MenschenInnovationsphilosoph Gunter Dueck

Goldenes Zeitalter für Deutschlands Ingenieure

Lesezeit ca.: 7 Minuten
Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

»Die Stunde einer Innovation schlägt immer nachts, weil die meisten Unternehmen dann schlafen.« »Wir werden nicht zu professionellen Persönlichkeiten entwickelt und werden nicht auf das Komplexe vorbereitet.« Zwei kühne Thesen aus dem Repertoire des Innovationsphilosophen und Ex-IBM-Distinguished-Engineer Gunter Dueck, der im Gespräch mit <atFERCHAU> seine Weltansichten erklärt.

19. März 2015

Wie hält man es 25 Jahre als autistischer Mathematikprofessor bei IBM im Management aus, Herr Dueck?

Gunter Dueck: Schüchtern war ich – sehr. Damit ist es eine Last. Zu Beginn habe ich in den Meetings wie beim Tennis hin und her geschaut und mich über die andere Streitkultur gewundert. Ich musste mich oft zu einem »Darf ich auch mal etwas sagen?« aufraffen.

Sie waren zu höflich für die Rolle eines Industriemanagers?

Dueck: Nein, zu introvertiert. Ich hatte Furcht, andere zu verletzen. Die Extrovertierten sind viel robuster. Die Introvertierten, wie ich einer bin oder war, haben einen ganz anderen Benimm-Code als die Extrovertierten. Introvertierte unter sich grüßen nur mit Blicken oder Kopfnicken. Gerade noch so zart angedeutet, dass es einen nicht aus den Gedanken wirft.

Oder aus den Träumen. Lautet eine Ihrer Thesen deshalb: »Die Stunde einer Innovation schlägt immer nachts, weil die meisten Unternehmen dann schlafen«?

Dueck: Ach, die echten guten Ideen hat man eben nicht gerade nachts, aber irgendwo, wo der Geist ganz frei ist und schweifen kann. Das kann bei der Gartenarbeit sein, auf langen Rolltreppen im Flughafen, beim Warten neben Umkleidekabinen. Mein wichtiges Ergebnis in der Mathematik ist mir am Samstag unter der Dusche eingefallen. Mein Doktorvater grübelte schon jahrelang über etwas, hatte mir gerade wieder einmal eine mögliche Lösung beim Kaffee erklärt – ich ging Freitag heim und hatte am nächsten Morgen vor dem Brötchenholen plötzlich eine vollständig neue Lösung im Kopf. So etwas fällt einem nicht im Büro ein.

Innovationen sind also nicht planbar?

Dueck: Erfindungen? Nein. Innovationen? Auch nicht wirklich. Viele denken, dass eine Erfindung schon die halbe Miete wäre. Ist sie nicht. Wenn das kreative Neue auf die alte Welt der Formen und Abläufe, die bekannten Methoden und planbaren Geschäftsprozesse trifft, wo es ordentlich und perfekt sein muss, kommt es zu kaum vorhersehbaren Konflikten. Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, müssen aber ihre Geschäftsmodelle immer wieder neu in Frage stellen, überdenken und auch unangenehme Entscheidungen fällen.

Was wäre denn eine unangenehme Entscheidung?

Dueck: Unternehmen schrecken fast immer vor Selbstkannibalisierung zurück, also vor einem Neugeschäft, welches ihr gutes altes Business verdrängt. Verlage und E-Books, Glühlampen und LEDs, so etwas. Da LEDs ja lebenslang in der Lampe verbaut sind, muss sich ein Leuchtmittelhersteller (»Ingenieur«) auch Künstler zulegen, das ist eine Revolution für die Psyche einer Firma, die auch schwerfällt. Der Widerstand gegen solche großen Veränderungen ist gewaltig, so dass Unternehmen dadurch eine Art Immunsystem gegen Störungen aufgebaut haben – und das Kreative und Innovative ist eben fast immer eine solche Störung. Deshalb sollten Innovatoren nicht überrascht sein, wenn sie mit Neuem fast vorhersagbar im Unternehmen auf Granit beißen. Innovatoren müssten sich mehr mit der Komplexität des Bestehenden befassen.

Was verstehen Sie darunter?

Dueck: Die Infrastrukturen wandeln sich heute sehr stark, es geht nicht allein um »andere Produkte«. Auch die Arbeitswelt wird komplexer, das wird ja überall gefühlt und beklagt, weil das Einfache schon per Computer erledigt ist oder wird. Wir gehen nicht immer gleich zum Arzt ...

… oder wenn es zu spät ist.

Dueck: Ich weiß, manchmal sollte man besser gleich zum Arzt oder Anwalt gehen. Aber faktisch tun wir das nicht, wir gehen erst hin, wenn es für uns selbst zu komplex geworden ist, und dann wollen wir natürlich sofort den Superexperten. Da das so ist, steigen die Anforderungen an jeden Experten. Mittelmäßig geht nicht mehr gut. Wer also nicht so gut in seinem Job ist, wird zunehmend Schwierigkeiten haben. Das meine ich mit Komplexität: Wenn die Routinefälle wegfallen, bleiben nur noch die Zweifelsfälle für die echten Professionals.

Wie bereitet man sich auf Komplexität vor?

