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Im Schattenreich der Daten

Lesezeit ca.: 8 Minuten
Bernd Seidel

Bernd Seidel

freier Journalist

Der Datenverkehr im verschlüsselten Internet boomt – trotz rabiater Strafverfolgung. Eine Expedition auf die dunkle Seite des Netzes.

20. April 2015

Das FBI ließ sich nicht lumpen. Mitte November 2014 fuhren etliche Einsatzwagen vor dem Haus des 26-Jährigen in San Francisco vor. Dutzende Polizisten schlichen sich an, stürmten die Wohnung. Während die einen den Verdächtigen überwältigten und zu Boden drückten, rannten die anderen zu seinem Computer – in Angst, dieser könnte nicht mehr entsperrt werden, sobald er geschlossen wäre. Das war es dann mit »Defcon«. Das ist der Nom de Guerre von Blake B. Wahrscheinlich war er der Betreiber des geheimen Netz-Handelsplatzes Silk Road 2.0. 150.000 User tummelten sich da, jeden Tag gingen mehrere Tausend Deals über den Tisch: Dinge wie alte Computerprogramme, Comic-Sammlungen oder IT-Krempel, Dinge aus der rechtlichen Grauzone wie Radarfallenwarner oder Geräte zum Abhören von Polizeifunk. Aber eben auch alles, was man etwa auf Amazon nicht kaufen kann, weil es illegal ist.

An jeder Transaktion verdiente der Administrator Blake B. mit. Wie viel, wird im Prozess geklärt werden. B. ist eines dieser typisch kalifornischen Gewächse: groß geworden im Internet und blitzgescheit. Zuletzt arbeitete er bei dem Raumfahrtunternehmen SpaceX. Typisch kalifornisch auch seine Konsumgewohnheiten: B. kaufte sich ein Elektroauto der Marke Tesla – und leistete die 70.000 Dollar Anzahlung in der elektronischen Internetwährung Bitcoin.

B. wusste, dass der Staat einen Marktplatz, der nicht zu überwachen ist, nicht dulden kann und wird. Jahrelang agierte er vorsichtig, verwischte seine Spuren, so gut es ging. Doch irgendwann wurde er nachlässig. Er ahnte nicht, dass der Kapuzenpulli-Typ, der genauso locker-kalifornisch daherkam wie er und ihm die Mitarbeit an Silk Road 2.0 anbot, in Wirklichkeit ein Lockvogel des FBI war. Noch am Tag seiner Verhaftung wurde Blake B. dem Haftrichter vorgeführt. Für die ihm vorgeworfenen Vergehen kann er lebenslänglich ins Gefängnis kommen. Experten rechnen damit, dass die Staatsanwälte alles daransetzen werden, dieses Strafmaß auszuschöpfen. Denn nichts ließ die Verfolgungsbehörden in den letzten Jahren so blöd aussehen wie die wild wuchernden Schwarzmärkte im Darknet.

Das Schattenreich

Das »Darknet« oder auch »Deep Web« ist das, wovor sich alle fürchten, denen das Internet in seiner Unübersichtlichkeit sowieso schon suspekt ist. Dabei wird der Begriff unsauber gebraucht. Deshalb eine kleine Einführung: Suchmaschinen wie Google können nur einen kleinen Teil des Internets durchstöbern – Schätzungen zufolge zwischen einem Viertel und einem Fünftel. Beim Rest handelt es sich um Seiten, zu denen man nur unter bestimmten Voraussetzungen Zugang hat. Zum Beispiel solche, die nicht mit einem Index versehen sind – dann finden nur jene diese Seiten, die deren genaue Adressen kennen. Dabei handelt es sich meist um unspektakuläre Datenbanken.

Eine Stufe geheimer sind die verschlüsselten oder zugangsbeschränkten Seiten – etwa die riesigen Datensätze von Unternehmen oder von Organisationen wie der NASA. Aber auch Google speichert seine geheimen Algorithmen im Netz, so gut geschützt, dass selbst Meisterhacker sich daran die Zähne ausbeißen.

