materialien damals in den Rotoren verbaut wurden. Schlimmer noch, wenn der Anlagenher­steller gar nicht mehr aufzutreiben ist und die Papiere verschollen bleiben.

Wann ist der ideale Zeitpunkt zum Abriss einer Windkraft­an­lage?

Wie neue Strategien für den Rückbau von Windener­gie­an­lagen aussehen könnten, erforscht das IPH im Forschungs­pro­jekt „DemoNetXXL – Demontage­netz­werke für XXL-Produkte“. Die Wissenschaftler arbeiten mit Logistik­be­trieben, Windpark­be­trei­bern und anderen Unternehmen der Windbranche zusammen, um konkrete Handlungs­emp­feh­lungen für die Abwicklung vorzuschlagen. Dabei gehen sie unter anderem der Frage nach, wie weit die Windkraft­an­lagen bereits vor Ort in ihre Einzelteile zerlegt werden müssen und welche Schritte im Demontage­zen­trum erledigt werden können. Wann der ideale Zeitpunkt zum Abriss einer Windkraft­an­lage eintritt und unter welchen Bedingungen zunächst ein Weiterbe­trieb möglich ist, wurde ebenfalls im Forschungs­pro­jekt untersucht und wird seither durch das Start-Up Nefino umgesetzt.

Vor Ort darf später nichts mehr daran erinnern, dass hier einmal jahrelang eine Windkraft­an­lage Strom produziert hat: Nebengebäude, Umspannwerke, Fundamente, Kabellage – alles muss raus. Und die Wiese muss wieder grün werden. Aber auf die Frage, was eigentlich mit den Pfählen unter der Wiese geschieht, auf denen einmal das Fundament thronte und die auch noch bis zu 30 Meter tief ins Erdreich aufgeschüttet wurden, gibt es bislang keine befriedi­gende technolo­gi­sche Antwort.

Recycling statt Reselling

„Bis vor wenigen Jahren waren Altanlagen noch gut zu verkaufen“, berichtet Wolfram Axthelm, Geschäfts­führer des Bundesver­bandes WindEnergie e.V. (BWE). Besonders Russland und die GUS-Staaten waren wichtige Märkte. Das Portal für gebrauchte Windkraft­an­lagen wind-turbine.com listete im vergangenen Juni 717 gebrauchte Objekte in Deutschland auf. Durch den bevorste­henden verstärkten Rückbau und dem damit verbundenen Überangebot an Gebraucht­wind­kraft­an­lagen werden deren Marktpreise wohl kräftig in den Keller rauschen. Der BWE schätzt deshalb, dass die Recycling­quote der windgetrie­benen Stromerzeuger in Deutschland ansteigen wird.

„Prinzipiell könnten fast 90 Prozent der Komponenten einer Windkraft­an­lage bezogen auf ihre Gesamtmasse wiederver­wendet werden“, erklärt Axthelm. Kategori­siert man die Materialien, die für die Hauptkom­po­nenten verwendet werden, lassen sich diese prinzipiell in minerali­sche Materialen (Beton), Metalle und Kunststoffe unterscheiden. Die größte Herausfor­de­rung beim Rückbau von Windener­gie­an­lagen ist die stoffliche Verwertung der in den Rotorblät­tern enthaltenen Verbundwerk­stoffe: glasfaser­ver­stärkter Kunststoff (GFK) sowie kohlenstoff­fa­ser­ver­stärkter Kunststoff (CFK). Neben der thermischen Verwertung bei der Zementher­stel­lung arbeite die Branche intensiv an neuen Konzepten, um die Rohstoff­wie­der­ver­wer­tung zu verbessern, sagt Axthelm.

Rückbau von Offshore-Anlagen wird große Herausfor­de­rung

Auch die Seewindkraft in Deutschland wird zukünftig vom Abriss nicht verschont bleiben. Noch ist zwar keine Eile geboten, da in Deutschland erst im Jahr 2010 ein Offshore-Park ans Netz ging. Surren die Windräder so lange wie geplant, wird der erste windige Kandidat auf See frühestens 2030 ins Fadenkreuz der Abrissbirne rücken. 1.300 Offshore-Anlagen mit einer Gesamtleis­tung von 6.400 Megawatt gibt es zurzeit über deutschem Meeresboden. Doch ihre Zerlegung ist erst nach dem Transport in Küstennähe möglich. Das birgt unerwünschte Risiken für Mensch und Umwelt. Aktuell läuft beim BWE ein Forschungs­pro­jekt zum Rückbaupro­zess auf hoher See, denn echte Erfahrungs­werte hat die Branche noch nicht, geschweige denn klare Konzepte. Und eine Sprengung ist hier kaum realistisch – selbst wenn sich dies viele Betreiber insgeheim erhoffen dürften.