MenschenSportpsychologe Thorsten Leber

„Teamstrukturen sind systemisch zu betrachten“

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Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Arbeiten Teams wirklich effektiver? Wie setzt man sie am besten zusammen, was ist dabei wichtig zu beachten? Sportpsychologe Thorsten Leber, Coach von Fußballprofimannschaften, Golf-Professionals und Nachwuchstalenten, gibt Antworten.

28. Januar 2014

Wie muss ein Team zusammengesetzt sein, um die Fußball-Championsleague zu gewinnen?

Thorsten Leber: Fragen nach dem Ideal werden oft gestellt. Und der Wunsch, der sich in vielen Fällen dahinter verbirgt, ist eine Art Checkliste, die man am besten Punkt für Punkt abhaken kann. Da eine Teamsituation aber im Normalfall sehr komplex ist, sind die Kriterien für ein erfolgreiches Team und ihre Zusammenhänge untereinander mindestens genauso komplex. Ergo: Universal-Rezepte gibt es leider keine und ein ideales Team auch nicht. Jede Variante hat Vor- und Nachteile.

Ok, Kochrezepte gibt es also nicht. Aber wenigstens Schlüsselfaktoren?

Leber: Ja, die gibt es. Dazu zählt insbesondere die individuelle und kollektive Kompetenzerwartung. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das Vertrauen der Teammitglieder darauf, dass ein Team in der Lage ist, die anstehenden Aufgaben zu meistern. Und dieses Vertrauen lässt sich trainieren und aufbauen, etwa durch gemeinsame Erfolgserlebnisse, durch das Feedback im Team und durch einen zielführenden Umgang mit Emotionen.

Mit welchen Tools und Methoden arbeiten Sie etwa mit Bundesligaprofis, um ein Team zu formen?

Leber: Die Auswahl eines Tools orientiert sich zunächst an der Frage- bzw. Aufgabenstellung. So erfordert die Bewältigung von Konflikten völlig andere Maßnahmen als beispielsweise ein erfolgreiches Zusammenwachsen zu Beginn eines Projekts. Dementsprechend umfangreich ist der Werkzeugkasten, aus dem wir uns bedienen. Worauf wir aber immer Wert legen, ist die Nachhaltigkeit einer Maßnahme. Das wird gerade bei den klassischen Teambuilding-Events oft vernachlässigt. Das Event als solches kann nur ein Anschub und Ideengeber sein. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Zeit danach, wenn es darum geht, die Erfahrungen und das Gelernte konsequent in den Berufsalltag zu übertragen.

Welche Tests und Tools haben sich Ihrer Erfahrung nach bewährt?

Leber: Tests sind zwar eine relativ ökonomische Entscheidungshilfe, aber im Rahmen eines Auswahlverfahrens nur ein Baustein von vielen. Neben den Soft Skills, die im psychosozialen Kontext im Vordergrund stehen, spielen die Fachkompetenzen im engeren Sinne bei der Teamzusammensetzung häufig die wichtigere Rolle. Wir halten es deshalb für sinnvoller, Tests zu nutzen, um Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Teams zu finden. Dabei kommen etwa verschiedene Fragebogen-Instrumente zur Analyse von Persönlichkeitsprofilen zum Einsatz. Wenn es richtig in die Tiefe gehen soll, nutzen wir häufig das Instrument „sci:vesco“ (siehe Kasten).

Über die Generation der Digital Natives und deren Eintritt ins Berufsleben wird viel geschrieben, über virtuelle Teams auch. Wie verändern diese Aspekte die Aufgabe der Teamführung?

