Image: Autonomes Fahren im PraxistestEs gibt viele Projekte für automatisiertes Fahren auf Deutschlands Straßen. | 4X-image
TrendJa wo fahren sie denn?

Auto­nomes Fahren im Praxis­test

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Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Noch ist vieles unklar, doch getestet wird trotzdem: an der autonomen Mobilität der Zukunft. Wie funktioniert die Technik, wenn die Bedingungen nahezu real sind? Ein Statusbe­richt aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern.

17. September 2019

Autonomes Fahren ist in der Realität angekommen – jedenfalls auf ausgesuchten Strecken. Eine davon befindet sich in der Hamburger Innenstadt. Vom Hafen an den Landungs­brü­cken über St. Pauli, Planten und Bloomen, Rödingsmarkt zurück zum Hafen. Direkt durchs Herz der Hansestadt führt der im Endausbau rund neun Kilometer lange Circuit.

Automati­siertes Fahren

Gestartet wurde das Gemeinschafts­pro­jekt der Stadt Hamburg mit Volkswagen im Frühsommer 2019. Fünf autonom fahrende Elektro-Golfs düsen dabei mit maximal 50 Stundenki­lo­me­tern über die bislang rund drei Kilometer lange vom Hamburger Senat eingerich­tete Teststrecke für automati­siertes und vernetztes Fahren (TAVF). Auf den weiteren sechs Kilometern gilt es nun, Ampelanlagen schrittweise mit Technik zur Kommunika­tion mit den autonomen Autos nachzurüsten. Bis 2020 sollen entlang der Strecke 37 Ampeln und eine Brücke so ausgestattet sein, dass sie Informationen per WLAN an die Fahrzeuge senden können. Die Kosten dafür betragen rund 21,8 Millionen Euro.

Per Ausnahme­ge­neh­mi­gung dürfen die Autos darauf automati­siert fahren, also ohne, dass der Fahrer eingreifen muss. Der Fahrer wird lediglich in äußerst komplexen Situationen übernehmen. Wer am Steuer sitzt, muss zwar eine gültige Fahrerlaubnis besitzen und körperlich fahrtüchtig sein, doch theoretisch ist hier bereits ein Fahren im „Mind off“-Modus denkbar, das heißt: Schlafen während der Fahrt ist erlaubt.

Dämmertörn versus Crash-Kurs

Damit aus dem Dämmertörn kein Crash-Kurs wird, sind die Fahrzeuge laut Angaben des Autokonzerns vollgestopft mit Technik: Elf Laser-Scanner, sieben Radarsen­soren und 14 Kameras sollen dafür sorgen, dass sich die Autos autonom und unfallfrei durch den Hamburger Stadtver­kehr bewegen. Der massive Einsatz von Technik ist auch nötig, denn nirgends ist die Verkehrs­lage so komplex bis hin zu chaotisch wie in einer Großstadt. Im Kofferraum eines jeden E-Golf steckt dazu ein kleines Rechenzen­trum, dass die Leistung von 15 Laptops bieten soll und das pro Minute bis zu fünf Gigabyte Daten verarbeiten kann.

Laut Inrix, einem Unternehmen, das standort­be­zo­gene Datenana­lysen für Verkehr und Parken liefert, verbringen Deutsche circa 41 Stunden pro Jahr mit der Suche nach einem Parkplatz. Engländer suchen 44 Stunden und Bewohner New Yorks sogar 107 Stunden jährlich. Hamburg Airport hat dazu mit den Automarken Volkswagen, Audi und Porsche ein Testfeld in einem terminal-nahen Parkhaus eingerichtet. Die drei bisher eingesetzten Testfahr­zeuge wurden zuvor mit zusätzli­chen Umgebungs­sen­soren ausgestattet und suchen sich einen freien Parkplatz. Bis Ende dieses Jahres sollen bereits höherprei­sige Serienfahr­zeug diese technische Ausstattung und Funktiona­lität mitbringen.

