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MenschenSportpsychologe Thorsten Leber

„Team­struk­turen sind syste­misch zu betrach­ten“

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Arbeiten Teams wirklich effektiver? Wie setzt man sie am besten zusammen, was ist dabei wichtig zu beachten? Sportpsy­cho­loge Thorsten Leber, Coach von Fußballpro­fi­mann­schaften, Golf-Professio­nals und Nachwuchs­ta­lenten, gibt Antworten.

28. Januar 2014

Wie muss ein Team zusammen­ge­setzt sein, um die Fußball-Champions­le­ague zu gewinnen?

Thorsten Leber: Fragen nach dem Ideal werden oft gestellt. Und der Wunsch, der sich in vielen Fällen dahinter verbirgt, ist eine Art Checkliste, die man am besten Punkt für Punkt abhaken kann. Da eine Teamsitua­tion aber im Normalfall sehr komplex ist, sind die Kriterien für ein erfolgrei­ches Team und ihre Zusammen­hänge unterein­ander mindestens genauso komplex. Ergo: Universal-Rezepte gibt es leider keine und ein ideales Team auch nicht. Jede Variante hat Vor- und Nachteile.

Ok, Kochrezepte gibt es also nicht. Aber wenigstens Schlüssel­fak­toren?

Leber: Ja, die gibt es. Dazu zählt insbeson­dere die individu­elle und kollektive Kompeten­zer­war­tung. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das Vertrauen der Teammitglieder darauf, dass ein Team in der Lage ist, die anstehenden Aufgaben zu meistern. Und dieses Vertrauen lässt sich trainieren und aufbauen, etwa durch gemeinsame Erfolgser­leb­nisse, durch das Feedback im Team und durch einen zielführenden Umgang mit Emotionen.

Mit welchen Tools und Methoden arbeiten Sie etwa mit Bundesli­ga­profis, um ein Team zu formen?

Leber: Die Auswahl eines Tools orientiert sich zunächst an der Frage- bzw. Aufgaben­stel­lung. So erfordert die Bewältigung von Konflikten völlig andere Maßnahmen als beispiels­weise ein erfolgrei­ches Zusammen­wachsen zu Beginn eines Projekts. Dementspre­chend umfangreich ist der Werkzeug­kasten, aus dem wir uns bedienen. Worauf wir aber immer Wert legen, ist die Nachhaltig­keit einer Maßnahme. Das wird gerade bei den klassischen Teambuil­ding-Events oft vernachläs­sigt. Das Event als solches kann nur ein Anschub und Ideengeber sein. Die eigentliche Herausfor­de­rung liegt in der Zeit danach, wenn es darum geht, die Erfahrungen und das Gelernte konsequent in den Berufsalltag zu übertragen.

Welche Tests und Tools haben sich Ihrer Erfahrung nach bewährt?

Leber: Tests sind zwar eine relativ ökonomische Entschei­dungs­hilfe, aber im Rahmen eines Auswahlver­fah­rens nur ein Baustein von vielen. Neben den Soft Skills, die im psychoso­zialen Kontext im Vordergrund stehen, spielen die Fachkompe­tenzen im engeren Sinne bei der Teamzusam­men­set­zung häufig die wichtigere Rolle. Wir halten es deshalb für sinnvoller, Tests zu nutzen, um Ansatzpunkte für die Weiterent­wick­lung von Teams zu finden. Dabei kommen etwa verschie­dene Fragebogen-Instrumente zur Analyse von Persönlich­keits­pro­filen zum Einsatz. Wenn es richtig in die Tiefe gehen soll, nutzen wir häufig das Instrument „sci:vesco“ (siehe Kasten).

Über die Generation der Digital Natives und deren Eintritt ins Berufsleben wird viel geschrieben, über virtuelle Teams auch. Wie verändern diese Aspekte die Aufgabe der Teamführung?