Leber: Vor allen Dingen verändert sich die Kommunikation. Die neuen Wege und Arten der Zusammenarbeit eröffnen diverse Möglichkeiten, die ein Team effizienter machen können. Wichtig für die Führungskräfte ist dabei vor allen Dingen, sich diesen neuen Möglichkeiten zu öffnen und in vorhandene Strukturen sinnvoll zu integrieren. Die Veränderung von Kommunikationsstrukturen sollte aber auch kritisch hinterfragt werden und in dosierten Schritten erfolgen. Zum einen, um das Risiko von Misserfolgen zu minimieren, zum anderen aber auch, um Teammitglieder, die über viele Jahre an bekannte Strukturen gewöhnt sind, nicht unvorbereitet ins kalte Wasser zu werfen.

Gerade Digital Natives und virtuelle Präsenz sind zwei Einflussfaktoren, die eine ständige Erreichbarkeit fast schon selbstverständlich machen. Deshalb ist die zielgerichtete Befreiung von der Dauer-Erreichbarkeit eine noch wichtigere und schwierigere Führungsaufgabe geworden. Das ist vor allen Dingen für zwei Leistungsfaktoren wichtig: optimale Konzentration und optimale Regeneration. Beide sind nur ohne Ablenkung und Unterbrechung möglich.

Welche Fehler werden bei der Zusammenstellung von Teams meistens gemacht?

Leber: In den meisten Auswahlsituationen geht es nicht darum, ein vollständig neues Team aufzubauen, sondern in bestehenden Teams einzelne Personen auszutauschen oder zu integrieren. Dabei wird immer noch häufig davon ausgegangen, dass das ein rein fachlicher Übergabeprozess ist. Teamstrukturen sind aber systemisch zu betrachten. Das heißt die Veränderung eines Teils hat Auswirkungen auf das ganze System, so können sich dadurch Rollen und Kommunikationsstrukturen neu definieren. Deshalb ist es wichtig, diesen Veränderungen Raum zu geben und die Teammitglieder für solche Wechselwirkungen zu sensibilisieren bzw. zu rüsten.

Was können Unternehmen von Teams im Sport lernen und umgekehrt?

Leber: Unternehmen werfen gern einen Blick in den Sport, wenn es um Soft Skills wie Motivation, Zusammenhalt oder Umgang mit Druck geht. Das Schöne dabei ist, dass die Strategien, mit denen Sportler und Sport-Teams ihre Höchstleistung abrufen im Berufsalltag tatsächlich genauso greifen wie im Sport selbst. Denn das Ziel ist in beiden Fällen sehr ähnlich: optimale Leistung, wenn es drauf ankommt.

Der Blick in die umgekehrte Richtung, also vom Sport in den Wirtschaftsbereich, richtet sich häufig auf Strukturen, Organisationsformen oder Prozessmanagement. In Zeiten, in denen körperliche Leistungsgrenzen immer mehr ausgereizt sind, ist die Organisation des Umfelds ein Faktor, in dem noch Optimierungspotenzial vermutet werden darf, das letztlich der sportlichen Leistung zugute kommt. Der regelmäßige Blick über den Tellerrand in beide Richtungen lohnt sich jedenfalls.

Teamanalyse per Software

Bisher schwer zugängliche Daten über Persönlichkeitseigenschaften, Visionen und Einstellungen (Insights) lassen sich mit sci:vesco analysieren, zusammenfassen und vergleichen. „Im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren ist sci:vesco in der Lage das kollektive Wissen zu erfassen, in dem jeder Befragte persönlich zu Wort kommt“, erklärt Dr. Matthias Rosenberger, Geschäftsführer des Anbieters elements and constructs. Das Ergebnis einer Untersuchung ist eine intuitiv verständliche, dreidimensionale Grafik mit einer unvergleichbar hohen inhaltlichen Repräsentativität. Dabei werden mit Hilfe eines Interviewverfahrens subjektive Sichtweisen auf relevante Themen erfasst und vor allem für alle nachvollziehbar visualisiert und verdichtet. Die konsequente Integration individueller Standpunkte sorgt dabei für eine Identifikation der Teammitglieder mit den daraus abgeleiteten Maßnahmen. 

www.elementsandconstructs.de

Ausgabe 2014/01

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