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Ulfs* WeltKolumne

Urin-Power

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Die Liste der erneuerbaren Energien wird länger. Jetzt kommt das Harnkraft­werk – zum Aufladen von Handys.

29. September 2014

Wir sind alle gedanken­lose Energiever­schwender. Nun gut, das ahnten Sie sicher schon, aber wahrschein­lich wissen Sie nicht, warum! Fast vier Milliarden Kubikmeter einer gehaltvollen Flüssigkeit lässt die Menschheit Jahr für Jahr verkommen. Diese vier Billionen Liter sind wahrlich keine Kleinigkeit, und deshalb haben sich Wissenschaftler aus Bristol unlängst die Unterstüt­zung von Melinda und Bill Gates für ein Projekt gesichert, das die in besagtem Bio-Liquid enthaltenen Energiere­serven erschließen soll.

Stellen Sie sich doch bloß mal eine Talsperre vor, deren Reservoir vier Kubikkilo­meter fasst! Aber bitte nur vor Ihrem geistigen Auge, besser nicht unter Ihrer geistigen Nase: Der 50 Meter tiefe, 200 Meter breite, 40 Kilometer lange See wäre nämlich gefüllt mit dem leicht gelblichen Wasser, das unsere Spezies binnen 365 Tagen lässt.

Völlig zu Recht werden Sie jetzt einwenden, die vornehme Umschrei­bung für unser Pipi sei doch gar nicht so verkehrt, da Harn zu 95 Prozent aus H2O besteht. Aber keine Angst, niemand hat die Absicht, eine Staumauer für ein monströses Abwasser­kraft­werk zu errichten, nicht einmal ein spleeniger Brite. Erstens heißt der Chef des Bio-Energie-Teams am Bristol Robotics Laboratory (BRL) Ioannis Ieropoulos. Zweitens interessieren ihn nur die Substanzen, die im „Wasser“ gelöst sind. Und die will er, drittens, dezentral gewinnen, um damit in Mikrobiellen Brennstoff­zellen (MBZ) „Urine-tricity“ zu erzeugen, auf Deutsch „Pieselek­tri­zi­tät“.

Von allen getesteten Bio-Rohstoffen bringe Pisse, wie Ieropoulos dem „Economist“ erklärte, die höchste Stromaus­beute, denn sie bekomme den Mikroben am besten. Auf Messen zeigt der Pipipionier schon einen Prototypen, dessen Blickfang ein weißes Urinal ist, wie man es aus Autobahn­rast­stätten kennt. Sie wissen schon: diese Dinger aus der Schweiz, bei denen auch dann keine Wasserspü­lung läuft, wenn gar nichts kaputt ist. Der Harnstoff­kraft­stoff fließt vom Urimaten in die MBZ, die wiederum genügend Spannung erzeugt, um ein Handy aufzuladen.

Warum sich Bill Gates für die Innovation engagiert, ist klar. Der gute Mensch von Seattle verbindet ja gern das Angenehme mit dem Nützlichen: Wenn er eh schon Geld für die Neuerfin­dung der Toilette ausgibt, damit in armen Ländern niemand mehr die Land- und Nachbarschaft vollstrullen muss, gibt es nichts Besseres als uringetrie­bene mobile Endgeräte, mit denen das Web endlich weltweit erreichbar wird.Dennoch möchte ich wetten, dass es die Münchner sind, die demnächst der Welt zeigen, was sich aus der Bristoler Erfindung herausholen lässt. Dass MBZ noch teuer sind, ist für Bayerns Bussi-Society kein Problem, sondern Ansporn. Und bei den Massen von Edelstoff-Massen, die sich in den Oktoberfest-Zelten blitzschnell in goldgelben Biokraft­stoff verwandeln, dürfte es ein Leichtes sein, mehr erneuerbaren Strom zu produzieren, als alle Fahrgeschäfte bei voller Oktoberfestil­lu­mi­na­tion benötigen.

Zum Dank erhält jeder brave Trinker von der Toiletten­frau die städtische Verdienst­me­daille „München leuchtet“.