Leber: Vor allen Dingen verändert sich die Kommunika­tion. Die neuen Wege und Arten der Zusammen­ar­beit eröffnen diverse Möglichkeiten, die ein Team effizienter machen können. Wichtig für die Führungs­kräfte ist dabei vor allen Dingen, sich diesen neuen Möglichkeiten zu öffnen und in vorhandene Strukturen sinnvoll zu integrieren. Die Veränderung von Kommunika­ti­ons­struk­turen sollte aber auch kritisch hinterfragt werden und in dosierten Schritten erfolgen. Zum einen, um das Risiko von Misserfolgen zu minimieren, zum anderen aber auch, um Teammitglieder, die über viele Jahre an bekannte Strukturen gewöhnt sind, nicht unvorbereitet ins kalte Wasser zu werfen.

Gerade Digital Natives und virtuelle Präsenz sind zwei Einfluss­fak­toren, die eine ständige Erreichbar­keit fast schon selbstver­ständ­lich machen. Deshalb ist die zielgerich­tete Befreiung von der Dauer-Erreichbar­keit eine noch wichtigere und schwieri­gere Führungs­auf­gabe geworden. Das ist vor allen Dingen für zwei Leistungs­fak­toren wichtig: optimale Konzentra­tion und optimale Regenera­tion. Beide sind nur ohne Ablenkung und Unterbre­chung möglich.

Welche Fehler werden bei der Zusammen­stel­lung von Teams meistens gemacht?

Leber: In den meisten Auswahlsi­tua­tionen geht es nicht darum, ein vollständig neues Team aufzubauen, sondern in bestehenden Teams einzelne Personen auszutau­schen oder zu integrieren. Dabei wird immer noch häufig davon ausgegangen, dass das ein rein fachlicher Übergabe­pro­zess ist. Teamstruk­turen sind aber systemisch zu betrachten. Das heißt die Veränderung eines Teils hat Auswirkungen auf das ganze System, so können sich dadurch Rollen und Kommunika­ti­ons­struk­turen neu definieren. Deshalb ist es wichtig, diesen Veränderungen Raum zu geben und die Teammitglieder für solche Wechselwir­kungen zu sensibili­sieren bzw. zu rüsten.

Was können Unternehmen von Teams im Sport lernen und umgekehrt?

Leber: Unternehmen werfen gern einen Blick in den Sport, wenn es um Soft Skills wie Motivation, Zusammen­halt oder Umgang mit Druck geht. Das Schöne dabei ist, dass die Strategien, mit denen Sportler und Sport-Teams ihre Höchstleis­tung abrufen im Berufsalltag tatsächlich genauso greifen wie im Sport selbst. Denn das Ziel ist in beiden Fällen sehr ähnlich: optimale Leistung, wenn es drauf ankommt.

Der Blick in die umgekehrte Richtung, also vom Sport in den Wirtschafts­be­reich, richtet sich häufig auf Strukturen, Organisa­ti­ons­formen oder Prozessma­nage­ment. In Zeiten, in denen körperliche Leistungs­grenzen immer mehr ausgereizt sind, ist die Organisa­tion des Umfelds ein Faktor, in dem noch Optimierungs­po­ten­zial vermutet werden darf, das letztlich der sportlichen Leistung zugute kommt. Der regelmäßige Blick über den Tellerrand in beide Richtungen lohnt sich jedenfalls.

Teamanalyse per Software

Bisher schwer zugängliche Daten über Persönlich­keits­ei­gen­schaften, Visionen und Einstellungen (Insights) lassen sich mit sci:vesco analysieren, zusammen­fassen und vergleichen. „Im Gegensatz zu herkömmli­chen Verfahren ist sci:vesco in der Lage das kollektive Wissen zu erfassen, in dem jeder Befragte persönlich zu Wort kommt“, erklärt Dr. Matthias Rosenberger, Geschäfts­führer des Anbieters elements and constructs. Das Ergebnis einer Untersuchung ist eine intuitiv verständ­liche, dreidimen­sio­nale Grafik mit einer unvergleichbar hohen inhaltli­chen Repräsen­ta­ti­vität. Dabei werden mit Hilfe eines Interview­ver­fah­rens subjektive Sichtweisen auf relevante Themen erfasst und vor allem für alle nachvoll­ziehbar visualisiert und verdichtet. Die konsequente Integration individu­eller Standpunkte sorgt dabei für eine Identifi­ka­tion der Teammitglieder mit den daraus abgeleiteten Maßnahmen. 

www.elementsand­con­structs.de

Ausgabe 2014/01

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