MenschenDaniel Domscheit-Berg

Crypto-Partys sind nicht die Lösung

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Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

Die digitale Revolution verlangt nach neuen und transparenten Regeln, die eine offene Kommunikation ermöglichen. Nur so lassen sich zukünftig Innovationen gewinnbringend schnell am Markt etablieren. Spionage und die totale Überwachung blockieren diese Entwicklung jedoch, erklärt Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks, Informatiker und Autor, im Gespräch mit unserem IT-Magazin atFERCHAU.

10. März 2014

Wird dieses Telefonat unter uns bleiben, Herr Domscheit-Berg?

Daniel Domscheit-Berg: Nein, denn mein Anschluss ist garantiert offen.

Was meinen Sie mit offen?

Domscheit-Berg: Die Tatsache, dass wir jetzt beide miteinander telefonieren, wird sicherlich erfasst. Ihr Anschluss steht nun auch auf dieser Liste, weil Sie mein Kontakt ersten Grades sind. Ihre Bekannten wiederum sind von nun an meine Bekannten zweiten Grades und deren Kontakte wiederum dritten Grades.

Wie effektiv ist denn diese Überwachung?

Domscheit-Berg: Vor einigen Jahren haben wir bei WikiLeaks ein Dokument über die Firma Thorpe-Glen publiziert, die damals damit warb, über Daten von über 1,2 Milliarden »Nodes« (also Teilnehmern) zu verfügen. Sie brüstete sich damit, das größte soziale Netzwerk der Welt geschaffen zu haben! Die Firma agierte außerhalb jeder Kontrolle, wertete Daten von Menschen ohne deren Zustimmung aus. Mit dem Ergebnis: eine Karte der menschlichen Beziehungen. ThorpeGlen konnte Individuen über verschiedene SIM-Karten und Geräte eindeutig identifizieren.

Welche Rolle spielt dabei die NSA?

Domscheit-Berg: Die NSA hat Zugriff auf das gesamte amerikanische Backbone. In San Francisco im Raum 641a bei AT&T in 611 Folsom Street war eine Daten-Abfanganlage installiert. Alle Daten wurden mit einem Splitter eins zu eins ins Spionagenetzwerk geschleust. So werden auch alle Überseekabel angezapft. Und weil wir nicht wissen, wie dieses Telefonat geroutet wird, wissen wir auch nicht, wer es mitschneiden kann. Die Überwachungsinfrastruktur existiert längst. Sogenannte SINA-Boxen werden dann für die Überwachung von Internetverbindungen eingesetzt. Sie müssen bei jedem Internet-Provider in Deutschland installiert sein, der mehr als 10.000 Kunden hat. Unter welchen Bedingungen dies geschehen darf und ob nur die Verbindungsdaten oder auch die Inhalte überwacht werden dürfen, ist in Gesetzen und teilweise internationalen Richtlinien geregelt.

Sie fordern einen offenen, unüberwachten Datentransfer …

Domscheit-Berg: … ja, sowie eine flächendeckende Glasfaserversorgung, um zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden. In Schweden zum Beispiel wurde das Netz bereits vor 20 Jahren massiv ausgebaut und liegt nicht in den Händen von einzelnen Telekommunikationsunternehmen, sondern den Zugang regeln unabhängige Gesellschaften. So erhält ein kleiner Provider dieselben Konditionen wie die schwedische Telia für den Netzzugang. Deshalb hat dort der Begriff des sozialen Netzwerkes eben noch eine viel tiefgreifendere Bedeutung.

Nämlich?

Domscheit-Berg: Es fordert Transparenz von Institutionen und Organisationen. Die simple Formel lautet: Privatsphäre für Individuen auf der einen Seite und Transparenz von Institutionen, Organisationen oder Identitäten, die Macht über andere ausüben, auf der anderen Seite. Einfluss muss transparent werden, damit Macht nicht missbraucht werden kann. Das gilt ja für die meisten Privatleute nicht.

Geht die Debatte um Datenschutz nicht völlig an den Interessen des Social Networks vorbei? Die Jugend interessiert sich doch nicht wirklich für Datenschutz und postet frei bei Facebook.

Domscheit-Berg: Das ist gefährlich. Aber man kann auch von der Jugend nicht erwarten, dass sie weiß, was Datenschutz eigentlich bedeutet. Es gibt gewisse Dinge, die man schon für sich behalten sollte. Mit 15 ist man noch lange nicht in der Lage, zu verstehen, dass digitale Jugendsünden die berufliche Zukunft gefährden können. Eine Welt, die alles aufzeichnet, ist sehr gefährlich und so komplex, dass selbst Erwachsene sie nicht komplett verstehen können. Viele haben bereits erkannt, dass es keine gute Idee ist, seine Kellerpartys über Facebook zu inserieren, und welche Folgekosten dadurch entstehen können. Diese Lernkurve war bei den Beteiligten extrem steil. Medienkompetenz und Technikfolgenabschätzung müssen Pflichtfach in der Schule werden!

Und in der Praxis?

