Image: Automatisch mehr Sicherheit beim Fahren und Fliegen?FERCHAUFERCHAUSorgen autonom gesteuerte Autos automatisch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr? | Foto: Claudia Heinstein
TechnikAutonomes Fahren

Auto­ma­tisch mehr Sicher­heit beim Fahren und Fliegen?

Lesezeit ca.: 6 Minuten
Mirko Besch

Mirko Besch

freier Journalist

Die autonome Steuerung von Autos steht kurz vor ihrem Durchbruch, während Computer in Flugzeugen den Piloten schon seit geraumer Zeit einen immer größeren Teil ihrer Arbeit abnehmen. Letzteres sorgt nun zunehmend für Kritik. Denn laut einer Studie der US-Luftfahrt­be­hörde FAA verlernen die Piloten langsam, ihre Flugzeuge manuell zu steuern. Und sie reagieren in Notsitua­tionen immer öfter falsch. Ist es für unsere Sicherheit nicht besser, wenn die Computer die Kontrolle ganz übernehmen?

03. Juni 2015

Heutzutage bedienen Piloten die Instrumente mittlerweile nur noch maximal sieben Minuten pro Flug – vornehmlich bei Start und Landung. Das hat eine Untersuchung der Duke University in Durham (USA) ergeben. Die meiste Zeit über fungieren sie lediglich als Systemüber­wa­cher. Und diese lang anhaltende Passivität im Cockpit stellt inzwischen eines der größten Probleme der Flugkapi­täne dar. Denn die dadurch entstehende Müdigkeit spiele bei vielen der unter „menschli­ches Versagen“ eingeord­neten Unfälle in der Passagier-Luftfahrt eine wichtige Rolle, so eine Studie des Versiche­rungs­kon­zerns Allianz.

Aber was lässt sich dagegen tun? Halten Piloten das Steuer künftig wieder länger in der Hand? Wird die Automati­sie­rung im Flugzeug reduziert? Nein. Die Allianz-Studie fordert lediglich, dass in den Pilotentrai­nings mehr auf das Problem der Untätigkeit eingegangen werden müsse.

Ein Rückbau der Computer­steue­rung im Flugzeug ist keine Option – im Gegenteil. Autonome Systeme werden die Zukunft auf unseren Straßen und in der Luft bestimmen; sie werden uns helfen, mit dem stetig wachsenden Verkehrs­auf­kommen zurechtzu­kommen. Es gilt als sehr wahrschein­lich, dass Flugzeuge in einigen Jahren sogar vom Boden aus gesteuert werden. Die EU hatte hierzu zwischen 2006 und 2009 bereits ein Forschungs­pro­jekt mit dem Namen SOFIA (Safe automatic flight back and landing of aircraft) erfolgreich absolviert.

Ziel: das unfallfreie Fahren

Eine ähnliche Erfahrung wie den Piloten droht auch Autofahrern mit dem Einzug der Automati­sie­rung. Ihr Fahrspaß, der sich unter anderem durch eigenes Gasgeben, Schalten oder Lenken definiert, dürfte künftig auf der Strecke bleiben. Allerdings kann es sich lohnen, auf den Faktor Vergnügen zu verzichten. „Mit dem automati­sierten Fahren sowie der Vernetzung der Fahrzeuge kommen wir dem Ziel des unfallfreien Fahrens ein gutes Stück näher“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann während eines Technischen Kongresses des Automobil­ver­bands. „90 Prozent der Unfälle passieren durch menschli­ches Fehlverhalten. Assistenz­sys­teme können diese Ursache stark reduzieren und viele Unfälle sogar ganz vermeiden.“

Zahlreiche Unternehmen, Organisa­tionen und Institutionen forschen und testen seit Jahren eifrig, um selbstfah­rende Autos möglichst bald alltagstaug­lich auf die Straßen zu bringen. „Die Einführung wird Schritt für Schritt erfolgen“, ist sich Wissmann sicher. „Vom assistierten Fahren über teil- und hochauto­ma­ti­siertes Fahren bis zum vollauto­ma­ti­sierten Fahren.“ Die technische Entwicklung komme hier zügig voran. Doch auch der rechtliche Rahmen müsse stimmen. „Wir brauchen Vorgaben für die digitale Infrastruktur wie auch für die Nutzung und den Austausch von Daten.“

Experten wie Daimler-Manager Ralf Herrtwich rechnen damit, dass sich serienreife Fahrzeuge bereits ab 2020 autonom auf Autobahnen bewegen werden. Bis Autos in jeder Umgebung alleine fahren können, werde es aber sicher noch bis 2030 dauern. Eine der größten Herausfor­de­rungen für die Systeme sei es, die Vielzahl von Lichtquellen an großen Kreuzungen – wie Ampeln und Rückleuchten – richtig einzuordnen und darauf zu reagieren. Aber auch Nebel, Regen oder Schnee könnten dazu führen, dass Sensoren und Kameras die Umgebung nicht ausreichend erkennen.

