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MenschenDigitaltherapeutin Anitra Eggler

"Die falschen Karrie­re­götzen vom Thron stürzen"

Lesezeit ca.: 7 Minuten
Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Nachdem sie zwei Jahre ihres Lebens mit Mailen und Surfen vergeudet hat, sagt Digitalthe­ra­peutin Anitra Eggler dem E-Mail-Wahnsinn den Kampf an. Kritischer Umgang und Abschalten sei nötig und wenn nichts mehr hilft: harter Entzug.

14. Februar 2014

E-Mails machen dumm, krank und arm. So lautet der Titel Ihres Buches. Woher nehmen Sie diese Erkenntnisse?

Anitra Eggler: Eine Studie am britischen King’s College belegt, dass bekiffte Menschen IQ-Tests besser lösen als Menschen, die durch E-Mails abgelenkt werden. Durch E-Mail-Multitas­king sank der gemessene IQ-Wert um zehn Prozent – doppelt so stark wie bei der Kiffer-Gruppe. E-Mails machen also dumm. Dass die permanente Informati­ons­flut in Kombination mit ständiger Arbeitsun­ter­bre­chung durch E-Mails, Handy, Sinnlos-Surfen unkonzen­triert und unproduktiv macht, ist nicht neu. Wird dieser Zustand allerdings Normalzu­stand, entsteht die Kommunika­ti­ons­krank­heit »Attention Deficit Trait (ADT)«. Harvard-Arzt und -Psychiater Edward M. Hallowell schätzt, dass bereits jeder zweite Manager unter ADT leidet. Ergo: E-Mails machen krank.

Die Verarmung – ist das dann das Resultat?

Eggler: Ja. Krankhafter Konzentra­ti­ons­ver­lust, ausgelöst durch zwanghafte Ablenkungs­lust. Weil sie uns so lange und so häufig von der Arbeit ablenkt, dass wir verlernen, konzentriert – das heißt produktiv – zu arbeiten.

Wie hoch ist der finanzielle Schaden?

Eggler: Nur eine tägliche Ablenkungs­stunde pro Mitarbeiter – mittlerweile ein Wert am unteren Ende der Skala – bei einer Gehaltsklasse von 3.700 Euro Monatsbrutto kostet den Arbeitgeber inklusive Lohnneben- und Gemeinkosten bei 250 Arbeitstagen im Jahr rund 25 000 Euro – pro Mitarbeiter. Bei 100 Mitarbei­tern sind das bereits 2,5 Millionen Euro.

Sind das jetzt Ihre Hochrech­nungen?

Eggler: Die New Yorker Beraterfirma Basex hat bereits 2008 herausge­funden, dass Angestellte durch Ablenkung im Schnitt 2,1 Arbeitsstunden am Tag verplempern – 28 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr. Wirtschaft­li­cher Schaden? 588 Milliarden US-Dollar. Aber nicht nur das. E-Mails machen in zweierlei Hinsicht arm: betriebs- wirtschaft­lich und beziehungs­tech­nisch.

Beziehungs­tech­nisch, warum das?

Eggler: Die Worte Facebook, Handy, E-Mail »zieren« bereits jede dritte Scheidungs­klage in Großbritan­nien. Kein Wunder: Wer überall zugleich sein will, ist nirgends mehr richtig; wer mehr Zeit mit digitaler Kommunika­tion verbringt als mit den Menschen, die er von Herzen liebt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er beziehungs­tech­nisch verarmt.

Wann haben Sie persönlich gemerkt, hier stimmt was nicht, ich leide an E-Mail-Wahnsinn und Sinnlos-Surf-Syndrom?

Eggler: Ich habe eine Studie im PM Magazin gelesen, die besagt: Wenn wir 75 Jahre leben, verbringen wir rund acht Monate mit dem Löschen unerwünschter E-Mails und nur zwölf Stunden mit Orgasmen. Diese Studie in Kombination mit dem Leidensdruck meiner Mitarbeiter war Auslöser, die Kommunika­ti­ons­kultur meiner Mitarbeiter zu hinterfragen und zu optimieren und meine eigene Lebensbi­lanz zu ziehen.

Und?

Eggler: Die war erschreckend: Ich hatte bereits 1,5 Lebensjahre vermailt und 2,5 Lebensjahre versurft. Und von der Orgasmus-Zeit sprechen wir jetzt mal nicht, da arbeite ich dran.

Wie konnte es dazu kommen?

