Technik“CarPlay”

Smartphones im Auto smart integrieren

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Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Die Nutzung von Smartphones am Steuer ist laut einer Studie der Allianz verantwortlich für zehn Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr. Doch niemand will auf die digitalen Begleiter im Auto verzichten. Apple hat "CarPlay" auf den Weg gebracht. Auch Android und Co. wollen sich ihren Platz in der Pole-Position sichern, um Smartphone-Funktionen bequem und ungefährlich im Auto nutzen zu können.

31. Oktober 2014

Die Zubehörlisten der Autohersteller geizen nicht mit Möglichkeiten, das eigene Fahrzeug zur rollenden Multimedia-Zentrale auszubauen. Navigationspakete, Unterhaltungsmedien, mobiler Internet-Zugang und damit verbundene Online-Dienste lassen sich heute werkseitig entsprechend der gewünschten Konfiguration verbauen. Doch diese Upgrades können nicht nur sehr teuer werden. Es besteht auch die Gefahr, dass sie schneller veraltet sind als die Fahrzeuge selbst. Warum also diese Funktionen nicht einem aktuellen Smartphone überlassen, das diese Aufgaben im alltäglichen Gebrauch erfüllt? Dieser Gedanke würde die seit Jahrzehnten gängige Praxis weiterspinnen, Autoradios mit Kassettendeck durch neuere Modelle mit CD-, USB- oder SD-Kartenslot zu ersetzen, indem sie einfach in den DIN genormten Steckplatz im Armaturenbrett eingeschoben werden.

Die Weiterentwicklung der Freisprecheinrichtung

Dank des in den 1990er Jahren eingeführten Bluetooth-Standards, war es möglich, bestimmte Funktionen eines Mobiltelefons im Auto nutzbar zu machen. Über Bluetooth konnte nun nicht nur ein Anruf entgegengenommen, sondern auch gewählt und navigiert werden. Sinnvolle Zusatzinformationen wie Nummer des Anrufenden und dessen Namen wurden ebenfalls vom Handy-Adressbuch per Bluetooth an das Autoradio übertragen.

Um konsequent den nächsten Schritt zu gehen, machten sich die Entwickler daran, das Auto-Infotainment als Terminal für das Mobiltelefon zu nutzen. Eine herausfordernde Aufgabe, denn dafür mangelte es an den notwendigen Standards. Einen solchen sollte der Kommunikationsstandard „MirrorLink“ liefern, der 2009 unter der Federführung von Nokia öffentlich demonstriert wurde. Viele Anbieter hochwertiger Audio-Nachrüstsysteme werben damit. Doch in der Praxis lässt der Erfolg auf sich warten. Denn leider funktioniert laut einer Studie des Fachmagazins c´t die Kopplung von Automobil und Mobiltelefon nur dann zufriedenstellend, wenn man sich innerhalb einer Marke bewegt, also Soundsystem und Smartphone vom selben Hersteller wie beispielsweise Sony stammen.

Integration statt Kommunikation

Jetzt bahnt sich die nächste Generation der Zusammenführung an. Nachdem Apple mit „CarPlay“ einen Vertrag mit Mercedes, Volvo und Ferrari abgeschlossen hat, der den Autobauern erlaubt, Apples Kommunikationsstandard in die bereits verbauten Infotainment-Systeme einzubinden, sollen auch Android-Geräte zukünftig über den im Juni präsentierten Standard „Android Auto“ mit den On-Board-Systemen kommunizieren. Die Beteiligten der im Januar gegründeten „Open Automotive Alliance“ forcieren darüber hinaus eine noch tiefere Integration.

Mithilfe dieser Technologien können Autofahrer ihr Smartphone mit der Board-Elektronik des Autos verbinden. Dadurch lassen sich Anrufe tätigen, Kurznachrichten schreiben, die Kartennavigation aktivieren, Musik steuern und Informationen aus dem Internet abfragen. Auch die Anbindung der fahrzeugeigenen Sensorik ist denkbar, um diese an bestimmte Apps weiterzugeben. Die Bedienung kann auf vielfältige Weise erfolgen. Sei es durch Click-Wheels, Bedienelemente am Lenkrad oder den bordeigenen Touchscreen. Durch die Sprachsteuerung können die Hände aber auch komplett am Lenkrad bleiben.

Bündnisse arbeiten an der Zukunft

Die Open Automotive Alliance denkt diesen Gedanken einen Schritt weiter. Ziel der von Audi, General Motors (GM), Google, Honda, Hyundai und dem Chip-Hersteller Nvidia gegründeten Bündnisses ist die bessere Anbindung von bestehenden Smartphones als auch die Entwicklung einer angepassten Android-Version. Diese soll künftig die Basis neuer Infotainment-Systeme bilden. Auf dieser Plattform sollen die Autofahrer dann die Apps und Funktionen vorfinden, die sie von ihren Smartphones her bereits kennen und schätzen gelernt haben.

