Ulfs* WeltKolumne

Schlaues Netz für blauen Strom

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Für eine gelungene Energiewende brauchen wir Leitungen, die nur Ökostrom durchlassen.

26. Mai 2014

„Wozu Kraftwerke?“, persiflierten Kernenergie-Fans einst den Atomkraft-nein-danke-Aufkleber, „bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.“ Im Südosten der Republik scheinen inzwischen viele Bürger tatsächlich der Ansicht zu sein, die Elektrizität für ihre vielen Geräte und Gadgets sei einfach so da. Jedenfalls protestieren sie seit Monaten gegen den Bau der geplanten Hochspannungs-Gleichstrom-Trasse, die Energie aus den windigen Gefilden Brandenburgs nach Bayern leiten soll, damit nach der Abschaltung der Neutronenschleuder Grafenrheinfeld im Freistaat nicht die Lichter ausgehen. Sie schimpften so heftig, dass der Volkstribun Horst Seehofer nicht umhin kam, ihnen Recht zu geben. Die schöne bayerisch-fränkische Heimat mit Masten verschandelt man allenfalls, um sauberen bayerischen Strom zu transportieren, aber doch keinen g‘lumperten Preißn-Elektro.

Natürlich würde sich kein heutiger Süddeutscher mehr für primitives Nordlichter-Bashing öffentlich angucken lassen. Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Dreiecken verlautet, würden die St.-Florians-Jünger – neudeutsch „Nimbys“ (Not In My Back Yard) – sogar die eine oder andere Kilowattstunde Windstrom von da oben importieren, wenn ihnen dafür der Anblick von Windrädern auf den Kuppen der eigenen Hügelketten erspart bliebe. Mittlerweile hat sich aber herumgesprochen, dass die hinterfotzigen Brandenburger den wackeren Franken ein trojanisches Pferd vor die Nase setzen wollen, dem am Ende weniger „erneuerbare“ Elektronen entspringen würden als fossile, im Tage- und Naturraubbau aus Braunkohle gewonnen! Ehrlich gesagt: So etwas will ich auch nicht. Pfui.

Aber das ist alles kein Problem, dafür gibt es ja Ingenieure. Oder Quantenphysiker. Die bauen uns jetzt das Smart Grid, ein digitalisiertes Stromnetz. Dann bekommt jede Kilowattstunde ihre eigene IP-Adresse. Damit finden die kleinen Energiebündel selbst ihr Ziel: Sauberer Strom darf überall durch, schmutziger muss Umwege nehmen. Nach dem Vorbild des Rinderhackfleischs, bei dem sich laut Berichten seriöser Fachmedien die Herkunft jeder einzelnen Faser bis in den Kuhstall zurückverfolgen lässt, wird zudem ab dem 1. Januar 2016 jede Kilowattstunde im deutschen Netz mit einem fälschungssicheren digitalen Zertifikat versehen. Betreiber von Photovoltaik-Dachanlagen bis zu fünf Kilowatt (Peak), die weniger als 44 Cent Einspeisevergütung pro Kilowattstunde erhalten, sind ausgenommen; für sie gilt eine Härtefallregelung bis zum 31. Dezember 2115.

Zwecks Transparenz für die Verbraucher wird außerdem jeder Zertifikatsklasse eine unverwechselbare Farbe zugewiesen, die sich per App auslesen lässt, sobald man das Ladegerät einstöpselt: Solarstrom ist goldgelb, Wasserstrom blau, Windstrom wolkengrau, Steinkohlenstrom anthrazit, Atomstrom neonorange wie ein Rettungswagen. Die Maisbauern hofften auf Grün, doch das konnten die Lobbyisten der RWE verhindern. Jetzt wird getestet, ob Normalbürger die Farbtöne „schlamm“ und „rheinbraun“ auseinanderhalten können.

Was sagen Sie da? Das geht gar nicht, ich fantasiere? Am Ende wollen Sie mir noch weismachen, nur weil ich in der Nähe von München wohne, ströme aus meiner Steckdose zwangsläufig eine Mixtur aus Wasser- und Atomkraft. Nein, ich hab‘s schwarz auf weiß von den Stadtwerken, dass sie mir schon heute 100 Prozent reinen Ökostrom liefern. Hier steht‘s: „Radioaktiver Abfall: 0,0000 g/kWh.“

Die werden mich doch nicht etwa anlügen?