TechnikProjektmanagement

Agil bringt Maschinenbau auf Drehzahlen

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Christoph Hammerschmidt

Christoph Hammerschmidt

freier Journalist

Agile Verfahren kommen aus der IT, lassen sich aber auch auf andere Branchen übertragen. Überall, wo Projekte an ihrer Unübersichtlichkeit und Komplexität kranken, können sie von diesen Techniken profitieren.

24. Juli 2015

Welche Vorteile ein agiles Projektmanagement haben kann, umriss der Bosch-Vorstandsvorsitzende Volkmar Denner auf der jüngsten Technischen Tagung des Verbandes der Automobilindustrie VDA: Dort verkündete Denner stolz, dass sein Unternehmen eine Auszeichnung des US-Elektrofahrzeugbauers Tesla erhalten habe. Bei einem Kundenauftrag der Kalifornier, so Denner, habe ein Bosch-Team das Entwicklungsziel in der Hälfte der üblicherweise benötigten Zeit erreicht. Als zentrale Struktur in dem Entwicklungsauftrag hatten die Schwaben Sprints mit einer Dauer von jeweils ein bis zwei Wochen etabliert.

Im Sprint doppelt so schnell ans Ziel

Ähnliche Erfahrungen hat Heinz Erretkamps schon oft gemacht. Der Engineering-Experte begleitet agile Teams als Coach und hat nach eigenen Worten schon mehr als 100 Projekte aus Branchen wie Sicherheitstechnik, Automobil- oder Maschinenbau „zum Fliegen gebracht.“ Konkrete Beispiele? Die Antwort lautet an dieser Stelle regelmäßig „ja, aber“: Kein Kunde darf in einem solchen Zusammenhang namentlich genannt werden. Diese Einschränkung verbindet Erretkamps mit anderen agilen Coaches wie Jutta Eckstein, die als eine der bekanntesten Beraterinnen agiler Vorgehensweisen gilt. Dennoch kann Erretkamps ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. So hält er ein Beispiel aus dem Maschinenbau parat: Ein großes, mittelständisches Unternehmen beabsichtigte, eine Metallbearbeitungsmaschine zu entwickeln, deren Merkmale an der Grenze des physikalisch Machbaren lagen.

An die Grenzen der Physik gehen

Nach anderthalb Jahren in der Projektphase merkte das Unternehmen, dass es feststeckte, und zog Erretkamps als Berater hinzu. Dem 25-köpfigen Entwicklerteam aus den Sparten Maschinenbau, Elektronik, Sensorik und Software half das Einüben agiler Techniken: Nach drei Monaten war die Konzeptphase abgeschlossen, weitere vier Monate führte ein Prototyp erste Funktionen aus. „Der Knoten platzte, als das Team anfing, vom schwerfälligen V-Modell auf eine agile Technik umzusteigen“, berichtet Erretkamps.

Jutta Eckstein, eine der wohl profiliertesten „Agilitätsberaterinnen“, kennt aus eigener Mitwirkung ein Entwicklungsprojekt aus einem Betrieb der Halbleiterzulieferindustrie. Dort, so Eckstein, waren die zeitlichen Ziele heftig ins Wanken geraten. Die Anwendung agiler Techniken in dem 30-köpfigen Team unter Anleitung Ecksteins half, Zwischenziele für jeweils zweiwöchige Phasen zu definieren, dann die Soll- und Ist-Stände zu vergleichen und danach das Ziel für die nächste Phase zu justieren. „Das Team hat das Zwischenziel vorgegeben und daraus gelernt, wie viel sie in den nächsten zwei Wochen schaffen würden,“ so Eckstein. Ergebnis: Die Entwicklung verlief wesentlich dynamischer.

Ist Agilität also das Gegenteil des bekannten V-Modells? „Nicht wirklich“, sagt Erretkamps. „Agile Sprints sind eigentlich kleine Vs. Es wird ebenso strukturiert vorgegangen, aber in kürzeren Abschnitten.“