Ulfs* WeltKolumne

Dinoschlaurier statt Kita und Oma

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Home, Smart Home: Spielzeugtiere mit Cloud-Intelligenz machen bald erwachsene Bezugspersonen überflüssig.

30. Juni 2015

Well, folks, unser „Good Old Germany“ ist in Wahrheit ein ganz schön rückständiges Land. Ein Land, in dem junge Mütter ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie lieber arbeiten gehen, statt eine Herdprämie abzugreifen. Ein Land, in dem es verpönt ist, den Nachwuchs vor einem Bildschirm zu parken, wenn man bei einem leckeren Kasten Bier seinen Feierabend genießen will. Ein Land, in dem Großmütter so verrückt sind, ihre wohlverdienten Karibik-Kreuzfahrten zu stornieren, nur weil die Kindergärtnerinnen wochenlang streiken. Ein Land, in dem sogar allen Ernstes darüber diskutiert wird, zwar nicht die Bezahlung, aber das Ausbildungspensum der Erzieherinnen aufzustocken, weil wir uns sorgen, das Kita-Personal könnte unseren Kleinsten nicht die allerbeste frühkindliche Bildung bei liebevollster Zuwendung angedeihen lassen.

Wer braucht noch Taxifahrer und Sport-Journalisten?

Während wir also gefühlsduseln, exerzieren uns schon wieder unsere amerikanischen Freunde vor, wie eine disruptive Innovation auszusehen hat, mit der man die Liste der aussterbenden Ausbildungsberufe verlängern kann. Im post-professionellen Zeitalter alias „21. Jahrhundert“ geziemt es sich nicht, Lohn für Tätigkeiten zu verlangen, die genauso gut der Kunde selbst erledigen kann – oder ein Amateur, eine Maschine, ein Algorithmus. Schon jetzt brauchen wir keine Taxifahrer mehr (die Schwarz-Chauffeure der US-Firma Uber reißen sich um geizige Fahrgäste), keine Bank-Angestellten (außer uns übers Ohr zu hauen, können die nichts, was ein besserer Geldautomat nicht auch schafft), keine Hotelbediensteten (gegen das morbide Flair möblierter „AirBnB“-Absteigen kann kein Vier-Sterne-Haus anstinken), keine Bäcker (dank Aufback-Automat gehen Discounter-Brötchen weg wie warme Semmeln) und keine Sport-Reporter (Virtual-Journalism-Software schreibt bessere Spielberichte). Daher ist es überfällig, dass der Fortschritt endlich auch die Kitas erreicht.

Dialogfähige Urzeitechse

Die Amerikaner brauchen schon in wenigen Monaten ihr sauer verdientes Geld nicht mehr dafür zu verplempern, dass nichtsnutzige Damen ihren Kindern kindische Lieder beibringen, mit ihnen irgendwelchen analogen Krempel basteln, der jahrelang in Mamas guter Stube Staub fängt, und ihnen zeigen, wie man mit Buntstiften alles versaut, was nicht abwaschbar ist. Dann können sie ihren Kids für läppische 99 Dollar einen giftgrünen, himmelblauen oder rosafarbenen Plastiksaurier der Marke CogniToys kaufen und haben fortan ihre Ruhe: Kaum haben die Plagen auf den dicken blauen Knopf am Bauch der dialogfähigen Urzeitechse gedrückt, interessieren sie sich für keinen Erwachsenen mehr. Das liegt weniger am schlichten Design, das konsequent auf Elternfreundlichkeit optimiert wurde. So ist der Dino pflegeleicht und abwaschbar. Im Gegensatz zu Lego oder Playmobil hat er keine beweglichen Kleinteile, die das Kind verschlucken könnte, erspart gestressten Erwerbstätigen insoweit unproduktives Herumsitzen im Wartesaal der Kinder-Notaufnahme. Mangels jeglicher Unfallgefahr spart man sich auch jede Menge mühselige Trösterei.

IBMs Watson füttert den Nachwuchs – mit Wissen

Was diese Erfindung für ihre jungen User zum genialen Spielzeug macht: Sie ist Teil des „Internet of Things“ (IoT). Im Gegensatz zur IoT-mäßig aufgehübschten „Hello“-Barbie, die gleichzeitig auf den Markt kommt, quasselt das Crowd-finanzierte Produkt nicht Heidi-Klum-mäßig herum, um die geheimsten Konsumwünsche kleiner Mädchen auszuforschen. Der putzige Dinoschlaurier hat Zugriff auf den Bildungsschatz des einzigen Supercomputers, der es je zum Champion einer großen amerikanischen Quizshow gebracht hat. Was das Kind auch sagt und fragt, jede Silbe landet schnurstracks in IBMs virtuellem Superhirn „Watson“, das mehr von der Welt weiß als alle Kindergärtnerinnen, Mütter, Väter, Omas, Opas, Onkel, Tanten und neunmalklugen Geschwister zusammen. Das Kunsthirn in der Cloud hört unermüdlich zu und plaudert sein enzyklopädisches Wissen aus, solange die Batterien des Dinos halten.

Nur die NSA weiß, was Kinder wollen

Mama könnte also getrost an die Arbeit gehen und die Kleinen allein zu Haus zu Super-Nerds heranreifen lassen, hätte CogniToys nicht vergessen, eine gescheite audiovisuelle Fernüberwachung einzubauen. So enthält die erste Generation des Viechs nur Mikrofon und Lautsprecher, aber keine Webcam – und nur die NSA weiß, wie man die Verbindung zwischen Watson und Saurier knackt. Nicht auszudenken, dass die kleine Pauline eines Tages ihren allwissenden Spielgefährten fragt, wie man fachgerecht die Bude abfackelt.