Image: Automatische GesichtserkennungDie Gesichtserkennungstechnik wird in der Gesellschaft stark kritisiert. | GabrielPevide
TechnikBitte recht freundlich!

Auto­ma­ti­sche Gesichts­er­ken­nung

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Alexander Freimark

Alexander Jake Freimark

freier Journalist

Technolo­gien zur Gesichts­er­ken­nung verbreiten sich rasant: China misst die Aufmerksam­keits­spanne von Schulkin­dern, Autos erkennen müde Fahrer, die französi­sche Regierung plant eine App mit Gesichts­er­ken­nung für öffentliche Dienste, und in Japan ersetzt das Antlitz den U-Bahn-Fahrschein. Doch die Kritik an der Massenüber­wa­chung und ihren Schatten­seiten wird lauter.

17. März 2020

Die automati­sche Gesichts­er­ken­nung wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Während Vorteile wie Sicherheit und Bequemlich­keit locken, verweisen Gegner auf technische Defizite und eine nicht mehr kontrollier­bare Überwachung der Bürger. Besonders brisant: Durch die Kombination aus Kameras und Machine Learning können Individuen auch ohne digitale Merkmale wie ihr Smartphone identifi­ziert, markiert und verfolgt werden. Um digitale Bewegungs­pro­file zu erstellen, reicht somit das eigene Gesicht aus – etwas, das man nur sehr schwer auf der Straße verbergen kann. 

Kunst gegen Gesichts­er­ken­nung

Es sei denn, man löst das Problem auf der künstleri­schen Ebene. So wie der Computer­wis­sen­schaftler Adam Harvey, der mit speziellen Kleidungs­stü­cken, Accessoires und Frisuren die Kontinuität eines Gesichts gezielt unterbricht, damit Algorithmen Schlüssel­merk­male wie Symmetrien und Konturen nicht mehr erfassen und in Beziehung setzen können. Spezielle Druckmuster auf Camouflage-Textilien, die für die Software wie Gesichter wirken, sollen zudem die Genauigkeit der Erkennung reduzieren und so das System in die Irre führen.

Paranoid? In China schalten Kinder einer Oberschule in Hangzhou ihr vorbestelltes Mittagessen über eine Kamera frei, zudem überwacht das System ihre Ernährungs­ge­wohn­heiten. Auch werden die Schüler im Unterricht gefilmt, um zu kontrollieren, ob sie aufmerksam sind. Und wer im Reich der Mitte einen neuen Internet­an­schluss oder eine neue Telefonnummer beantragt, muss sein Gesicht scannen lassen. Dazu passt, dass Fußgänger, die über eine rote Ampel gehen, auf einem großen Bildschirm an der Kreuzung mit Foto und Namen angepran­gert werden. 

Sicherheit ist ein Wachstums­markt

China ist weit weg? In Mannheim testet die Polizei eine KI-Software, die Gefahren­si­tua­tionen in Videobil­dern automatisch erkennen und die Beamten informieren soll. Auch das Bundesin­nen­mi­nis­te­rium wollte 135 Bahnhöfe und 14 Flughäfen in Deutschland mit Kameras und Software ausstatten, um einen Großteil der sich dort aufhaltenden Menschen zu identifi­zieren. Nach dem Skandal um die Firma Clearview, die angeblich drei Milliarden Bilder aus dem Web gesaugt und ausgewertet hat, machte das Ministerium Anfang 2020 einen Rückzieher. Die New York Times nannte den Clearview-Fall das „Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen“. Über deren App sowie eine spezielle Datenbrille soll es möglich sein, Menschen auf der Straße zu identifi­zieren, falls ihre Gesichter in der Datenbank enthalten sind. 

Massiv investieren aber nicht nur Sicherheits­be­hörden, sondern auch die großen Web-Konzerne wie Amazon, Facebook und Google, Einzelhan­dels­ketten wie Target und Lowe’s sowie die Werbebranche. Für die ist ein bekannter Kunde Gold wert, denn er kann mit passenden Produkten, Services und Anzeigen gezielt beschickt werden. Zudem lässt sich die Technologie nutzen, um neben den Kunden auch die Mitarbeiter zu kontrollieren – lächeln sie wirklich freundlich genug so wie bei McDonalds in Japan? Logisch, dass hier bei den kommenden Olympischen Sommerspielen in Tokio bis zu 400.000 Athleten, Journalisten und Betreuer ihr Gesicht aus Sicherheits­gründen zur Identifi­ka­tion vorhalten müssen.

Eine Flut von Kameras

Rund 770 Millionen Überwachungs­ka­meras gibt es heute auf der Welt, berichten die Marktfor­scher von IHS Markit. 2021, so die Prognose, soll ihre Zahl auf eine Milliarde ansteigen. Die absolute Mehrzahl steht in China, bezogen auf Kameras pro Einwohner liegen heute aber die USA vorne. Hinzu kommt, dass die Menschen allmählich an die Gesichts­er­ken­nung gewöhnt werden: Laut eMarketer wächst der Anteil der Smartphones, die durch das Antlitz des Besitzers entsperrt werden können, im laufenden Jahr auf 64 Prozent. Und auch immer mehr Rechner, Autos und Finanzdienst­leister erlauben den Zugriff auf diesem Weg.

Doch inzwischen hat die großflächige Überwachung zu einer kleinen Gegenbewe­gung in den USA geführt. So verbot San Francisco den städtischen Behörden den Einsatz der Technologie, Bundesbe­hörden und Unternehmen sind allerdings davon ausgenommen. Und weiter nördlich in Portland, Oregon, ist ein Verbot der Gesichts­er­ken­nung geplant, das Firmen einschließt. Auch in der EU-Kommission wird inzwischen diskutiert, die öffentliche Gesichts­er­ken­nung für ein paar Jahre auszusetzen, um Mechanismen gegen den Missbrauch einzuführen.

Neue Technik für die Identifi­ka­tion

Dabei ist die Technologie längst weiter, berichtete das Fachmagazin Technology Review: Demnach arbeitet das Pentagon an einem laserbasierten System, mit dem Personen aus bis zu 200 Meter Entfernung identifi­ziert werden können. Die Jetson-Technologie verwendet Laser-Doppler-Vibrometrie, um Oberflächen­be­we­gungen zu erfassen, die durch den Herzschlag des Menschen hervorge­rufen werden. Ziel ist, ein Objekt innerhalb von fünf Sekunden anhand seines „Herzabdrucks“ zu identifi­zieren. Was derzeit noch dagegen hilft? Daunenja­cken.