Im Fokus der Aufmerksamkeit vieler Ermittlungsbehörden ist der Teil des Internets, den man über den sogenannten Tor-Browser betreten kann: Von jedermann leicht zu installieren, zerlegt er die Netz-Kommunikation in viele kleine Pakete und schickt diese über etliche Knotenpunkte um die Welt – was anscheinend nicht zu überwachen ist. Das Web im Tor-Modus hat mit den bunten und freundlichen Seiten, an die wir uns gewöhnt haben, nichts zu tun: Es sieht aus und ist so langsam wie Yahoo im Jahre 1995. Google hilft hier nicht weiter, auch gibt es statt griffiger URLs kryptische Adresszeilen. Tor macht keinen Spaß, man surft nicht einfach so herum. Man muss genau wissen, was man möchte und wo man es bekommt.

Das Tor-Netzwerk ist so etwas wie ein Internet im Flüstermodus, wo sich verschiedene Arten von Nutzern finden lassen. Zum Beispiel all jene, die tatsächlich verfolgt werden und darum nicht offen kommunizieren können. Hochgradig verschlüsselte Mailprogramme wie »Bitmessage« sind alles andere als bequem zu bedienen – sind aber auch nicht abhörbar. Dissidenten in Syrien, Iran und China verständigen sich darüber, das »Independent Media Center« will kritische Berichterstattung zur aktuellen Politik zur Verfügung stellen. Über »Secure Drop« können Journalisten mit ihren Informanten sicher in Kontakt treten. Die wohl wichtigste Seite dieser Art ist »WikiLeaks«, die ebenfalls über das Tor-Netzwerk angesteuert werden kann. Die Seiten mit den meisten Aufrufen sind Filesharing-Pages, auf denen Daten getauscht werden, legale wie illegale.

Und dann sind da noch die geheimen Marktplätze. Um im Deep Web zu shoppen, braucht man Bitcoins. Die Netzwährung erlaubt einen weitgehend anonymisierten Zahlungsverkehr. Das Geld wechselt von einer digitalen Geldbörse, einem Wallet, in die andere, und es ist so gut wie unmöglich, diesen Geldbörsen Personen zuzuordnen. Ein netzbasierter Markt, bei dem verbotene Güter gehandelt werden oder die Handeltreibenden nicht erkannt werden wollen, entstand deshalb, weil alle Marktteilnehmer sicher sein konnten, nicht über Kreditkartennummern identifiziert zu werden. Der erste Black Market im Darknet war Silk Road 1.0, das im Jahr 2011 online ging. Innerhalb weniger Monate schossen die User-Zahlen in die Zehntausende.

Aktuell scheinen Bitcoins jedoch nicht nur für anonyme Geschäfte interessant zu sein. Gerade die günstigen Transaktionskosten und die Geschwindigkeit machen das Zahlungsmittel für Einzelhändler immer interessanter. Bekannte Akzeptanzstellen, deren Zahl rapide steigt, sind unter anderem das Reiseportal Expedia oder Wikipedia, auch Ebay denkt über Bitcoins als zulässiges Zahlungsmittel nach.

Radikale Marktwirtschaft

Nun könnte man denken, den Marktbetreibern im Darknet ginge es nur ums Geld. Das ist sicher auch der Fall – und doch steckt mehr dahinter. Die Vordenker des Darknets, beispielsweise der Silk-Road-1.0-Betreiber Ross Ulbricht, verstehen sich als libertär, als radikale Marktwirtschaftler. Sie beziehen sich etwa auf den Ökonomen Murray Rothbard, einen Vertreter der radikalliberalen »Österreichischen Schule der Nationalökonomie«. Er war, wie viele andere Ökonomen, der Ansicht, dass der Staat Menschen nicht einschränken dürfe. Und dass zu ihrer Freiheit eben auch das Recht gehöre, Handel zu treiben, mit wem und mit welchen Gütern sie wollten – solange dabei kein Dritter geschädigt werde.

Zentrales Element ist die tiefe Skepsis gegenüber dem abhörenden, bevormundenden, besteuernden, verbietenden, aber auch umsorgenden Staat. Demgegenüber setzen die Vertreter des Darknets auf die spontane, quasi natürliche Handelsgemeinschaft, auf den kleinen Markt, der nur von Angebot und Nachfrage geregelt wird und nicht von staatlich sanktionierten Größen wie Zöllen, Geldmengen oder Leitzinsen geprägt ist. Hier ist schwer zu unterscheiden, wo und wann gesunde Skepsis in krankhafte Paranoia, freies Denken in fahrlässige Geheimnistuerei umschlägt.

