Ulfs* WeltKolumne

Was gibt‘s auf keinem Schiff?

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Eine deutsche Werft treibt einen wahnwitzigen, technischen Aufwand, damit junge Kreuzfahrer auf See das tun können, was sie auch zu Hause täten.

27. April 2015

Neulich habe ich in den alten Fotoalben meiner Mutter geblättert. Der klare Höhepunkt darin ist eine Mittelmeer-Kreuzfahrt im September 1985. Tagsüber klapperten die Passagiere die Relikte früher mediterraner Hochkulturen ab, abends führten sie ihre eleganteste Kleidung aus und speisten an opulenten Büfetts, unter deren Last sich fast die Tische bogen. Dabei hatten meine Eltern ihre Kabine nicht einmal auf einem TV-Traumschiff gebucht, sondern nur auf einem alten Dampfer. Zwei Wochen, nachdem sie von Bord gegangen waren, sahen sie ihr schwimmendes Hotel wieder – in der Tagesschau. Ein Palästinenser-Kommando hatte die MS Achille Lauro gekapert.

Wo die wahren Wichtigtuer entspannen

Terroristen und Touristen trieb das gleiche Missverständnis an Deck. Die einen glaubten, nirgendwo kämen sie leichter an eine Elite heran, die unter sich sein will. Die anderen opferten ihre Ersparnisse, um dieser Elite einmal auf Augenhöhe zu begegnen. Die Guten und die Bösen fielen auf eine hoch professionelle Inszenierung herein. Die wahren Wichtigtuer entspannten sich natürlich auf ganz anderen Schiffen.

Kreuzfahrt war der Name für den gelungenen Versuch, Pauschalreisenden den verblassten Mythos des Titanic-Oberdecks zu verkaufen, indem man sie von früh bis spät so betüddelt, dass es ihnen nichts ausmacht, zwölf Nächte in schlafwagenhafter Enge zu verbringen. Je zwei Passagiere leistete sich die Reederei Lauro ein Besatzungsmitglied. Die Crew war vor allem dafür da, die Gäste Arbeit und Alltag vergessen zu lassen.

Durchrationalisierte Urlaubsfabrik für Millennials

Alles aus und vorbei. Die traditionelle Zielgruppe hat sich alles, was die ZDF-Kapitäne ihr zeigten, in natura angesehen, bevor Landgänge am Südrand des Mittelmeers zu gefährlich wurden. Deshalb setzen Reedereien wie Royal Caribbean auch nicht mehr auf kulturbeflissene Gourmands, sondern auf die Stammkundschaft von Apples Flagship Stores. Die Papenburger Meyer Werft hat dem Seetouristik-Konzern gerade die zweite von drei schwimmenden Kleinstädten im Stil des 21. Jahrhunderts gebaut. Die „Anthem of the Seas“ ist wie ihr Schwesterschiff „Quantum of the Seas“ ein Smart Ship. Auf Deutsch: eine strikt durchrationalisierte und automatisierte Urlaubsfabrik für die Generation Y, die es spießig findet, sich verwöhnen zu lassen, und lieber bei Amazon einkauft als in der Boutique.

Die Geschäftsprozesse an Bord sind derart konsequent auf Lean Production getrimmt, dass die Crew fast um die Hälfte mehr Passagiere pro Kopf abfertigen kann. Per Smartphone oder Tablet checken die Gäste selbst ein, buchen Plätze für das Musical im Bordtheater, reservieren einen Platz in einem der Bordrestaurants. Zwecks besserer Auslastung der Tischkapazitäten sind ritualisierte Essenzeiten à la Captain‘s Dinner gestrichen. Man isst, wann man mag. Es kann ja eh kein Kapitän 4.200 Hände schütteln. Deshalb arbeiten die Kombüsenteams non-stop – nach Rezeptvorgaben von Fernsehköchen wie Jamie Oliver.

Industrie-Keeper und Bar-Roboter

Das Smarteste am Entertainment-Programm der Smart Ships ist der Breitband-Internetzugang mit flächendeckendem WLAN und Satellitenlink zum WWW für nur 15 Dollar am Tag. Das reichte früher für eine Minute Inmarsat-Telefonieren nach Hause. Die Digital Natives können sich auf dem Schiff vergnügen, als seien sie zu Hause, nur eben bei frischer Seeluft. Zwischendurch holen sie sich einen Drink in der Bionic Bar, die nicht ganz bietet, was der Name vermuten lässt: Der non-humane Barkeeper ist kein Androide, sondern ein Industrieroboter wie in der Autofabrik.

Damit man es auch in den Innenkabinen ohne Klaustrophobie aushält, sind diese mit „virtuellen Balkons“ ausgestattet, die eine bessere Aussicht auf die Außenwelt erlauben als jedes Bullauge. Die einzige Frage, die ich mir stelle: Bekäme man für das Geld, das so eine Kreuzfahrt kostet, nicht einen schönen Virtual-Reality-Simulator fürs Schlafzimmer daheim?