Wie sich die zukünftige Entwicklung der Technologie darstellen wird, ist jedoch laut der c´t-Studie schwer vorherzusagen. Etliche Hersteller haben sich dem Ziel verschrieben, Assistenzsysteme weiter auszubauen, um dem Prinzip des autonomen Fahrens so nahe wie möglich zu kommen. Eine Technologie, die vor allem eines benötigt: Daten. Dazu zählen nicht nur die vom eigenen Fahrzeug erfassten, sondern auch die anderer Verkehrsteilnehmer (Car-to-Car-Kommunikation) oder externer Quellen wie Verkehrsleitsysteme. Ob die Autobauer diese sicherheitsrelevanten Verbindungen oder die erforderliche präzise Navigation einem Smartphone überlassen wollen, bleibt abzuwarten.

Eine Technologie mit Potential

Gabriele Scheffler vom Kompetenzzentrum für energetische und informationstechnische Mobilitätsschnittstellen (KEIM) des Fraunhofer Instituts hingegen sieht die Möglichkeiten der Smartphone-Integration noch nicht voll ausgeschöpft: „Die primäre Kommunikation wandelt sich von Fahrer – Fahrzeug auf Fahrer – mobiles Gerät. In diesem Zug wird es interessant, aktuelle Informationen des Fahrzeugs wie Außentemperatur, Änderung der Route oder Ankunftszeit direkt auf das Smartphone zu übertragen.“ Laut Scheffler können diese dort in entsprechenden Apps Folgeaktionen auslösen, wie etwa Terminänderungen oder das Aktualisieren von Informationen in Communitys. Hier werde sich der Trend in Richtung bidirektionaler Vernetzung – also gegenseitiger Kommunikation – weiterentwickeln.

CarPlay: Apples CarPlay arbeitet in Verbindung mit Blackberrys QNX Car Platform, die in Infotainment-Systemen von zahlreichen Autoherstellern eingesetzt wird. Laut Apple funktioniert CarPlay mit Siri und ist speziell für die Nutzung im Auto entwickelt. Es funktioniert aber auch mit den Bedienelementen im Auto wie Knöpfen, Tasten oder Touchscreen. Apps wie Maps, Telefon, Nachrichten oder Musik wurden so überarbeitet, dass sie verwendet und trotzdem Augen und Hände da belassen werden, wo sie beim Fahren hingehören. Die Nutzung setzt ein iPhone 5 mit iOS 7 oder höher voraus. www.apple.com/de/ios/carplay/

Android Auto: Mit der Open Automotive Alliance ist Google Anfang des Jahres gestartet und hat eine spezielle Android-Version für Autohersteller gezeigt. Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O präsentierte der Internetkonzern im Juni 2014 „Android Auto“. Dieses bietet die gewohnte Android-Nutzung. Allerdings ist die neue Version weiter für die Steuerung mit der Sprache optimiert. Die speziellen Anpassungen von Android Auto ermöglichen es, ebenso wie Apples Version, Apps auch über Steuerelemente am Lenkrad oder in der Mittelkonsole zu bedienen. Zudem kann das Armaturenbrett zur Anzeige von Informationen genutzt werden. Das zentrale Element von Android Auto ist Google Now. Nach Angaben von Google wird Ende des Jahres die finale Version fertig sein. www.android.com/auto/

MirrorLink: MirrorLink ist ein Standard, der Funktionen und Oberfläche des per USB-Kabel angeschlossenen Smartphones auf ein kompatibles Autoradio „spiegelt“. Die Technik steckt im vorhandenen Handy, das Radio im Auto fungiert als Funktionseinheit. Außerdem ist die Anbindung an vorhandene Sensorik möglich. So können etwa die Daten von Beschleunigungs- und Bewegungssensoren den Applikationen auf dem Smartphone zur Verfügung gestellt werden. MirrorLink ist die Markenbezeichnung einer Technik, die ursprünglich "Terminal Mode" hieß und vom Car Connectivity Consortium (CCC) entwickelt wurde, zu dessen Gründungsmitgliedern die Firmen Alpine, Daimler, GM, Honda, HTC, Hyundai, LG Electronics, Nokia, Panasonic, PSA, Samsung, Toyota und Volkswagen zählen. MirrorLink funktioniert zurzeit nur mit einigen Smartphones von Nokia, LG, Panasonic, Samsung und Sony. www.mirrorlink.com/