The Empire strikes back

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dieser Staat mit allen Mitteln gegen die Hidden Marketplaces und deren Architekten und Betreiber vorgeht. So forderten die demokratischen US-Senatoren Charles Schumer und Joe Manchin die Verfolgungsbehörden schon vor Jahren auf, Silk Road zu schließen und auch gleich die Bitcoins zu verbieten – was geneigte Richter sicher getan hätten, wenn es denn technisch möglich gewesen wäre. Wie vorher Blake B., ging auch Ross Ulbricht im letzten Februar dem FBI ins Netz, ebenfalls über einen Lockvogel.

Das alles erklärt, wieso die Betreiber von Darknet-Märkten so gar nicht erpicht darauf sind, ans Licht der Öffentlichkeit zu treten. Einer, der sich selbst Mr. Peace nennt, wagt es trotzdem. Er meldet sich mit einer Mail-Adresse, die aus etwa 30 Ziffern und Zahlen besteht. »Schauen Sie sich meine E-Mail an. Die habe ich extra für Sie entworfen. Es ist sinnlos, mir Fragen nach meiner Person zu stellen.« Der Anonymus ist einer der Initiatoren des »Outlaw Market«, des einzigen Markts, der auf Deutsch betrieben wird. Ob er damit reich wird, verrät er nicht, ihm gehe es vor allem um Politik. Wofür Outlaw steht: »Eigenverantwortung, freie Marktwirtschaft, Aufklärung. Wir sind frei und lassen uns von niemandem was sagen!«

Alle Arten von Geschäften dürfen über Outlaw laufen. Die Seite ist bedacht auf äußerste Transparenz – soweit das unter anonymen Marktteilnehmern möglich ist. Käufer und Verkäufer haben die Möglichkeit, sich zu bewerten, Administratoren schlichten in Streitfällen.

Katz und Maus

Die Schwarzmärkte machen das Katz-und-Maus-Spiel im Netz deutlich. Es stehen sich zwei technisch hochgerüstete Seiten gegenüber – wobei die Marktbetreiber, kalifornische Hacker und Digital Natives wie Ross Ulbricht und Blake B., bisher immer die Nase vorne hatten. Das könnte sich ändern. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara verkündete angesichts der Verhaftung von Blake B. stolz: »Wir werden sooft es notwendig ist zurückkommen, um diese schädlichen kriminellen Online-Basare abzuschalten. Wir werden nicht müde.« Auch gibt es in der Szene schon länger Gerüchte, dass das Tor-Netz gehackt sein könnte. Das FBI hält sich dazu bedeckt. Anonymus lässt sich davon nicht beeindrucken: »90 Prozent der polizeilichen Erfolge kommen daher, dass sie einen schnappen und der singt dann. Bei Outlaw kann das nicht passieren. Die Administratoren kommunizieren ausnahmslos verschlüsselt miteinander und kennen sich nicht. Alles andere wäre unprofessionell.«

Noch erinnert die Darknet-Szene an das mythologische Ungetüm Hydra: Für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, wachsen mehrere Häupter nach. Woran das liegt? Zu viele Leute haben von der verbotenen Frucht gekostet. Die Nachfrage nach Hidden Marketplaces wird nicht verschwinden. Und damit auch nicht das Angebot. Das ist das Gesetz des Markts.

Bitcoin

Auf Hidden Markets zahlt man mit der Internet-Währung Bitcoin. Die Netzwährung wird zunehmend auch von knapp 6.000 legalen Stellen akzeptiert – vom Online-Händler bis hin zu Coffee-Shops (Stand: 11/2014). Das Geld wechselt von einem Wallet, einer digitalen Geldbörse, in ein anderes, was in der Regel innerhalb von fünf Minuten geschieht. Die Identität des Geschäftspartners ist dabei nicht zu ermitteln, man sieht nur Adressen, die aus 27 bis 34 alphanumerischen Zeichen bestehen und mit 1 oder 3 beginnen.

Tor-Browser

Der Tor-Browser erlaubt anonymes Surfen. Der Name steht für »The Onion Routing« – was daher rührt, dass die Kommunikation in kleine Teile zerlegt wird, die dann, wie in Zwiebelschichten, einzeln verschickt und am Ziel wieder zusammengesetzt werden. Im Tor-Modus kommt man ins Dark oder Deep Web.

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Ausgabe 2015/01

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