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Ulfs* WeltKolumne

Evolu­tion von oben

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Auf dem Weg ins Neuland darf sich die deutsche Wirtschaft nicht verlaufen. Deshalb brauchen wir Parolen wie „Industrie 4.0“.

25. März 2014

Wissen Sie noch, wann Sie zum letzten Mal an irgendeinem Produkt das Label „Made in USA“ gesehen haben? War es bei Ihnen auch eine Levi‘s 501, in Ihrer Jugend Ende der Achtziger? Jetzt sagen Sie nicht, im Motorraum Ihres X5. Der zählt nicht, der ist von BMW. Spartanburg/Alabama ist für die Bayerischen Motorenwerke, was Shenzhen für Apple ist: ein Außenposten in einem Land, in dem die Menschen schon dankbar sind, fortschritt­liche Technik wenigstens zusammen­schrauben zu dürfen.

Zugegeben, es gibt ein paar vereinzelte Dinge, die kriegen die Amerikaner ein bisselchen besser hin als wir. Drohnen zum Beispiel, ja überhaupt das militäri­sche Arsenal. Also lauter Produkte, die marktwirt­schaft­lich außer Konkurrenz laufen: Der Steuerzahler hat sie nicht bestellt, kann aber die Zahlung nicht verweigern. Ja, und natürlich Software und Web-Dienste. Doch die kann jeder fabrizieren, selbst wenn er von Fabrikati­ons­technik nichts versteht. Zum Erfolg genügen ein Internet­an­schluss und ein paar Marketing­heinis. Was den Amis des 21. Jahrhunderts fehlt, sind Typen vom Schlage eines Henry Ford. Der zog einst die Zweite Industri­elle Revolution im Handstreich durch.

Wir haben heute zum Glück Persönlich­keiten wie Henning Kagermann und Wolfgang Wahlster. Falls es bei Ihnen nicht sofort klingeln sollte: Der erstere dieser beiden Professoren ist nicht nur emeritierter SAP-Chef, sondern amtierender Präsident der acatech, also der Deutschen Akademie der Technikwis­sen­schaften; der letztere ist DAS deutsche Gesicht der Künstlichen Intelligenz. Beide zusammen sind die Bannerträger der Vierten Industri­ellen Revolution, besser bekannt als „Industrie 4.0“ – was allein schon mal wesentlich schlauer formuliert ist als das amerikani­sche „Smart Manufactu­ring“, welches wegen seiner verruchten Abkürzung „SM“ dummerweise in den Anstands­fil­tern der US-Webkonzerne hängenbleibt.

Aber welche Wahl haben Amerikas Fabrikmo­der­ni­sierer denn? Alles, was auch nur entfernt nach umstürzle­ri­schen Bestrebungen riecht, ruft doch sofort die Sicherheits­ex­perten aus Fort Meade auf den Plan. Selbst die mutigsten Werber haben deshalb ihre bewährte Floskel „Revolutio­nary Progress“ eingemottet, und den „Radical Change“ gleich mit.

Oh, wie schön ist‘s dagegen in Germany! Wie alle Welt im April in Hannover erkennen wird, haben unsere Professoren ganze Arbeit geleistet. So sind laut einer nicht repräsen­ta­tiven Erhebung des Autors sämtliche deutschen Aussteller, die eine Pressenotiz zur Industrie­messe versandt haben, bereits viernull. Und das Bundesfor­schungs­mi­nis­te­rium (BMBF) hat jahrelang tatkräftig diese Revolution mitgeplant, die nur hyperrea­lis­ti­sche Ignoranten mit einer Evolution verwechseln können. Sollte Ihnen – was ich jetzt nicht glauben mag – bis heute nicht klar sein, was die Industrie 4.0 eigentlich ganz konkret und praktisch von den jedermann geläufigen Versionen 3.0 bis 3.9 unterscheidet: Laut Wolfgang Wahlster redet ein Werkstück künftig im Internet der Dinge mit dem Spritzro­boter, kann ihm also per Funk sagen, dass er die rote Lackdose ins Regal stellen und die blaue in die Klaue nehmen soll.

Ich könnte Ihnen auch einen kleinen Zeichentrick­film aus der Mediathek des BMBF empfehlen. Darin wird im Stil der Klaro-Kindernach­richten erklärt, wie eine deutsche Viernull-Kosmetik­fa­brik individua­li­sierte Seifenspender in Losgröße 1 für den brasilia­ni­schen Markt herstellt. Die Funkwellen in dem Film sind übrigens in Telekom-Magenta gehalten. Also Product-Placement?

Wenn so die Welt von morgen aussieht, fehlt mir zu meinem Verbraucher­glück nur noch der Lebensmit­tel­frisch­dienst 4.0, bei dem mein beflissener Kühlschrank sofortis­simo alles nachbestellt, dessen MHD naht. Dann ist mir steter Nachschub an kulinari­schen Kreationen sicher, deren Reste nur deshalb nicht im Müll gelandet sind, weil es unchrist­lich ist, Essen wegzuwerfen.