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Crypto-Partys sind nicht die Lösung

Lesezeit ca.: 7 Minuten
Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

Die digitale Revolution verlangt nach neuen und transparenten Regeln, die eine offene Kommunika­tion ermöglichen. Nur so lassen sich zukünftig Innovationen gewinnbrin­gend schnell am Markt etablieren. Spionage und die totale Überwachung blockieren diese Entwicklung jedoch, erklärt Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher der Enthüllungs­platt­form WikiLeaks, Informatiker und Autor, im Gespräch mit unserem IT-Magazin atFERCHAU.

10. März 2014

Wird dieses Telefonat unter uns bleiben, Herr Domscheit-Berg?

Daniel Domscheit-Berg: Nein, denn mein Anschluss ist garantiert offen.

Was meinen Sie mit offen?

Domscheit-Berg: Die Tatsache, dass wir jetzt beide miteinander telefonieren, wird sicherlich erfasst. Ihr Anschluss steht nun auch auf dieser Liste, weil Sie mein Kontakt ersten Grades sind. Ihre Bekannten wiederum sind von nun an meine Bekannten zweiten Grades und deren Kontakte wiederum dritten Grades.

Wie effektiv ist denn diese Überwachung?

Domscheit-Berg: Vor einigen Jahren haben wir bei WikiLeaks ein Dokument über die Firma Thorpe-Glen publiziert, die damals damit warb, über Daten von über 1,2 Milliarden »Nodes« (also Teilnehmern) zu verfügen. Sie brüstete sich damit, das größte soziale Netzwerk der Welt geschaffen zu haben! Die Firma agierte außerhalb jeder Kontrolle, wertete Daten von Menschen ohne deren Zustimmung aus. Mit dem Ergebnis: eine Karte der menschli­chen Beziehungen. ThorpeGlen konnte Individuen über verschie­dene SIM-Karten und Geräte eindeutig identifi­zieren.

Welche Rolle spielt dabei die NSA?

Domscheit-Berg: Die NSA hat Zugriff auf das gesamte amerikani­sche Backbone. In San Francisco im Raum 641a bei AT&T in 611 Folsom Street war eine Daten-Abfangan­lage installiert. Alle Daten wurden mit einem Splitter eins zu eins ins Spionage­netz­werk geschleust. So werden auch alle Überseekabel angezapft. Und weil wir nicht wissen, wie dieses Telefonat geroutet wird, wissen wir auch nicht, wer es mitschneiden kann. Die Überwachungs­in­fra­struktur existiert längst. Sogenannte SINA-Boxen werden dann für die Überwachung von Internet­ver­bin­dungen eingesetzt. Sie müssen bei jedem Internet-Provider in Deutschland installiert sein, der mehr als 10.000 Kunden hat. Unter welchen Bedingungen dies geschehen darf und ob nur die Verbindungs­daten oder auch die Inhalte überwacht werden dürfen, ist in Gesetzen und teilweise internatio­nalen Richtlinien geregelt.

Sie fordern einen offenen, unüberwachten Datentransfer …

Domscheit-Berg: … ja, sowie eine flächende­ckende Glasfaser­ver­sor­gung, um zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden. In Schweden zum Beispiel wurde das Netz bereits vor 20 Jahren massiv ausgebaut und liegt nicht in den Händen von einzelnen Telekommu­ni­ka­ti­ons­un­ter­nehmen, sondern den Zugang regeln unabhängige Gesellschaften. So erhält ein kleiner Provider dieselben Konditionen wie die schwedische Telia für den Netzzugang. Deshalb hat dort der Begriff des sozialen Netzwerkes eben noch eine viel tiefgrei­fen­dere Bedeutung.

Nämlich?

Domscheit-Berg: Es fordert Transparenz von Institutionen und Organisa­tionen. Die simple Formel lautet: Privatsphäre für Individuen auf der einen Seite und Transparenz von Institutionen, Organisa­tionen oder Identitäten, die Macht über andere ausüben, auf der anderen Seite. Einfluss muss transparent werden, damit Macht nicht missbraucht werden kann. Das gilt ja für die meisten Privatleute nicht.

Geht die Debatte um Datenschutz nicht völlig an den Interessen des Social Networks vorbei? Die Jugend interessiert sich doch nicht wirklich für Datenschutz und postet frei bei Facebook.

Domscheit-Berg: Das ist gefährlich. Aber man kann auch von der Jugend nicht erwarten, dass sie weiß, was Datenschutz eigentlich bedeutet. Es gibt gewisse Dinge, die man schon für sich behalten sollte. Mit 15 ist man noch lange nicht in der Lage, zu verstehen, dass digitale Jugendsünden die berufliche Zukunft gefährden können. Eine Welt, die alles aufzeichnet, ist sehr gefährlich und so komplex, dass selbst Erwachsene sie nicht komplett verstehen können. Viele haben bereits erkannt, dass es keine gute Idee ist, seine Kellerpartys über Facebook zu inserieren, und welche Folgekosten dadurch entstehen können. Diese Lernkurve war bei den Beteiligten extrem steil. Medienkom­pe­tenz und Technikfol­gen­ab­schät­zung müssen Pflichtfach in der Schule werden!

Und in der Praxis?