Eggler: Highspeed-Kommunika­tion und Rund-um-die-Uhr-Erreichbar­keit, auch im Urlaub, habe ich immer als karriere­be­dingte Notwendig­keit, als Wettbewerbs­vor­teil, Synonym für Projektma­nage­ment und Internet-Dienstleis­ter­tu­gend angesehen. Darunter haben meine Teams gelitten – und meine Lebensqua­lität.

Wie haben Sie die Kurve gekriegt?

Eggler: Als Tageszei­tungs­re­dak­teurin habe ich in den 90er Jahren gelernt, abzuschalten. Wenn die Zeitung im Druck ist, defragmen­tiert man das Hirn, um Platz zu schaffen für den nächsten Tag. Ohne diese Fähigkeit wäre ich sicher ausgebrannt. Einige meiner Kollegen und Weggefährten hatten diese Fähigkeit nicht. In meinem Freundes- und Kollegen­kreis gibt es inzwischen mehr Burn-out-Fälle als Familien mit Kindern.

Sie diagnosti­zieren Facebook-Inkontinenz, wenn Menschen mehr Spaß mit Facebook haben als im echten Leben. Was ist schlimm daran?

Eggler: Ganz einfach: Sie verpassen das echte Leben. Wer zwei Stunden am Tag auf Facebook verbringt, investiert einen Monat Lebenszeit im Jahr in Facebook. Und was bekommen wir zurück? Man muss kritisch hinterfragen, ob das Sonnenun­ter­gangs­bild auf Facebook (sehen, knipsen, posten, warten auf »Likes«, Sonnenun­ter­gang vorbei) wichtiger ist als das Erleben des Sonnenun­ter­gangs.

Sie rufen zu einem rationalen Umgang mit Onlineme­dien auf. Das klingt anstrengend und langweilig und – verzeihen Sie – ewiggestrig. Wollen Sie die Zeit zurückdrehen?

Eggler: Nein, darum geht es nicht. Wir werden die technische Innovationen nicht aufhalten und sollten das auch nicht; aber kritisch hinterfragen, wer da eigentlich wen beherrscht. Ich finde es super, dass wir dank Facebook lachen – auch am Arbeitsplatz. Nur: Derzeit sind wir stark in Richtung Unterhal­tung gekippt. Alle posten nur noch den banalen Blubb aus ihrem Privatleben: süße Katzenfotos, Sonnenun­ter­gänge oder wehrlose Kinder mit verschmiertem Schokomund. Darin steckt die Gefahr, dass wir alle zunehmend verblöden, weil unser Horizont schmaler wird.

Facebook nutzt man überwiegend in der Freizeit, warum sollte man da kein banales Zeug posten?

Eggler: Ein Trugschluss! In Wirklich­keit sind das private und das berufliche Leben schon komplett vermischt. Wenn man sich anschaut, wie viele Stunden Mitarbeiter auf Facebook verbringen, dann kostet die verlorene Arbeitszeit die deutsche Wirtschaft einer Studie zufolge 26,8 Milliarden Euro. Durch den ständigen Besuch bei Facebook ist die Ablenkung Normalzu­stand geworden. Das brennt uns langfristig aus. Deshalb müssen wir wieder lernen, unsere Filter neu einzustellen.

Suchen wir uns diese Ablenkung nicht selbst, wenn wir ständig unseren E-Mail-Eingang oder unser Facebook-Konto kontrollieren?

Eggler: Doch, verrückter­weise. Handy-Besitzer checken im Schnitt einmal pro Stunde ihr Handy. Das ist keine Notwendig­keit, das ist Sucht. Unser Gehirn giert nach dem sogenannten Glückshormon – Dopamin- und Adrenalin­aus­schüt­tungen, die einen Aufmerksam­keits­reiz begleiten. Mediensucht gilt als substanz­un­ab­hän­gige Verhaltens­sucht, ist deshalb aber nicht weniger schädlich als eine Abhängig­keit von Drogen oder Alkohol. Wenn Sie Menschen auf Facebook-Entzug setzen, reagieren diese mit Einsamkeit, mit Depression und mit Entzugser­schei­nungen, die laut einer Studie der Universität Chicago schlimmer sind als bei Nikotin- und Alkohol-Entzug.

Wann und woran merkt man, dass Kollegen, Mitarbeiter oder das Team reif für einen digitalen Entzug sind?

