Image: Löwenzahn für AffenzahnFERCHAUFERCHAU
Ulfs* WeltKolumne

Löwen­zahn für Affen­zahn

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Forscher wollen Autoreifen aus Unkraut machen. Leider nicht aus dem in meinem Garten.

25. Juli 2014

Crowdsour­cing gefällt mir. Seit solche basisöko­no­mi­schen Ideen en vogue sind, müssen wir Landeier uns nicht mehr genieren, wenn wir die Ernteüber­schüsse unserer Apfelbäume in der nächsten Dorfmosterei gegen ein paar Liter Direktsaft in Zahlung geben. Das galt als kleinkariert, jetzt ist es cool. Endlich erntet das Kleinvieh wieder Lob für all den Mist, den es macht.

Ich will mich aber nicht mit fremden Äpfeln schmücken. In Wahrheit besitze ich gar keinen Apfelbaum, sondern bin Nutznießer überhängender Zweige aus Nachbars Garten. Was bei uns wirklich in rauen Mengen gedeiht, nennen böse Zungen Unkraut – etwa unsere prächtigen Brennnes­seln, die mir schon bis zur Nasenspitze reichen. Auch dass der einst klinisch reine Rollrasen in unserem Vorgarten sich jeden Mai in ein gelbes Blütenmeer verwandelt, würdigt niemand. Im Gegenteil: Meine Schwieger­mutter rümpft darüber ebenso die Nase wie unsere Nachbarin.

Von daher war ich hocherfreut, die Überschrift einer Meldung aus dem Bundesfor­schungs­mi­nis­te­rium (BMBF) zu lesen: „Autoreifen aus Löwenzahn.“ Ich sah mich bereits als Teil der Zulieferer-Crowd der Automobil­in­dus­trie. Nicht mehr um des friedlichen Zusammen­le­bens willen würden wir die Pusteblumen mit Stumpf und Stiel aus dem Rasen graben, sondern um wertvollen Bio-Kautschuk gegen einen Satz Winterreifen einzutau­schen.

Tja, Pustekuchen! Die Stengel im Garten gehören leider zur Gattung Taraxacum officinale alias Gewöhnli­cher Löwenzahn. Als Nano-Gummibäum­chen eignet sich laut Forschern aber nur Taraxacum kok-saghyz, auch als kasachischer, russischer oder gar kaukasischer Löwenzahn bekannt. Und selbst der macht es den Reifenfa­bri­kanten schwer. Wollen Conti & Co. den nachwach­senden Rohstoff großtech­nisch nutzen, müssen sie ein Gen abschalten, das bei Luftkontakt das Naturgummi unbrauchbar macht. Daran scheiterten einst Sowjets und Nazis, sonst gäbe es schon seit über 70 Jahren Pusteblu­mens­ten­gelp­neus. Im BMBF-gesponserten Genlabor hat es endlich geklappt. Das nützt nur leider nix in einem Land, dessen Autofahrer allesamt auf Reifen mit Gütesiegel „gentechnik­frei“ bestehen würden.

Jetzt sind die Züchter gefordert. Sie sollen nicht nur in der Pflanze den idealen Industrie-Rohstoff zurechtmen­deln, sondern Mammutlö­wen­zähne kreieren, die statt des natürlich vorhandenen einen Milliliters Latex die fünffache Menge enthalten. Das osteurasi­sche Riesennutz­kraut soll dabei nicht annähernd so vermehrungs­freudig ausfallen wie sein hiesiges Pendant. Wo kämen wir auch hin, wenn wir Crowd-Gartler uns nur irgendwo eine dieser Super-Pusteblumen unter den Nagel reißen müssten, um mittels dieses Saatguts schon bald den Profi-Agrariern die Preise zu verderben?

Wie man hört, werden bis zur Serienpro­duk­tion des Taraxacum-Pneus noch Jahre vergehen. Diese Zeit sollten wir nutzen, um anders herum zu forschen. Also nicht, welches Uncrowd wir züchten müssen, um es auf Rohstoff­plan­tagen auszusäen, sondern wie man als Kleingärtner seine ohnehin sprießende Biomasse monetari­sieren kann. Zum Beispiel unsere von freilaufenden Kaninchen perfekt gedüngten Brennnes­seln: Während ich diese Zeilen schrieb, haben sie sich über die Küchenfens­te­r­ober­kante hinausge­reckt, spätestens übermorgen erreichen sie den ersten Stock. Wenn Ihnen eine Verwendung einfällt, melden Sie sich bitte. Um den Antrag auf Fördermil­lionen aus dem BMBF kümmere ich mich gerne.