Image: Auto aus nachhaltigen WerkstoffenNiederländische Studenten ertüfteln nachhaltiges Auto. | Petmal
TechnikUmweltfreundliche Knutschkugel

Auto aus nach­hal­tigen Werk­stoffen

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Lisa Kräher

Lisa Kräher

freie Journalistin

Nachhaltige Mobilität – das bedeutet für Autos nicht nur weniger oder gar kein Spritver­brauch. Auch umweltfreund­liche Herstellung und Entsorgung sind wichtig. Studenten der TU Eindhoven in den Niederlanden stellen sich mit ihrem Fahrzeug „Noah“ dieser Herausfor­de­rung.

06. Februar 2019

Blaue Knutschkugel – das beschreibt Noah wohl am besten. Denn der Kleinwagen, den Studenten der Technischen Universität Eindhoven in den Niederlanden entwickelt haben, ist nicht unbedingt ein schnittiger Flitzer. Das hat Noah auch nicht nötig, denn dafür ist er nach Angaben seiner Erfinder das „erste zirkulare Auto der Welt“. Zirkularität sei dabei nicht gleichzu­setzten mit Recycling, betonen die Macher.

„Wir sind heutzutage mit vielen Umweltpro­blemen konfrontiert“, sagt Cas Verstappen, Sprecher des Projekts TU/ecomotive. Kreislauf­wirt­schaft sei deshalb ein wichtiges Thema in der Debatte darüber, wie Dinge hergestellt werden. Verstappen: „Die Automobil­in­dus­trie ist bereits sehr gut im Recycling. Wir sind jedoch der Meinung, dass der gesamte Lebenszy­klus eines Autos von der Produktion über die Nutzung bis zum Recycling optimiert werden sollte.“ Und wie, das soll Noah zeigen.

Sandwich­struktur aus Flachs und Zucker

Neu bei Noah ist die Verwendung eines Biokunst­stoffs auf Zuckerbasis. Das Chassis und der Innenraum bestehen aus besonders stabilen Sandwich­ele­menten, die wiederum aus Flachsfaser und eben Biokunst­stoff zusammen­ge­setzt sind. An wichtigen Stellen ist das Material stärker, um Sicherheit zu garantieren. Denn anders als Metall, das sich zum Beispiel bei einem Aufprall verformt, bricht das Biokomposit, aus dem Noah gebaut ist, oder bekommt Risse, erklärt Verstappen.

Für die Produktion des Materials wird laut Hersteller sechsmal weniger Energie benötigt als für die üblichen leichten Automate­ria­lien wie Aluminium oder Kohlefaser. Letzteres ist zwar ein sehr starkes, langlebiges und leichtes Material. Seine Produktion benötigt jedoch viel Energie. Und nicht nur das sei ein Problem, sagt Cas Verstappen: „Noch schlimmer wird es, wenn wir uns das Recycling anschauen. Es ist fast unmöglich, Kohlefasern zu recyceln, die meisten Teile landen auf Mülldepo­nien.“ Flachs dagegen wächst so gut wie überall und sei als bodenanrei­chernde Zwischen­kultur auch keine Konkurrenz zum Nahrungs­mit­tel­anbau. Am Ende seiner Nutzungs­dauer kann das Biokomposit aus Flachs und Zucker gemahlen und als Rohstoff für andere Produkte wie beispiels­weise Bausteine verwendet werden, so die Idee. Der Flachs, der in Noah steckt, wächst auf einer Fläche von rund 400 Quadratme­tern.

240 Kilometer Reichweite

Flachs sorgt auch dafür, dass Noah besonders leicht ist: das Fahrzeug wiegt 420 Kilo, davon 60 Kilo die Batterie. Die äußerlich vergleich­baren Kleinwägen Smart oder VW Up bringen mehr als das doppelte auf die Waage. Das geringe Gewicht wirkt sich auch auf die Reichweite des E-Fahrzeugs Noah aus: die beträgt rund 240 Kilometer bei einer Höchstge­schwin­dig­keit von 110 Stundenki­lo­me­tern. Die Leistung liegt bei 15 Kilowatt, das entspricht etwa 20 PS. Zum Vergleich: Knapp 60 Kilowatt Leistung bringt der E-Smart, das sind etwa 80 PS.

Die Idee, natürliche Materialien in einem Auto zu verbauen, ist nicht neu. Bereits vor mehr als 20 Jahren ersetzte Mercedes Benz in den Türverklei­dungen der damaligen E-Klasse Kunststoff durch Flachs und Sisal. Kenaf ist der Name einer Malvengat­tung, mit denen Autobauer Toyota seinerzeit einen Trend setzte. Mittlerweile wird Kenaf von vielen Autoherstel­lern verbaut, allerdings nur in Verbindung mit syntheti­schen Materialien. Ein ähnliches Ziel wie das Team aus Eindhoven verfolgen auch die Schweden: das Startup Uniti entwickelt aktuell einen Kleinwagen, der komplett aus natürlichen, wiederver­wert­baren Stoffen bestehen soll. Welche das genau sind, verrät das Unternehmen aktuell nicht.

Noch ein Test bis zur Straßenzu­las­sung

Für Noah gibt es derweil noch ein paar Hürden. Eigentlich war geplant, die Straßenzu­las­sung im Laufe des Jahres 2018 zu bekommen. Die ersten von drei Tests hat das Kleinfahr­zeug bestanden, einer steht noch aus. Da bisher nur ein Prototyp von Noah produziert wurde, finden die Crashtest virtuell statt. Und noch nicht alles an diesem Auto ist zu hundert Prozent nachhaltig. „In der Theorie ist alles an diesem Auto recyclebar. Doch es gibt immer noch ein paar praktische Schwierig­kei­ten“, sagt Cas Verstappen. So haben es die Studenten in der kurzen Entwicklungs­zeit von neun Monaten nicht geschafft, biologisch abbaubare reifen zu entwickeln. Verstappen: „Unsere Reifen sind nicht besser wiederver­wertbar als herkömmliche Reifen.“

Vor allem als Stadtauto und als Carsharing-Wagen könnte ein Einsatz denkbar sein. Deshalb wurde Noah mit Near-Field-Communica­tion-Modulen (NFC) in den Türen ausgestattet, damit man es bei der Buchung mit dem Handy öffnen kann. Wie viel der blaue Zweisitzer einmal kosten könnte, ist schwer zu sagen, so Verstappen. Momentan ist die Herstellung noch sehr teuer. Mit Investitionen in Produkti­ons­li­nien und Automati­sie­rung könnte sich das aber ändern. 15.000 bis 20.000 Euro beträgt die grobe Schätzung.

Im Sommer 2018 ging Noah erstmals auf große Europareise und machte Station an Universi­täten und bei Autokonzernen wie BMW oder Volkswagen. „Wir haben auf dieser Reise viel gelernt und unsere Geschichte mit vielen einfluss­rei­chen Leuten geteilt, die unsere Botschaft in der Branche weiterbringen könnten“, sagt Cas Verstappen