Image: Bitte kein BitEin Weihnachtsurlaub im Funkloch, um dem digitalen Wahnsinn unterm Baum zu entfliehen?| ikryannikovgmailcom
Ulfs* WeltWeihnachts-Kolumne

Bitte kein Bit

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Unser Kolumnist ist mit Technik unterm Tannenbaum aufgewachsen. Inzwischen würde er sich an Weihnachten aber am liebsten im Funkloch verkriechen.

10. Dezember 2019

Man muss den umtriebigen ZDF-Neo-Unterhalter Jan Böhmermann nicht unbedingt für einen Loriot des 21. Jahrhunderts halten. Man könnte sogar mutmaßen, Vicco von Bülow bemühe sich angesichts eines solchen Vergleichs um eine dezente Halbrota­tion in seinem Grab. Das Probeliegen in Bauchlage hat er bekanntlich schon zu Lebzeiten im Möbelhaus absolviert – auf dem Bett „Allegro“ mit doppeltem Federkern und Palmfaser­auf­lage, eine Empfehlung des Kundenbe­ra­ters Hallmacken­reu­ther.

Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass der Altmeister solche Spekulationen mit einem beherzten „Ach was!“ beiseite wischen würde, weil ihm Böhmis Hommage an seinen grandiosen Sketch „Weihnachten bei Familie Hoppenstedt“ gefallen hätte. Bei Böhmermanns Adaption der Vorlage von 1976 war der junge Schlaks immerhin so respektvoll, nicht den tattrigen Opa zu persiflieren, der lamentiert, früher sei mehr Lametta gewesen. Stattdessen schlüpfte unser Loriot-Epigone in die Rolle eines erwachsenen Enkels, der zum Leidwesen seiner eigentlich auf einen romantischen Heiligabend gepolten Lebensab­schnitts­ge­fährtin verzweifelt versucht, seinen neuen Smart Speaker „Chrystal“ mit dem Internet zu verbinden, um die Liebste per Audiostream mit einer Last-Christmas-Playlist zu beglücken. Allein, es will ihm nicht gelingen. Das blöde Ding versteht den Befehl „konägd se ßisstem, Christl“ einfach nicht und bleibt offline wie im tiefsten Funkloch.

Mit Hühnerfri­kassee und durchgebrannter Lichterkette

Wer wie ich eine Antenne für Böhmermanns speziellen Humor hat, der konnte die 2018 ausgestrahlte „perfekte Weihnacht“ kaum anschauen, ohne in der peinlichen Hauptfigur auch ein Stückchen von sich selbst zu erkennen. Haben wir an den angeblich so besinnli­chen Feiertagen wirklich nichts Besseres zu tun, als uns mit Digitalspiel­zeug herumzuär­gern, das partout nicht will, wie wir wollen? Mit „wir“ meine ich: „wir Erwachse­nen“. In meiner Kindheit und Jugend hieß „Bescherung“ natürlich, nach dem Pakete aufreißen sofort – sagen wir – die Carrerabahn aufzubauen und keine Ruhe zu geben, bis die Porsches und Ferraris nach einem Kavalier­start mit Karacho aus der ersten Kurve flogen. Der Frust darüber, dass es mir am nötigen Fingerspit­zen­ge­fühl fehlte, um E-Autos oder H0-Lokomotiven wohldosiert zu beschleu­nigen, gehörte zu Heiligabend wie Hühnerfri­kassee und Vatis Fahndung nach der einen durchgebrannten elektrischen Christbaum­kerze, die dafür sorgte, dass die ganze Lichterkette dunkel blieb.

Als ich dann selbst Vater war, hatte ich schon wieder vergessen, dass man viel mehr Spaß und Freude an Elektrik und Elektronik hat, wenn man sie nicht auf Teufelkomm­raus vor der versammelten Familie stante pede zum Laufen bringen will. Stattdessen schleppte ich vor der Bescherung stolz einen ausgewach­senen iMac ins Wohnzimmer, um Schwieger­el­tern und Kinder mit digitali­sierten Weihnachts­lie­dern zu beeindru­cken. Es gelang mir zwar, weil ich genau wusste wie‘s geht, aber wie sich das für meine Frau (und erst für ihre Mutter!) angefühlt haben muss, dämmerte mir erst 13 Jahre später, als ich im Christl-Sketch sah, wie der von Böhmi gemimte Nerd vor lauter Technik gar nicht spannt, wie egal seiner Freundin dieses Gedöns ist. Und das am Fest der Liebe.

Diskonägd se ßisstem, Christl!

Dieses Jahr, so mein Vorsatz, wird Weihnachten maximal-analog gefeiert, ich mache eine Bit-Diät. Ich weiß, das ist ein markiger Spruch für jemanden, der die Zeitung am Computer liest und sogar seine guten Neujahrs­wün­sche elektronisch verschickt. Zugegeben, ein bisschen Skype muss sein, weil die Tochter ein paar Tausend Kilometer weit weg ist, und telefoniert hat man ja früher auch. Aber sonst bleibt der Bildschirm aus. Kein Facebook, kein Twitter, nix. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich meine Frau dazu bekomme, drei Tage Whatsapp-Abstinenz durchzuhalten. Wenn ich das nicht schaffe, buche ich uns für nächstes Jahr einen Weihnachts­ur­laub im Funkloch, irgendwo in Deutschland. Wenn ich mir die Netzausbau­karte so anschaue, besteht an der Auswahl geeigneter Reiseziele ja wirklich kein Mangel.