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Die gute Fee für Service­tech­niker

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Christoph Hammerschmidt

Christoph Hammerschmidt

freier Journalist

Service und Instandhal­tung bieten einen guten Nährboden für das Gedeihen von Augmented-Reality-Anwendungen. Die Automobil­branche ist hier Vorreiter.

11. April 2014

Einen Autoschein­werfer austauschen? Wer in heutigen Fahrzeugen mit ihrer extrem eng gepackten Technik unter der Motorhaube auch nur einmal eine Glühlampe gewechselt hat, weiß: Der Auftrag zum Aus- und Einbau eines kompletten Scheinwer­fers läuft auf ein unangenehmes Gefummel an Teilen hinaus, deren Lage und Beschaffen­heit eher zu ahnen, als visuell zu erfassen ist. Und deswegen sind solcherlei Arbeiten mit hohem Aufwand an Zeit und Nervenkraft verbunden. Zumal die mechanischen Ausführungen der Teile nicht nur von Modell zu Modell variieren – auch unter den Baujahren wird geändert, was das Zeug hält. Das stellt den Mechaniker nicht nur vor ein Geschick­lich­keits­pro­blem, sondern auch vor die Aufgabe, die korrekte Dokumenta­tion ausfindig zu machen.

An dieser Stelle betritt Marta die Werkstatt: Sie weiß, welche Ausführung zu welchem Baujahr passt, zeigt, in welcher Reihenfolge vorzugehen ist, wo die Befestigungs­schrauben liegen und wie die Werkzeuge anzusetzen sind. Aus einer zeitraubenden Fummelei macht sie eine einfache, gut strukturierte Tätigkeit, die ganz ohne heimliches Fluchen erledigt werden kann.

Schluss mit nervigem Gefummel

Aber wer ist MARTA? Das Kürzel steht für Mobile Augmented Reality Technical Assistance und beschreibt ein Projekt von Volkswagen und der Software-Schmiede Metaio zur Verbesse­rung der Effizienz im Werkstatt­be­reich. Im Gegensatz zum gemeinen Montagehand­buch auf Papier läuft MARTA auf einem schlanken Tablet Computer, und: sie ist interaktiv. Der Mechaniker richtet die Kamera seines Tablets auf den Motorraum, und die Software erkennt die für den jeweiligen Kontext relevanten Komponenten, hebt sie farblich hervor und zeigt dazu in Text und Bild, in welcher Reihenfolge vorzugehen ist, wo die Befestigungs­punkte liegen und wie das Werkzeug anzusetzen ist. Zudem weist die Software auf mögliche Probleme hin und hat auch sonst manchen Tipp parat.

Nicht nur bei Volkswagen hat man die Vorzüge der Augmented Reality bei der Unterstüt­zung des Service-Personals erkannt – und die Technik eignet sich keineswegs nur für Service-Zwecke. Die MAN Diesel & Turbo SE, im MAN-Konzern für die Herstellung von Großmotoren für maritime und stationäre Anwendungen zuständig, erprobt zurzeit die Möglichkeiten von Augmented Reality in der Dokumenta­tion, die Kunden zur Verfügung gestellt wird. Dabei ergänzen die MAN-Experten konventio­nelles Marketing­ma­te­rial und Produktbro­schüren um multimediale Inhalte. Richtet der Kunde etwa sein Tablet auf ein Detail eines der Großdiesel­mo­toren, so zeigt der Bildschirm beispiels­weise ein 3D-Modell, anhand dessen der Verbrennungs­pro­zess im Motor animiert dargestellt wird. Darüber hinaus integrieren die Augsburger Dieselmo­to­ren­bauer weiteres Material in die Unterlagen, wie zum Beispiel technische Daten oder Produktfilme.

Integrierte Produktfilme erleichtern Mechanikerleben

Bei Marketing-Anwendungen soll es aber nicht bleiben. „Mit diesem Pilotpro­jekt sammeln wir Erfahrungen, um Augmented Reality letztlich im Service-Bereich einsetzen zu können“, sagt Tobias Knödler, verantwort­lich für Project Guides & 3D Multimedia im Bereich Engineering des Augsburger Traditions­un­ter­neh­mens.

Service und Instandhal­tung bieten ein gutes Wachstums­feld für Augmented-Reality-Anwendungen. Das hat Gründe: In den zurücklie­genden Jahren ist mit der Komplexität der Technik auch diejenige der Service-Unterlagen massiv angewachsen. Nicht zuletzt geht das auf die starke Individua­li­sie­rung im Fahrzeugbau zurück, die eine sehr hohe Varianten­zahl hervorbringt. Das erschwert und verteuert die Bereitstel­lung konventio­neller Service-Unterlagen in Papierform. Zudem sind die Reparatur- und Instandhal­tungs­pro­zesse schwieriger zu handhaben.

Dem steht der Gewinn gegenüber, der sich aus der Verwendung elektroni­scher Handbücher ergibt: Die bildhafte Darstellung des Materials erleichtert getreu der alten Weisheit „ein Bild ersetzt 1.000 Worte“ das Verständnis. 3D-CAD-Modelle werden dem fotografi­schen Bild überlagert und verdeutli­chen technische Zusammen­hänge. Animationen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit integrierten Checks führen den Benutzer durch komplexe Vorgänge. Diese Anleitungen enthalten auch Informationen, welche Werkzeuge wie zu benutzen sind und Beschrei­bungen auszutau­schender Teile. Sogar eine direkte Anbindung an die Warenwirt­schafts­sys­teme zur Ersatzteil-Bestellung ist denkbar.

Ersatzteil-Beschaffung direkt im Reparatur­pro­zess

Die Entwicklung von Augmented-Reality-Anwendungen ist allerdings eine komplexe Angelegen­heit. Benötigt werden 3D-Konstruk­ti­ons­daten der zu wartenden Maschine. Die Software wertet die Kamerabilder des Tablet Computers oder Smartphones aus, auf dem die Anwendung läuft, identifi­ziert die einzelnen Teilobjekte und erzeugt eine visuelle Überlage­rung. Dabei muss das System erkennen, warum sich das Kamerabild verändert hat – ob es sich um eine Reflektion handelt, eine Verschmut­zung oder um eine gewünschte Veränderung infolge des Arbeitsfort­schritts. In der Regel läuft die eigentliche Anwendung auf einem Backend-Server, das Tablet des Service-Technikers zeigt nur das Frontend.

In der Praxis ist Augmented Reality noch nicht überall angekommen; die Autoindus­trie nimmt eine Vorreiter­rolle ein. Dem Londoner Beratungs­un­ter­nehmen TechNavio zufolge sind es zurzeit Premium-Marken wie Audi, Daimler oder Volkswagen, die Besitzern ihrer Topmodelle eine Smartphone-App als Handbuch mitgeben. Sie zeigt etwa, wo im Motor der Öleinfüll­stutzen liegt und wo das Scheiben­wa­sch­wasser einzufüllen ist. Damit das niemand mehr verwechselt.