Domscheit-Berg: Das Recht auf Einfachheit. Wir tragen alle hochkomplexe Technikge­räte in unserer Hosentasche mit uns herum, bei denen überhaupt nicht klar ist, was die so alles machen und machen können. Die AGB müssen offenlegen, welche Daten gesammelt werden; zu welchen Konditionen können/dürfen sie an Dritte weiterge­geben werden etc. Wo werden sie physikalisch gespeichert, wer hat darauf Zugriff? Hersteller und Anbieter werden darin verpflichtet, die wichtigsten Punkte gleich am Anfang herauszu­stellen, so dass der Kunde nicht erst auf Seite 523 in einer Fußnote des Handbuchs diese Info findet!

Klingt nach Bierdeckel-Steuerer­klä­rung, die auch nicht gekommen ist!

Domscheit-Berg: Ja, aber dadurch schafft man gleich eine Sensibili­sie­rung der Gesellschaft. Dann ist man auch erst in der Lage, Kompromisse bei der Datenwei­ter­gabe als Kunde einzugehen: Willst du diese Funktionen, brauchen wir deine Daten. Apple müsste dann eben darüber Auskunft geben, wen oder was das iPhone noch so alles anruft außer den direkt Kontaktierten. Googles Telefone speichern zum Beispiel sämtliche Passwörter von WLANs, die der Kunde mit seinem Gerät kontaktiert hat. Zu welchem Zweck, frage ich.

Alleskönner machen eben alles, was sie können …

Domscheit-Berg: Wir haben doch Mobiltele­fone, die bereits alles können, warum braucht's dann alle halbe Jahre immer neue Modelle? Man müsste dort Tempo herausnehmen, damit Zeit ist, um ordentliche Produkte zu bauen, die auch dem Verbraucher­schutz dienen. Und es muss nach offenen Standards entwickelt werden.

Stellen Sie die Regeln des Kapitalismus in Frage?

Domscheit-Berg: Aber wir sehen ja, dass es mit den Kapitalis­mus­re­geln nicht so recht funktioniert. Und der Kapitalismus lehrt auch, dass man mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Kapitaler­trag erzielen muss. Und Transparenz ist ein Minimum an Aufwand! Statt Backdoors zu verkaufen, sollen die Unternehmen für eine saubere Implemen­tie­rung von Cryptochips sorgen. Warum kommt eigentlich niemand in Deutschland darauf, dass dies die Innovati­ons­in­dus­trie sein könnte?

Was forciert solche Innovationen?

Domscheit-Berg: Offene Standards für solche Technolo­gien zu entwickeln. Das ist der Innovati­ons­motor. Vertrauens­wür­dige Chips als Marktvor­teil ohne Backdoors. Dieses Momentum müsste man nutzen, um eine Alternative aufzubauen. Bringt mehr Profit, als irgendje­mandem eine Backdoor zu verkaufen. Es gibt keinen realen Nutzen dieser Spionage­samm­lungen, und darum geht es auch gar nicht.

Worum denn?

Domscheit-Berg: Mit dem Internet stehen wir vor einer globalen digitalen Revolution – einer radikalen Transfor­ma­tion der Gesellschaft. Wie bei anderen Industrie­re­vo­lu­tionen auch wird eine Hierarchie­stufe herausge­nommen. Mit dem Kommunika­ti­ons­me­dium sind alle Menschen plötzlich auf Augenhöhe. Es spielt keine Rolle, wo jemand ist und was er ist. Wir sind alle Nutzer desselben Netzes und können uns frei miteinander austauschen. Aber wir müssen lernen, mit der Flut von Informationen umzugehen, und welchen Quellen wir vertrauen können. So wird das Internet ein ideales Instrument zur Herstellung von Transparenz und damit das erste Modell einer wirklich globalen und inkludie­renden Gesellschaft.

Heißt?

Domscheit-Berg: Alle Menschen gehören dazu: haben die gleichen Rechte. Es gibt keine Hindernisse und Barrieren. Dann wird das Internet das »inkludie­rendste Werkzeug«. Aber diese Inklusion steht dem Interesse eines Geheimdienstes oder anderer jeglicher Kontroll­in­sti­tu­tionen gegenüber. Der Geheimdienst ist ein extrem exkludie­rendes Instrument, das sicherstellen soll, dass eine kleine abgegrenzte Gruppe einen informellen Vorteil gegenüber anderen hat und so Macht ausüben kann. Nun bedroht ein Open Internet dieses Paradigma.

Und bevor es offen ist, verschlüs­seln wir alles?

Domscheit-Berg: Auf Cryptopartys werden die Leute zwar sensibili­siert, aber diese Verschlüs­se­lungen bieten keine wirkliche Lösung! Wir müssen ja keine Spezialisten werden, um uns selbst zu schützen. Dann entsteht wieder so etwas wie »Kalter Krieg«, Bürger gegen Staat. Staat gegen Bürger. Im Moment muss jeder gegen jeden Krieg führen. Dagegen hilft nur Transparenz und alle Menschen gleichbe­rech­tigt miteinander zu vernetzen.

Herr Domscheit-Berg, vielen Dank für das Gespräch.

SINA: (sichere Inter-Netzwerk-Architektur)-Boxen dienen zum Schutz der Verbindung gegen Mithören durch unbefugte Dritte, wenn ein Internet-Service-Provider verdächtige Daten über ein Virtual Private Network an Strafver­fol­gungs- behörden übermittelt. bit.ly/1cExNCc

Backdoor: bezeichnet einen Teil einer Software, der es Benutzern ermöglicht, unter Umgehung der normalen Zugriffs- sicherung Zugang zum Computer oder zu einer sonst geschützten Funktion eines Computer­pro­gramms zu erlangen. bit.ly/dygQOb

Ausgabe 2014/01

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