Image: Alt, aber nicht blödFERCHAUFERCHAU
Ulfs* WeltKolumne

Alt, aber nicht blöd

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Niemand konstruiert Handys und Radios für Senioren. Um das toll zu finden, was es zu kaufen gibt, müsste man schon senil sein.

22. Mai 2015

Sind Sie noch werberele­vant? Ich bin‘s nicht mehr. Da ich die 50 überschritten habe, gilt meine geistige Reife als so gefestigt, dass ich mich nicht mehr von Reklame verführen lasse. Zumindest besagt dies eine Hypothese, die schon in den Achtzigern zweifelhaft war, aber den Werbemana­gern partout nicht auszutreiben ist. Wahrschein­lich haben die noch nie von Busausflügen zu abgewirt­schaf­teten Landgast­höfen gehört, deren Hinterzim­mern niemand entkommt, ohne dem Werben für eine Heizdecke, einer batterie­be­trie­benen Salzmühle sowie einem elektrischen Korkenzieher erlegen zu sein. Sonst wüssten sie: Naivität ist kein Privileg der Jugend.

Nun wären Werber keine Werber, würden sie ihren eigenen Thesen trauen. Deshalb dröhnen und schütten mich zum Beispiel die Elektro-Fachmärkte weiterhin mit Spots und Faltblät­tern zu, die mich zum Kauf irgendwel­cher Markenpro­dukte auffordern, die ich schon mit 14 bis 49 nicht brauchte. Und wissen Sie was? Ich lese die Flyer sogar – aus reiner Neugier, ob die Branche irgendwann kapiert, dass es sich lohnen würde, Geräte zu entwickeln, die die Generation 50plus aus Überzeugung kauft und nicht aus schierer Verzweif­lung.

Zugegeben: Wir Noch-nicht-Senioren sind die schwierigsten Kunden. Wir sind zwar aus dem Alter heraus, in dem wir aus Unerfahren­heit auf irgendwel­chen fehlkonstru­ierten Krempel hereinfielen, aber eben auch noch nicht senil genug, um schon wieder auf irgendwel­chen fehlkonstru­ierten Krempel hereinzu­fallen. Wie wär‘s, uns mal mit intelligenter Werbung für intelligent gemachte Produkte zu kommen? Wenn unsere Kinder endlich ihr eigenes Geld verdienen, möchten wir uns selbst mal wieder etwas gönnen. Wir haben auch Eltern und Schwieger­el­tern, denen wir Dinge kaufen würden, die ihnen das Leben leichter machen, ohne sie zu überfordern.

Leider beschäftigen Hersteller technischer Gebrauchs­ge­gen­stände nur zwei Sorten Entwickler: Nerds und Ignoranten. Erstere würden am liebsten sogar einem Bügeleisen einen Funk-Internet­an­schluss verpassen, um Temperatur und Dampfstöße zeitgemäß über eine Smartphone-App steuern zu können. Letzteren fällt seit Jahrzehnten nichts Neues mehr ein. Deshalb hat man die Wahl zwischen Geräten, bei denen die Rest-Lebenser­war­tung eines Durchschnitts­rent­ners nicht zur Lektüre der Betriebs­an­lei­tung reicht, und solchen, die so primitiv sind, dass sie den Besitzer wie einen Idioten aussehen lassen.

Besonders augenfällig ist das Phänomen bei Rundfunk­emp­fän­gern und Telefonen. Mit dem einen wollen ältere Leute Nachrichten hören und ihre alten CDs abspielen, mit dem anderen (hört, hört) anrufen und angerufen werden. Aber was bietet der Handel? Wer ein Radio will, hat die Wahl zwischen a) dem Ghettoblaster mit mikrosko­pisch kleiner Fernbedie­nung, deren sechsfach belegte Multifunk­ti­ons­tasten man mit der Fingerna­gel­spitze bedienen müsste, könnte man denn ohne Lupe entziffern, wofür sie da sind, und b) dem DABplus-Modell, bei dem der Sender nicht mit praktischen Stations­tasten gewählt wird, sondern über mehrstufige Menüs in dunkelblauer 90er-Jahre-Pixelschrift auf mittelblauem Mini-Display. Unter einem Senioren­te­lefon wiederum versteht man zumeist ein Gerät, dessen Zifferntasten so riesig sind, dass man sie mit Boxhandschuhen treffen würde, auf dessen winzigem Vintage-Display aber gerade einmal die letzten vier Ziffern der gewählten Telefonnummer Platz haben: sieben im Sinn, Memory als Demenz-Prophylaxe. Es gibt zwar ein eingebautes Telefonbuch, aber wie man dieses aktiviert, können sich allenfalls die Enkel anhand des Handbuchs zusammen­reimen.

Die Technik, die das alles besser kann, gibt es längst. Jedes Smartphone hat sie intus – sie heißt Spracher­ken­nung. Man könnte ein Modell herausbringen, das nur noch einen einzigen Knopf hat. Oma drückt drauf und sagt, was sie will: Bayern 1 hören. Leiser. Lauter. Peter anrufen. Auflegen. Sogar einen Fernseher könnte man so fernbedienen und die 87 verwirrenden Tasten wegratio­na­li­sieren. Man müsste es nur wollen und könnte sich daran dämlich verdienen.

Wenn so etwas auf den Markt kommt, stehe ich als erster in der Schlange. Das spart mir die Beantwor­tung dutzender Support-Fälle aus dem Familien­kreis.