Ulfs* WeltKolumne

Alt, aber nicht blöd

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Niemand konstruiert Handys und Radios für Senioren. Um das toll zu finden, was es zu kaufen gibt, müsste man schon senil sein.

22. Mai 2015

Sind Sie noch werberelevant? Ich bin‘s nicht mehr. Da ich die 50 überschritten habe, gilt meine geistige Reife als so gefestigt, dass ich mich nicht mehr von Reklame verführen lasse. Zumindest besagt dies eine Hypothese, die schon in den Achtzigern zweifelhaft war, aber den Werbemanagern partout nicht auszutreiben ist. Wahrscheinlich haben die noch nie von Busausflügen zu abgewirtschafteten Landgasthöfen gehört, deren Hinterzimmern niemand entkommt, ohne dem Werben für eine Heizdecke, einer batteriebetriebenen Salzmühle sowie einem elektrischen Korkenzieher erlegen zu sein. Sonst wüssten sie: Naivität ist kein Privileg der Jugend.

Nun wären Werber keine Werber, würden sie ihren eigenen Thesen trauen. Deshalb dröhnen und schütten mich zum Beispiel die Elektro-Fachmärkte weiterhin mit Spots und Faltblättern zu, die mich zum Kauf irgendwelcher Markenprodukte auffordern, die ich schon mit 14 bis 49 nicht brauchte. Und wissen Sie was? Ich lese die Flyer sogar – aus reiner Neugier, ob die Branche irgendwann kapiert, dass es sich lohnen würde, Geräte zu entwickeln, die die Generation 50plus aus Überzeugung kauft und nicht aus schierer Verzweiflung.

Zugegeben: Wir Noch-nicht-Senioren sind die schwierigsten Kunden. Wir sind zwar aus dem Alter heraus, in dem wir aus Unerfahrenheit auf irgendwelchen fehlkonstruierten Krempel hereinfielen, aber eben auch noch nicht senil genug, um schon wieder auf irgendwelchen fehlkonstruierten Krempel hereinzufallen. Wie wär‘s, uns mal mit intelligenter Werbung für intelligent gemachte Produkte zu kommen? Wenn unsere Kinder endlich ihr eigenes Geld verdienen, möchten wir uns selbst mal wieder etwas gönnen. Wir haben auch Eltern und Schwiegereltern, denen wir Dinge kaufen würden, die ihnen das Leben leichter machen, ohne sie zu überfordern.

Leider beschäftigen Hersteller technischer Gebrauchsgegenstände nur zwei Sorten Entwickler: Nerds und Ignoranten. Erstere würden am liebsten sogar einem Bügeleisen einen Funk-Internetanschluss verpassen, um Temperatur und Dampfstöße zeitgemäß über eine Smartphone-App steuern zu können. Letzteren fällt seit Jahrzehnten nichts Neues mehr ein. Deshalb hat man die Wahl zwischen Geräten, bei denen die Rest-Lebenserwartung eines Durchschnittsrentners nicht zur Lektüre der Betriebsanleitung reicht, und solchen, die so primitiv sind, dass sie den Besitzer wie einen Idioten aussehen lassen.

Besonders augenfällig ist das Phänomen bei Rundfunkempfängern und Telefonen. Mit dem einen wollen ältere Leute Nachrichten hören und ihre alten CDs abspielen, mit dem anderen (hört, hört) anrufen und angerufen werden. Aber was bietet der Handel? Wer ein Radio will, hat die Wahl zwischen a) dem Ghettoblaster mit mikroskopisch kleiner Fernbedienung, deren sechsfach belegte Multifunktionstasten man mit der Fingernagelspitze bedienen müsste, könnte man denn ohne Lupe entziffern, wofür sie da sind, und b) dem DABplus-Modell, bei dem der Sender nicht mit praktischen Stationstasten gewählt wird, sondern über mehrstufige Menüs in dunkelblauer 90er-Jahre-Pixelschrift auf mittelblauem Mini-Display. Unter einem Seniorentelefon wiederum versteht man zumeist ein Gerät, dessen Zifferntasten so riesig sind, dass man sie mit Boxhandschuhen treffen würde, auf dessen winzigem Vintage-Display aber gerade einmal die letzten vier Ziffern der gewählten Telefonnummer Platz haben: sieben im Sinn, Memory als Demenz-Prophylaxe. Es gibt zwar ein eingebautes Telefonbuch, aber wie man dieses aktiviert, können sich allenfalls die Enkel anhand des Handbuchs zusammenreimen.

Die Technik, die das alles besser kann, gibt es längst. Jedes Smartphone hat sie intus – sie heißt Spracherkennung. Man könnte ein Modell herausbringen, das nur noch einen einzigen Knopf hat. Oma drückt drauf und sagt, was sie will: Bayern 1 hören. Leiser. Lauter. Peter anrufen. Auflegen. Sogar einen Fernseher könnte man so fernbedienen und die 87 verwirrenden Tasten wegrationalisieren. Man müsste es nur wollen und könnte sich daran dämlich verdienen.

Wenn so etwas auf den Markt kommt, stehe ich als erster in der Schlange. Das spart mir die Beantwortung dutzender Support-Fälle aus dem Familienkreis.