Konkurrenz von Google

Zu den Unternehmen, die selbstfah­rende Autos entwickeln, gehören deutsche Größen wie Mercedes, BMW und Audi. Die wohl größte Konkurrenz kommt aber aus den USA, von Google. Wie Projektleiter Chris Urmson in einem Blogpost betont, waren die 20 Google-Autos während ihrer seit 2009 durchgeführten Testfahrten mit insgesamt 2,8 Millionen zurückge­legten Kilometern lediglich an elf kleineren Unfällen beteiligt. Dabei habe es sich um unbedeutende Vorfälle mit nur leichten Schäden und ohne Verletzte gehandelt. „Nicht ein einziges Mal war das selbstfah­rende Auto schuld an einem Unfall.“

Airbags zum Schutz für Fußgänger

Wie die Wagen anderer Hersteller erkennen auch die Google-Fahrzeuge über Radar, Sensoren und Kameras drohende Gefahren und reagieren entsprechend darauf. Für zusätzliche Sicherheit will Google mit einem Außen-Airbag an der vorderen Stoßstange sorgen. Dieser soll Fußgänger und Fahrradfahrer bei einem Aufprall vor schlimmen Verletzungen bewahren. Anders als bei den üblichen Airbags füllen sich die Protektoren im Ernstfall jedoch nicht mit Luft. Sie bestehen aus einem viskoelas­ti­schen Material, das die Energie des Aufpralls absorbiert, indem es sich verformt.

Trotz derartiger Sicherheits­be­mü­hungen: Für die Absicht, seine self-driving cars künftig weder mit einem Lenkrad noch mit Pedalen auszustatten, wird der Internet­gi­gant stark kritisiert. Denn dadurch läge die Kontrolle des Fahrzeugs allein beim Computer. Soll bei Herstellern wie BMW oder Mercedes der Fahrer auch in Zukunft stets eingreifen können, hat sich Google offensicht­lich bewusst dazu entschieden, menschli­ches Fehlverhalten künftig von vornherein auszuschließen.

Ohne Piloten – technisch kein Problem

Ebenso im Luftverkehr gibt es seit Jahren Überlegungen, Piloten aus den Cockpits zu verbannen. Schließlich sind auch hier die meisten Unglücke auf menschli­ches Versagen zurückzu­führen. Technisch sei das kein großes Problem, sagt Dr.-Ing. Dirk-Roger Schmitt vom Institut für Flugführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Doch wie beim Auto stellt sich ebenfalls hier die Frage, wie sinnvoll das ist. Selbst beim wichtigsten Punkt, der Sicherheit, gehen die Meinungen auseinander – und zwar in beiden Bereichen: Auto und Flugzeug.

Laut Dr. Daniel Göhring, Leiter eines Forschungs­pro­jekts zu selbstfah­renden Autos an der FU Berlin, ist jede Technik auch störanfällig. „Ein Sensor kann mal ausfallen, der Autopilot versagen, da kann es zu schweren Unfällen kommen. Ein weiteres Problem ist, dass solche Systeme auch gehackt werden können“, erklärt er im Interview mit tagesschau.de. Ähnlich sieht es bei Flugzeugen aus. Obwohl in der Regel nicht nur ein Computer, sondern gleich drei geschlos­sene Systeme die Arbeitsab­läufe eines Fliegers steuern, ist es laut Professor David Stupples von der City University London durchaus möglich, Schadpro­gramme einzuschleusen – zum Beispiel während eines Updates der Flugzeug-Software. Außerdem können auch im Flugzeug Systeme ausfallen oder verrückt spielen.

Daher ist es sicher ratsam, dass der Mensch als letzte Instanz die Steuerung übernehmen kann. Denn durch die zunehmende Automati­sie­rung wird es zwar weniger Unfälle geben, völlig auszuschließen sind sie aber auch in Zukunft nicht – weder in der Luft, noch auf der Straße.

Automati­sie­rung Auto vs. Flugzeug

Die Automati­sie­rungen beider Verkehrs­mittel lassen sich kaum miteinander vergleichen. Während das System im Auto mit ein paar Sensoren, einer Kamera und Radar vergleichs­weise spartanisch ausgestattet ist, ist der Autopilot im Flieger sehr komplex. Er besteht aus einer Vielzahl verschie­dener und zum Teil unabhängig voneinander agierender Systeme. Herzstück ist das Auto Flight System (AFS), das unter anderem dafür sorgt, das Flugzeug im stabilen Flug oder auf einem festgelegten Kurs zu halten.