Eggler: Machen Sie einen Test: Lassen Sie den Chef um 20.30 Uhr eine Mail an ein paar Leute mit Bitte um Feedback schreiben. Die, die binnen fünf Minuten antworten, sind reif für eine Digitalthe­rapie.

Sollte man die Hersteller von Smartphones verpflichten, auf die Gefahren der Nutzung ihrer Geräte hinzuweisen: Achtung: Häufiges Surfen kann zu Verblödungen führen?

Eggler: Fände ich großartig! Bei der Tabakindus­trie hat es auch lange gedauert … aber dann … da bin ich optimistisch.

Wie lautet denn Ihr Tipp, um dem harten Entzug vorzubeugen?

Eggler: Zum Beispiel bei Smartphones den automati­schen Mail-Download abschalten. Dann sieht man nicht dauernd, dass schon wieder 20 ungelesene Mails im Postfach liegen. Wir können nämlich nicht anders, wir wollen dann »nur mal kurz gucken«, daraus wird aber meistens »ziemlich lang«.

Abschalten? Sorry, das klingt zu einfach. Wie erkläre ich das denn meinen Kollegen, dem Chef und den Kunden?

Eggler: Abschalten ist extrem wichtig. Ständig wird so getan, als sei Multitas­king eine Karriere­tu­gend. Schauen Sie sich Stellenan­zeigen an: Da wird nach der Krake gesucht, die 17 Dinge auf einmal tun kann. Das ist absurd. Ständige Erreichbar­keit steht für mich als Synonym für miserables Zeitmanage­ment. Nur Sklaven sind ständig erreichbar. Das ist ein falscher Karriere-Götze, der gestürzt werden muss.

Sie persönlich haben feste Leerungs­zeiten Ihres E-Mail-Postfachs; um 10.00 und um 16.00 Uhr – wie beim gelben Briefkasten. Aber noch mal: Welcher Kunde oder Vorgesetzte macht das mit?

Eggler: Jeder, dem Sie von Anfang an klar kommunizieren, dass Kommunika­tion der Turbo für Projekter­folg oder -misserfolg ist. E-Mail-Öffnungs­zeiten müssen Sie breit kommunizieren, das beginnt bei der eigenen Signatur, geht über die Visitenkarte etc. Kunden von mir arbeiten inzwischen mit einem Autoreply, das zwar kurzfristig die Flut erhöht, darin steht allerdings, dass die Mail außerhalb der Öffnungs­zeit kommt und je nach Wichtig- und Dringlich­keit dann und dann beantwortet wird. Auch das hilft, um die Kommunika­ti­ons­partner umzuerziehen.

Was raten Sie Unternehmen als sinnvollen, effizienten Umgang etwa mit Mails und Social Media?

Eggler: Unternehmen müssen aufhören, ständige Erreichbar­keit, zementierte Stressre­sis­tenz und mehr Multitas­king­fä­hig­keit zu fordern. Das steigert kurzfristig die Produkti­vität, langfristig ruiniert es sie. In der Unterneh­mens­kom­mu­ni­ka­tion geht der Trend daher klar in Richtung kollabora­tive Zusammen­ar­beit über webbasierte Lösungen. E-Mail wird zunehmend durch Mailboxen, Chat- und Posting-Systeme in diesen Systemen ersetzt. Es ist aber keinen Deut besser, wenn die Mitarbeiter ihren Tag in diesen Intranets verbringen statt in der E-Mail-Box. Deshalb: Es ist jetzt Zeit, den Kommunika­ti­onsmix neu zu definieren und klare Regeln zu schaffen.

Wie lange dauert es nach Ihrer Erfahrung, bis die Regeln und Änderungen gelebt werden?

Eggler: Das hängt ab von der Unterneh­mens­größe. Eine Firma mit 50 Mitarbei­tern benötigt im Schnitt ein Quartal bis sechs Monate. Bei einem Konzern können es durchaus ein bis zwei Jahre sein, weil das Thema zu einem Wandel in der Unterneh­mens­kultur führt. Ganz wichtig ist, dass die Chefs das vorleben und jeder Einzelne selbstver­ant­wort­lich mitlebt. Wir müssen uns unterein­ander liebevoll auf die Finger schlagen und Fehlverhalten ahnden. Kommunika­tion ist Pingpong, wenn nur einer was ändert, funktioniert das nicht.

Frau Eggler, vielen Dank für das Gespräch.

Ausgabe 2013/02

Ausgabe 2013/02

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