Image: „Perfektionismus ist der Mutkiller Nummer eins“Mut ist machbar, auch und gerade in ungewissen Zeiten wie heute. | erhui1979
KarriereMut in Krisenzeiten

„Perfek­tio­nismus ist der Mutkiller Nummer eins“

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Susanne Schophoff

Susanne Schophoff

freie Journalistin

Wie wir Hoffnung und Zuversicht in ungewissen Zeiten gewinnen. Ein Gespräch mit dem Neurowis­sen­schaftler, Arzt und Autor Dr. Volker Busch.

05. Mai 2020
© Dr. Volker Busch

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen verunsichern und verängstigen viele. Was machen diese Angstgefühle mit uns?

Volker Busch: Angst versetzt uns in einen Überlebens­modus. Wir reagieren reflexhaft und impulsiv. Wir versuchen, die Gefahr irgendwie zu bewältigen. Das bedeutet, wir entscheiden nicht immer klug, wir denken nicht wirklich besonnen und handeln nicht rücksichts­voller oder solidari­scher, sondern viel Ich-bezogener, viel kürzer, viel konkreter. Es geht ums eigene Überleben. Das ist die Aufgabe der Angst. 

Was passiert mit meiner Leistungs­fä­hig­keit und meiner Konzentra­tion, wenn ich Angst habe? 

Busch: Angst ist hochanste­ckend und verbreitet sich schneller als jedes Virus. Zu ihren Kollateral­schäden gehören auch eine geringere Belastbar­keit am Arbeitsplatz, anhaltende Konzentra­ti­ons­pro­bleme, eine erhöhte Fehlerrate und ein allgemeiner Verlust an Kreativität. Ängste stehen unserer Gehirnleis­tung oft im Weg und lähmen jede geistige Bewegung – schwierig für ein Unternehmen, das auf Zuversicht und Motivation seiner Mitarbeiter angewiesen ist. Wir können aber lernen, unsere Angstgefühle zu beherrschen. 

Wie gelingt das?

Busch: Gefühle müssen raus. Liebeskummer wird schlimmer, wenn Sie ihn unterdrü­cken. Das Gleiche gilt für die Angst. Wenn man sich Negativge­fühle nicht eingesteht und sie einfach wegschiebt, macht sie das eigentlich erst groß. Um sich aus diesem Klammergriff zu lösen, ist es wichtig, einen Schritt zurückzu­gehen. Wir können unsere Angst stehen lassen, sie beobachten und kritisch prüfen: Wie realistisch ist das alles? Wie ist die Faktenlage? Wo übertreibe ich vielleicht? Die Erfahrung, auch aus der Wissenschaft, zeigt: Allein das Beschäftigen mit Angstgefühlen reduziert bereits ihre Intensität.

Gibt es Methoden oder Techniken, die mir dabei helfen, mich meiner Angst zu stellen? 

Busch: Manchen Menschen hilft Meditation, anderen Sport. Ich empfehle das Social Coping: Gespräche mit anderen in ähnlicher Situation, mit Freunden, mit Beziehungs­part­nern oder mit Kollegen. Gehen Sie in Diskurs, suchen Sie den Dialog! Das geht draußen im Freien, bei einem Video-Call oder am Telefon.

Können soziale Medien beruhigen?

Busch: Das ist eine echte Herausfor­de­rung. Man muss die Fähigkeit haben zu filtern, zu selektieren. Zumeist versinken wir aber darin, klicken von einem Link zum nächsten und verlieren die Kontrolle darüber, was wir letztend­lich lesen und welche Information wir da abends im Bett noch in unser Gehirn lassen. Die Kommunika­tion in den sozialen Medien ist ja eher Konsum als Dialog. Das heißt aber nicht, dass soziale Medien in dieser Krise nicht auch gut für uns sein können. Viele nutzen sie, um mit der Gesellschaft verbunden zu bleiben oder organisieren Hilfsaktionen darüber. Da zeigen soziale Medien, was sie können. Jemandem, der ängstlich ist, würde ich aber niemals empfehlen, sich in sozialen Netzwerken zu beruhigen. Der Dialog mit einem echten Menschen hat eine ganz andere Kraft. 

Was bedeutet das für die Arbeitswelt? 

Busch: Daten belegen, dass es für das Gefühl der Mitarbeiter im Homeoffice eine unglaubliche Hilfe wäre, wenn der Chef oder die Chefin beispiels­weise einmal in der Woche eine Videoansprache halten würde. Das schafft Sicherheit, einerseits durch Präsenz und andererseits durch die Klarheit der Information. Diese Gespräche wären unheimlich gute Investitionen. 

Entwickelt sich Mut, wo die Angst weicht?

Busch: Nein, nicht automatisch. Zum Mut gehört, dass wir ins Handeln kommen, obwohl wir uns unsicher fühlen. Anfangs muss man sich seiner Ängste bewusst werden und sie kritisch prüfen. Dann aber muss man weitergehen, weiterma­chen – und kann dadurch Erfolge erleben. Das fördert den Mut. 

Ist das, angesichts der aktuellen Lage, nicht etwas viel verlangt? 

Busch: Ja, wir Deutschen haben damit unheimlich viele Schwierig­keiten, weil wir immer einen perfekten Plan brauchen. Erst wenn alle Hürden aus dem Weg geräumt sind, kommt der Deutsche ins Handeln. Dadurch sind viele unserer Produkte und Dienstleis­tungen so perfekt. Das ist etwas Tolles. Aber Mut bedeutet, etwas spieleri­scher an die Dinge ranzugehen. Perfektio­nismus ist der Mutkiller Nummer eins.

Was schlagen Sie vor, um die Krise nachhaltig zu bewältigen? 

Busch: Vorgesetzte dürfen jetzt die Leinen lockerer lassen und sagen: „Passt auf, wir sitzen alle in einem Boot, alles ist erlaubt. Wir hauen uns jetzt die Ideen um den Kopf. Der Karren ist eh im Dreck. Jetzt gehen wir drei Monate in die Experimen­tier­phase – dann geht was vorwärts.“ 

Klingt mutig. 

Busch: Wir sind alle in einem riesigen, unfreiwil­ligen Lernprozess, den wir bestmöglich gestalten müssen. Wenn ich die Effizienz­schraube um ein paar Grad zurückdrehe, entwickeln meine Mitarbeiter wieder Freiräume. Dadurch entdecken sie, was wir in der Psychologie ‚Selbstwirk­sam­keit’ nennen. Wer sich selbstwirksam erlebt, entdeckt auch seinen Mut wieder. Natürlich müssen Fehler erlaubt sein. Wenn wir die typisch deutsche Haltung an den Tag legen, ‚perfekt ist grade gut genug’, dann überfordert uns das und schürt unsere Angst. Aber nachhaltige Ideen entstehen nur dort, wo keine Angst ist. Mut ist machbar, auch und gerade in ungewissen Zeiten.

Über Dr. Volker Busch
Priv.-Doz. Dr. med. habil. Volker Busch ist Neurowis­sen­schaftler, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychothe­rapie an der Universität Regensburg, Autor und Speaker. Mehr unter: www.drvolker­busch.de