Image: Digitale AchtsamkeitSich vom Smartphone zu trennen, ist schwierig. | akindo
TrendBitte nicht stören

Digi­tale Acht­sam­keit

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Anja Reiter

Anja Reiter

Freie Journalistin

Der Griff zum Smartphone unterbricht regelmäßig unsere Konzentra­ti­ons­phasen. Nun sollen ausgerechnet Smartphone-Apps die Sucht nach dem Smartphone heilen. Kann das funktionieren?

18. September 2019

Wenn Sie diesen Text auf dem Smartphone lesen, sind Sie vermutlich mal wieder der digitalen Versuchung erlegen. Wie durchschnitt­lich 53 Mal am Tag. So oft aktiviert der übliche Smartphone-Besitzer pro Tag sein Handy. Alle 18 Minuten lassen wir uns im Schnitt von unserer aktuellen Tätigkeit ablenken. Nutzer verbringen zweieinhalb Stunden am Tag mit dem Gerät, nur sieben Minuten davon zum Telefonieren.

Diese Zahlen hat Alexander Markowetz schon 2015 herausge­funden. Der Informatiker forschte damals an der Universität Bonn, heute ist er freier Berater und Autor. Er analysierte mittels der App „Menthal“ das Smartphone-Verhalten von 60.000 Nutzern, seine Erkenntnisse fasste er in seinem Buch „Digitaler Burnout“ zusammen. Markowetz ist sich sicher: „Smartphone-Apps funktionieren wie Glücksspiel­au­to­maten. Wir betätigen sie immer wieder, um uns einen kleinen Kick zu holen.“

Der Smartphone-Reflex

Was macht uns aber so süchtig nach dem Smartphone? Psychologen nennen das Phänomen „intermit­tie­rende Verstärkung“. Das bedeutet, dass man durch das Aktivieren des Smartphones hin und wieder mit einem positiven Gefühl belohnt wird – etwa durch neue Likes unter einem Foto, eine Push-Nachricht mit dem Fußballer­gebnis der Lieblings­mann­schaft oder eine positive Mail des Vorgesetzten. Weil unser Gehirn auf diese unregelmä­ßige Art der Verstärkung sehr gut anspringt, schleift sich die Dauernut­zung des Smartphones sehr schnell ein – ähnlich wie bei Glücksspielen.

Wie alles hat also auch die Digitali­sie­rung zwei Seiten. Dank ihr haben wir einerseits viele neue Werkzeuge gewonnen, die unseren Alltag erleichtern: Kollabora­tive Kommunika­tions-Tools wie Slack unterstützen die Teamarbeit, Plattformen wie Facebook oder LinkedIn erleichtern das Netzwerken. Doch viel zu oft lassen wir uns durch eintrudelnde Push-Nachrichten aus einer konzentrierten Arbeitsphase reißen, blicken selbst nachts auf unsere Telefone auf dem Nachtkäst­chen und nutzen die Mini-Pausen des Alltags nicht mehr zum Kopffrei­kriegen, sondern zum Facebook-Daddeln.

Radikal offline ist auch keine Lösung

Was fehlt, sind Kulturtech­niken, um die neuen Werkzeuge so einzusetzen, dass wir uns dabei nicht selbst schaden. Wie können praktische Wege aussehen, um trotz der unumkehr­baren Digitali­sie­rung Inseln der Autonomie zurückzu­er­obern? Wie können wir uns gegen den Impuls wehren, alle paar Minuten aufs Smartphone zu schauen?

Radikal offline zu gehen ist für die meisten von uns freilich keine Lösung. Sinnvoller ist es da schon, auf Selbstzüch­ti­gung zu setzen. Mittlerweile gibt es viele Apps, die einem dabei helfen, nicht mehr so häufig auf Apps zurückzu­greifen. Programme wie „Rescue Time“ analysieren das Verhalten des Nutzers und sperren während wichtiger Konzentra­ti­ons­phasen störende Nachrichten oder Plattformen. Auch viele Messaging-Tools haben mittlerweile Features eingebaut, die uns beim Konzentrieren helfen sollen. Bei Slack etwa heißt das Feature „Bitte nicht stören!“. Das neue „Take a break“-Feature von Youtube soll User darauf aufmerksam machen, wie viel Zeit diese mit dem Konsum von Videos verbringen und Pausen vorschlagen.

Neuer Megatrend: Digitales Wohlbefinden?

Die Bewegung der „digitalen Achtsamkeit“ ist selbst bei den Smartphone-Giganten Google und Apple angekommen. Sie stellten 2018 neue Funktionen vor, mit denen Smartphone-Nutzer ihren eigenen Umgang mit dem Gerät besser überblicken und steuern können. „Bildschirm­zeit“ nennt Apple das vorinstal­lierte Feature; „Digital Wellbeing“ heißt die Funktion auf den Android-Telefonen. Die Tools zeigen dem Nutzer, welche Programme er am häufigsten nutzt oder wie oft er sein Handy aktiviert. Außerdem lassen sich mit Hilfe der Tools App-Limits setzen: So kann man zeitfres­senden Apps Zeitkontin­gente zuweisen, die nicht überschritten werden dürfen.

Klar ist: Die Tech-Konzerne kommen nur deshalb in einer Art vorausei­lenden Gehorsam mit solchen Funktionen um die Ecke, weil Datenpannen und Konter-Bewegungen wie „Time Well Spent“ einen tiefen Imageschaden hinterlassen haben. In Wahrheit verdienen die Konzerne immer noch ihr Geld damit, dass Nutzer möglichst viel Zeit auf den jeweiligen Plattformen verbringen. Dennoch: Die Funktionen können uns dabei helfen, mehr Bewusstsein für unser digitales Treiben zu entwickeln. Denn nur wenn wir unser digitales Wohlbefinden trainieren, können uns die digitalen Werkzeuge auch in Zukunft mehr nutzen als schaden.