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Ist Big Data auch „big“ im Nutzen?

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Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Die intelligente, vorausschauende Datenanalyse ist das Top-Thema der IT-Branche. Aber nicht nur aus Datenschutzgründen zeigt sich, dass das Thema auch aus einem sehr nüchternen Blickwinkel betrachtet werden sollte, damit es Nutzen stiftet.

23. Januar 2015

Der Film „Minority Report“ aus dem Jahr 2002: John Anderton und seine Abteilung Precrime der Washingtoner Polizei agieren präzise und hochgradig effizient. Ihre Wunderwaffe: die Precogs, hellsichtige Menschen mit der Fähigkeit zur Präkognition (lateinisch: vor der Erkenntnis), also der Fähigkeit, ein zukünftiges Ereignis vorhersagen zu können. Realität 2015: Seit Januar testen die Polizeibehörden in Köln und Duisburg neue Softwareprogramme, die Verbrechen melden, noch bevor sie geschehen und verstärken ihre Streifen und andere vorbeugenden Maßnahmen in den laut „Predictive Policing“ verdächtigen Gebieten.

Segen und Fluch zugleich

Was für Datenschützer und Digital-Aktivisten der Albtraum ist, ist für die IT-Industrie ein Traum. Tragen doch ihre Leistungsversprechen hinsichtlich der Fähigkeiten von vorausschauender Big-Data-Analyse („predictive analytics“) bereits Früchte. Eine Krankenkasse stellt fest, dass ein seltenes Medikament plötzlich ungewöhnlich oft verschrieben wird und kommt so einem Pferdedoping-Skandal auf die Spur. Oder das Beispiel von Target, dem zweitgrößten Discount-Einzelhändler der USA. Dort gelang es Chefstatistiker Andrew Pole und seinem Team, mittels vorausschauender Big-Data-Analyse sogar mit hoher Trefferquote die Schwangerschaft von Kundinnen zu erkennen.

Dafür identifizierten sie 25 Artikel (Lotion, Kalzium- und Zinktabletten oder etwa Watte) und beobachteten genau – denn darauf kam es an – in welcher Quantität und in welcher Kombination mit anderen Produkten diese im Einkaufswagen der registrierten Käufer, ähnlich Payback-Kunden, landeten und wie dieser Warenkorb sich vom Üblichen der Shopper unterscheidet. Die Kundinnen konnten sich daraufhin über besondere Target-Gutscheine für Schwangere in ihrer Post freuen. Und Pole brachte dies unter anderem den wütenden Anruf des Vaters einer minderjährigen Schülerin ein. Der brüllte den Target-Manager an, wie er auf solch eine unverschämte Idee kommen könne, seiner Tochter derlei Coupons zuzusenden. Wenige Tage später rief er erneut an mit der Bitte um Entschuldigung, da seine Tochter tatsächlich schwanger sei.

Der glückliche Datenlieferant

Dieser Fall zeigt auch, woran Big Data letztlich scheitern könnte: „Datenschutz ist das A und O bei Big Data“, weiß Hermann Wimmer vom US-amerikanischen Softwarehaus Teradata. Er rät deshalb immer, den sogenannten „glücklichen Datenlieferanten“ im Blick zu haben. „Das heißt, es muss das höchste Gut sein, mit der vom Kunden bereitwillig gelieferten Transparenz uneingeschränkt vertrauensvoll umzugehen, diese auf keinen Fall zu missbrauchen, und letztlich muss dem Unternehmen auch klar sein, einen passablen Gegenwert für seine Offenheit anzubieten“, bekräftigt der President International der Teradata Corporation.

Fakt ist jedenfalls: Obwohl Big Data zum Beispiel den Missbrauch von Kreditkarten eindämmen kann, wird nach der NSA-Affäre das Sammeln und Analysieren von Massendaten zunehmend kritisch gesehen. Das zeigt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von T-Systems von August 2013: Ein Großteil der Befragten will nicht, dass Unternehmen Massendaten, etwa aus sozialen Foren, nutzen. „Big Data muss gesellschaftliche Aspekte zentral mitberücksichtigen“, ist Stefan Rüping, Experte des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS in Sankt Augustin, überzeugt. Für die Fraunhofer-Forscher gehören das Schürfen in Datenbergen und ein zuverlässiger Datenschutz zusammen.

Nicht nur ethische Klippen

Es sind aber nicht allein diese ethischen Klippen, die es zur erfolgreichen Verwirklichung der Big-Data-Projekte zu umschiffen gilt. Auch technisch hakt es noch hier und dort. „In einigen Unternehmen bemerken wir, dass diese noch nicht einmal ihre klassischen Daten im Griff haben. Sie sind in großen IT-Projekten weiterhin mit der Konsolidierung ihrer Stammdaten beschäftigt, arbeiten an der Integration von CRM-Systemen und vereinen beispielsweise ihre Warenwirtschaftssysteme, nachdem sie mit einem anderen Unternehmen fusioniert sind“, so Axel Oppermann, Chef des Analystenhauses Avispador. Sein Credo: „Big Data kann ohne Frage sehr nutzstiftend sein, aber wenn ich noch zu sehr mit anderen IT-Projekten beschäftigt bin, nutzt mir das recht wenig.“

Darüber hinaus warnt der Experte vor allzu hohen Erwartungen an die neue Technologie: „Wenn ich etwa als Maschinenbauer meine Maschinen regelmäßig zu spät ausliefere, also meine Kernprozesse nicht im Griff habe, dann sollte ich erst einmal diese optimieren, anstatt mich um Big Data zu kümmern.“

Was nützt Big Data, wenn die Kernprozesse nicht stimmen?

Im Gegensatz dazu, so Oppermann, sei Predictive Big Data für bereits sehr gut aufgestellte Unternehmen, in einem wettbewerbsintensiven Umfeld beispielsweise, eine sehr nützliche Herangehensweise, „um noch besser zu werden.“

Last but not least leiden so manche Big-Data-Anwender schon an „Information Overload“. Das heißt, sie extrahieren aus ihren CRM-, ERP- und sogar Warenwirtschaftssystemen derart viele Daten, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie mit ihrer Analyse anfangen sollen. Hier türmen sich die Datenberge derart hoch, dass ein Erkenntnisgewinn nicht mehr möglich ist. Für Trendanalytiker Prof. Dr. Norbert Bolz von der TU Berlin sind intelligente Computersysteme deshalb nicht der alleinige Schlüssel zur Extraktion der richtigen Informationen: „Im ersten Schritt sind sie eine Möglichkeit und für die Zukunft nicht mehr wegzudenken. Letztendlich entscheiden aber unsere Gefühle, welchen Informationen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Bauchgefühl, Intuition und Einfallsreichtum sind rein menschliche Eigenschaften, die nichts mit Big Data zu tun haben“, urteilt er.

Fazit: Big Data kann unser Leben und unsere Ökonomie bereichern, aber es ist bei Weitem kein Allheilmittel, und in der Nutzung stecken noch jede Menge Risiken.