Dueck: Das müsste bereits in der Schule beginnen. Aber in den Lehrplänen für Mathematik zum Beispiel steckt immer noch der alte Geist, alle Welt solle Physik studieren oder Ingenieur werden: Das ist Mathematik für Minderheiten, denn nicht jeder muss Integral- oder Differentialrechnung beherrschen. Ein BWLer braucht keinen Sinus, Ärzte und Juristen sowieso nicht. Diesen antiken Lehrstoff muss man doch in Frage stellen dürfen, wenn man die Lehrpläne der Zukunft anpassen will.

Was sollte ganz oben auf dem Lehrplan stehen?

Dueck: Es geht eben nicht mehr nur um die Hirnkapazität (»Intelligence Quotient«), sondern auch um den Umgang mit Menschen  (»Emotional Quotient«). Der ganze Mensch ist gefordert. Dazu kommen Erfolgswille, Führungsqualitäten und Durchsetzungsstärke, die mehr die »Biologie des Körpers« betreffen. Marketing, Werbung, Verkaufen, Kunst oder Medien verlangen die Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; Wissenschaft, Entwicklung und Innovation leben von umtriebiger Neugier und unternehmender Veränderungsfreude. Heute arbeiten wir eher nur mit dem »Verstandesteil« des Menschen und sind noch weit von dessen »Gesamtnutzung« entfernt.

Was zeichnet professionelle Persönlichkeiten aus?

Dueck: Typen wie der leider zu früh verstorbene Steve Jobs sind professionelle Menschen, die Gefühl, Geist, Herz und Ästhetik in einem Paket liefern können. Es geht aber nicht darum, Apples Produkte zu kopieren, sondern sich vielmehr mit deren Erschaffensweise, dem »Hervorragenden« auseinanderzusetzen. In vielen Unternehmen wird heute mit den falschen Vokabeln gesprochen wie: »mal den Kunden befragen« oder »Feedback einholen«. Alles nur Floskeln. Nach wie vor torpediert die Marketing-Doktrin »Wir müssen schnell an den Markt und Geld verdienen!« jegliche Innovationsfreude. Man muss halt lange ein Gefühl dafür entwickeln, was das Vortreffliche eines Produkts oder einer Dienstleistung ist. Gewinnen wird der, der es in gewisser Weise schön macht. Und das sind immer dieselben: Google, Amazon, Apple etc.

Und der Rest der Welt bleibt auf der Strecke?

Dueck: Nein, da bin ich nicht ganz so negativ eingestellt, Stichwort: Industrie 4.0. Dafür sind die deutschen Ingenieure prädestiniert und offenherzig. Ich kann mir vorstellen, dass Deutschland vor einem goldenen Zeitalter steht, weil das Internet jetzt in einer Form gebraucht wird, zu der der Deutsche Lust hat. Die heimlichen Weltmeister in speziellen Branchen können plötzlich groß aufspielen. Ich verspüre bei vielen Engineering-Firmen einen Aufbruch in die Informatik. Diese beiden Seiten haben zwar immer noch Berührungsängste, aber es fehlt letztlich nur noch das gemeinsame Betriebssystem. In diesen Bereichen sind  die Deutschen wahnsinnig innovativ; da ist noch eine Menge zu erwarten.

Die Marke »Made in Germany« zieht wieder?

Dueck: Ja, das glaube ich. Die USA sind eine Consumer-Nation, deren gesamtes Bruttosozialprodukt vom Konsum abhängt. In Deutschland ist es der Maschinenbau. Jedes Land hat sein spezielles Fachgebiet, in dem es gut ist. Wir Deutschen mögen kein Talent für so etwas wie »Google« haben, aber eben für Industrie 4.0 allemal. In diesem Sinne verlangt die kommende Zeit ganz heftig nach etwas, was in unseren Genen steckt und auch nur sehr schwer zu kopieren ist. Wir haben halt kein Google erfunden, na und? Dennoch wünschte ich mir, dass auch deutsche Unternehmen so groß, weitsichtig und strategisch vorgingen, wie wir es bei Google sehen können.

Die nächsten großen Innovationen  kommen von Google?

Dueck: Genau. Die bauen gerade einen Paketdienst nach, testen den bestimmt bald mit Selbstfahrautos und Paketübergaberobotern. Google ist außerdem am Fahrdienst »Uber« beteiligt. Ist doch klar, worauf diese Strategie hinausläuft: Uber wird bald mit selbstfahrenden Taxis betrieben. Solche Megaprojekte wünsche ich mir auch von deutschen Unternehmen. Also, deutsche Ingenieure, ab ins Bad zur Innovationsdusche!

Vielen Dank für das Gespräch.

Über Gunter Dueck

Gunter Dueck, Jahrgang 1951, war nach seiner Habilitation 1981 fünf Jahre Professor für Mathematik an der Universität Bielefeld. 1987 wechselte er an das wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg. Dort gründete er unter anderem eine große Arbeitsgruppe zur Lösung industrieller Optimierungsprobleme und war maßgeblich am Aufbau des Data-Warehouse-Service-Geschäfts der IBM Deutschland beteiligt. Seit August 2011 ist er als weltanschaulich-philosophischer Redner und Autor im aktiven Unruhestand.

Ausgabe 2015/01

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