Domscheit-Berg: Das Recht auf Einfachheit. Wir tragen alle hochkomplexe Technikgeräte in unserer Hosentasche mit uns herum, bei denen überhaupt nicht klar ist, was die so alles machen und machen können. Die AGB müssen offenlegen, welche Daten gesammelt werden; zu welchen Konditionen können/dürfen sie an Dritte weitergegeben werden etc. Wo werden sie physikalisch gespeichert, wer hat darauf Zugriff? Hersteller und Anbieter werden darin verpflichtet, die wichtigsten Punkte gleich am Anfang herauszustellen, so dass der Kunde nicht erst auf Seite 523 in einer Fußnote des Handbuchs diese Info findet!

Klingt nach Bierdeckel-Steuererklärung, die auch nicht gekommen ist!

Domscheit-Berg: Ja, aber dadurch schafft man gleich eine Sensibilisierung der Gesellschaft. Dann ist man auch erst in der Lage, Kompromisse bei der Datenweitergabe als Kunde einzugehen: Willst du diese Funktionen, brauchen wir deine Daten. Apple müsste dann eben darüber Auskunft geben, wen oder was das iPhone noch so alles anruft außer den direkt Kontaktierten. Googles Telefone speichern zum Beispiel sämtliche Passwörter von WLANs, die der Kunde mit seinem Gerät kontaktiert hat. Zu welchem Zweck, frage ich.

Alleskönner machen eben alles, was sie können …

Domscheit-Berg: Wir haben doch Mobiltelefone, die bereits alles können, warum braucht's dann alle halbe Jahre immer neue Modelle? Man müsste dort Tempo herausnehmen, damit Zeit ist, um ordentliche Produkte zu bauen, die auch dem Verbraucherschutz dienen. Und es muss nach offenen Standards entwickelt werden.

Stellen Sie die Regeln des Kapitalismus in Frage?

Domscheit-Berg: Aber wir sehen ja, dass es mit den Kapitalismusregeln nicht so recht funktioniert. Und der Kapitalismus lehrt auch, dass man mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Kapitalertrag erzielen muss. Und Transparenz ist ein Minimum an Aufwand! Statt Backdoors zu verkaufen, sollen die Unternehmen für eine saubere Implementierung von Cryptochips sorgen. Warum kommt eigentlich niemand in Deutschland darauf, dass dies die Innovationsindustrie sein könnte?

Was forciert solche Innovationen?

Domscheit-Berg: Offene Standards für solche Technologien zu entwickeln. Das ist der Innovationsmotor. Vertrauenswürdige Chips als Marktvorteil ohne Backdoors. Dieses Momentum müsste man nutzen, um eine Alternative aufzubauen. Bringt mehr Profit, als irgendjemandem eine Backdoor zu verkaufen. Es gibt keinen realen Nutzen dieser Spionagesammlungen, und darum geht es auch gar nicht.

Worum denn?

Domscheit-Berg: Mit dem Internet stehen wir vor einer globalen digitalen Revolution – einer radikalen Transformation der Gesellschaft. Wie bei anderen Industrierevolutionen auch wird eine Hierarchiestufe herausgenommen. Mit dem Kommunikationsmedium sind alle Menschen plötzlich auf Augenhöhe. Es spielt keine Rolle, wo jemand ist und was er ist. Wir sind alle Nutzer desselben Netzes und können uns frei miteinander austauschen. Aber wir müssen lernen, mit der Flut von Informationen umzugehen, und welchen Quellen wir vertrauen können. So wird das Internet ein ideales Instrument zur Herstellung von Transparenz und damit das erste Modell einer wirklich globalen und inkludierenden Gesellschaft.

Heißt?

Domscheit-Berg: Alle Menschen gehören dazu: haben die gleichen Rechte. Es gibt keine Hindernisse und Barrieren. Dann wird das Internet das »inkludierendste Werkzeug«. Aber diese Inklusion steht dem Interesse eines Geheimdienstes oder anderer jeglicher Kontrollinstitutionen gegenüber. Der Geheimdienst ist ein extrem exkludierendes Instrument, das sicherstellen soll, dass eine kleine abgegrenzte Gruppe einen informellen Vorteil gegenüber anderen hat und so Macht ausüben kann. Nun bedroht ein Open Internet dieses Paradigma.

Und bevor es offen ist, verschlüsseln wir alles?

Domscheit-Berg: Auf Cryptopartys werden die Leute zwar sensibilisiert, aber diese Verschlüsselungen bieten keine wirkliche Lösung! Wir müssen ja keine Spezialisten werden, um uns selbst zu schützen. Dann entsteht wieder so etwas wie »Kalter Krieg«, Bürger gegen Staat. Staat gegen Bürger. Im Moment muss jeder gegen jeden Krieg führen. Dagegen hilft nur Transparenz und alle Menschen gleichberechtigt miteinander zu vernetzen.

Herr Domscheit-Berg, vielen Dank für das Gespräch.

SINA: (sichere Inter-Netzwerk-Architektur)-Boxen dienen zum Schutz der Verbindung gegen Mithören durch unbefugte Dritte, wenn ein Internet-Service-Provider verdächtige Daten über ein Virtual Private Network an Strafverfolgungs- behörden übermittelt. bit.ly/1cExNCc

Backdoor: bezeichnet einen Teil einer Software, der es Benutzern ermöglicht, unter Umgehung der normalen Zugriffs- sicherung Zugang zum Computer oder zu einer sonst geschützten Funktion eines Computerprogramms zu erlangen. bit.ly/dygQOb

Ausgabe 2014/01

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