Durch automati­siertes Parken soll einerseits mehr Komfort angeboten werden, andererseits können auf gleicher Fläche rund 20 Prozent mehr Fahrzeuge abgestellt werden, wie Entwickler von Bosch und Mercedes Benz in einem ähnlichen Projekt in Stuttgart herausge­funden haben. Denn Sicherheits­be­reiche und Abstände werden kleiner, da die automati­sierten Systeme millimeter­genau navigieren.

Einmal parken, waschen und bügeln bitte

In Hamburg buchen Nutzer den Parkplatz von zuhause per App und geben ihr Auto am Eingang des Parkhauses ab, so der Plan. Die Umfelder­ken­nung erfolgt über im Parkhaus angebrachte Bildmarker, ähnlich einem QR-Code, an denen sich die Fahrzeug­sen­soren orientieren. In dem Projekt werden gleichzeitig weitere Dienstleis­tungen angeboten. So können bestellte Pakete in den Kofferraum des Fahrzeugs geliefert werden oder die Reinigung hängt frisch gewaschene Kleidung direkt ins Fahrzeug, während der Fahrzeug­be­sitzer auf Reisen ist. Nach der Rückkehr sendet der Fahrer eine Nachricht mittels App und das Fahrzeug fährt zum Ausgang des Parkhauses. Die Abrechnung erfolgt dann ebenfalls per App.

Großes Potenzial verspricht sich der öffentliche Nahverkehr durch den Einsatz von autonomen Fahrzeugen. Im bayerischen Kurort Bad Birnbach befördern Busse der französi­schen Firma easy mile derzeit bis zu sechs Personen gleichzeitig auf einer rund 1,5 Kilometer langen Strecke. Der elektrisch betriebene Kleinbus ist behinder­ten­ge­recht ausgestattet und pendelt zwischen Marktplatz, Rottal Terme und Atrium. Im Herbst 2019 soll der Bahnhof angebunden werden. Sicherheit steht dabei an oberster Stelle. So ist die Geschwin­dig­keit vorerst auf 15 km/h beschränkt – möglich wären 40 km/h. Der Bus ist zudem mit einer Vielzahl an Sensoren ausgestattet. Unter anderem befinden sich an den vier Ecken Sensoren, die im 360-Grad-Winkel alles abscannen, was steht oder geht.

86-jähriger verursacht Parkrempler

Die Strecke wird programmiert und von den Bussen „gelernt“. Außerdem ist in der Pilotphase eine Begleitperson an Bord, die eingreifen kann. Seit dem Start im Oktober 2017 wurden laut Angaben der Bahn-Tochter ioki, die für das Projekt verantwort­lich ist, 20.000 Kilometer zurückge­legt und 32.000 Passagiere befördert. Unfallfrei? Fast. Ein Parkrempler stört die Bilanz. Ein 86-jähriger Mann setzte seinen Wagen rückwärts aus einer Parkbucht und stieß hierbei mit dem Heck gegen die Front des autonomen Busses. „Mit jedem anderen Fahrzeug wäre es in dieser Situation wohl zu einem ähnlichen Parkrempler gekommen“, ordnete die Polizei den Vorfall ein.

Zurück in den Norden: Anfang Mai fiel in Keitum auf Sylt der Startschuss für den sogenannten NAF-Bus (Nachfrage­ge­steuert Autonom Fahrender Bus). Anders als beim klassischen öffentli­chen Nahverkehr kommen autonom fahrende Busse ohne feste Routen und Fahrpläne zum Einsatz, die einzig durch die Nachfrage gesteuert werden. Auf einer 2,7 Kilometer langen Strecke fährt jetzt der elektrische Bus der Sylter Verkehrs­ge­sell­schaft (SVG) auf öffentli­cher Straße durch Keitum. Es ist kein Fahrer an Bord, sondern lediglich ein Operator, der im Notfall eingreifen kann. In Enge-Sande auf dem nordfrie­si­schen Festland wird bereits seit mehreren Monaten ein autonom fahrender Bus getestet. Ein weiterer Bus soll im Kreis Dithmarschen an den Start gehen.