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Ulfs* WeltKolumne

Hypo­chonder 3.0

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit? Nein! Das ist schlecht – für die Selbstop­ti­mie­rungs­in­dus­trie.

24. November 2014

„Immer, wenn ich etwas esse, das mehr als 40 Prozent Fett enthält, nehme ich zu“, schrieb ein Amerikaner, den wir privacy-halber Dick nennen wollen, ins Kommentar­käst­chen eines Sozialme­diums. Diese nicht allzu frappierende Erkenntnis verdankte er seinem Landsmann Chris Dancy, der ihm vorgelebt hatte, dass man mittels Big-Data-gestützter Selbstkon­trolle über 100 Pfund loswerden kann – sofern man seinem Sixspeck zuvor lange genug die landesty­pi­sche Diät zugeführt hat.

„Fat Data“ wäre für das, was Dick und sein abgemagertes Idol umtreibt, noch treffender. Keine Intensiv­sta­tion greift bei ihren Patienten ähnlich viele Informationen ab wie Dancy bei sich selbst: 700 Sensoren und Gadgets registrieren rund um die Uhr, was der Mann aus Denver tut und was dies mit ihm macht. Der wahrschein­lich bestverdrah­teste Mensch der Welt ist nicht etwa krank, jedenfalls nicht physisch. Chris Dancy arbeitet auch nicht als Versuchs­ka­nin­chen für die medizintech­ni­sche Industrie. Er sieht nur aus wie eines, wenn er für Pressefotos posiert. Dann kleben ihm Datenlei­tungen an Hals und Arm, als zuzelten sie an seinen Nervensträngen herum. Frischen Input lasert ihm die Google-Brille Glass auf die Netzhaut. Neben ihm wirken die Borg, die über Neurotechnik-Implantate fremdgesteu­erten Humanoiden aus Star Trek, ziemlich altbacken.

Input lasert Google auf die Netzhaut

Dancy sieht sich freilich als „Mindful Cyborg“, als kyberneti­scher Organismus mit eigenem Willen. TV-Interviewern versichert er stolz, all sein Smart-Home- und Wearable-Computing-Gedöns habe er selbst gekauft. Richtig gelesen: Die 700 digitalen Helferlein des Selbstaus­spä­hers sind keine Prototypen, die er testen darf, sondern Produkte und Apps, die Amazon, Apple und Google den datensüch­tigen Jüngern der „Quantified Self“-Bewegung bereits fleißig nach Hause liefern.

Als nächste Käufer-Zielgruppe sind wir waschbär­bäu­chigen Ignoranten an der Reihe, die wir uns für gesund halten, nur weil wir nie einen ganzen Zentner Bauchspeck spazieren trugen. „Will ich nicht“ und „brauch ich nicht“ gilt nicht, denn wir westlich-weichlichen Stubenho­cker sind ausnahmslos Risikopa­ti­enten, denen zur akuten Lebensge­fahr nur noch die Diagnose fehlt. Künftig fühlt uns die iWatch permanent den Puls und erkennt, ob wir vor der Glotze sitzen oder brav sporteln.

Matratzen­ab­hor­cher mittels Wälzsensor

Activity-Tracker-Apps erlauben uns, billige Schrittzähler durch teure Smartphones zu ersetzen. Infrarot-Oxymeter für den Nonstop-Blutsauer­stoff-Check passen in jede Hosentasche. Auch nachts wacht die Technik über uns. „Beddit“ – kein Tippfehler! – ist kein Newsjunkie-Treff im Netz, sondern die hohe Schule im Matratzen­ab­hor­chen: eine Kombination aus Wälzsensor und Schnarch­de­tektor. Ein solcher „Sleep Manager“ verhindert zwar keine schlaflosen Nächte, protokol­liert sie aber mehr oder weniger akkurat und vermiest Schlafla­bors das Geschäft.

Die US-Jungunter­neh­merin Elizabeth Holmes wiederum lässt jene Zeitgenossen ruhiger schlafen, die sich nie den Luxus-Lokus leisten konnten, den ein japanischer Sanitärs­kon­zern in den Nullerjahren den oberen Zehntausend verkaufte: Ein Roboterärm­chen in der Kloschüssel zweigte aus jedem Harnstrahl ein Pröbchen zum Blutzucker-Blitztest ab. Holmes hilft nun den kleinen Leuten, indem sie in Drugstores Minilabore aufstellt, die für eine Handvoll Dollar aus einem einzigen Tröpfchen Blut herauslesen, welche Pillen der Patient kaufen muss, um sich eines normkonformen Blutbilds zu erfreuen.

Da man sich für allerlei Werte nur noch einmal kurz in die Fingerspitze pieksen lassen muss, kommt die Pharmain­dus­trie endlich auch mit Hypochon­dern ins Geschäft, deren schlimmste Krankheit die Trypanophobie (Spritzen­angst) ist.

Ein paar Lücken muss die Selbstop­ti­mie­rungs­branche noch schließen: Wie miniaturi­siert man ein Blutdruck­mess­gerät aufs Format eines Smartwatch-Armbandes? Und wie bringt man die Modebranche dazu, all die Sensoren und Elektroden in Hemden und Mützen zu nähen, die nötig sind, um Tag für Tag 24-Stunden-EEGs, -EKGs und -Fieberkurven ans medizini­sche Experten­system in der Google-Cloud zu funken?

Wenn es eines Tages so weit ist und schlaue Algorithmen alle Krankenkassen und Hausarzt­praxen überflüssig machen, erinnert sich vielleicht irgendje­mand an ein Zitat, das der besonnene Cyborg Dancy anno 2014 in seiner Timeline hinterließ: „Wir müssen aufhören, unsere menschli­chen Probleme mit Technik zu lösen, und anfangen, unsere Technikpro­bleme mit Menschlich­keit zu lösen.“