TechnikKarte vs. Navi

Im Nirgendwo – dank Navi

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

freier Journalist

Verlieren wir durch Navigationssysteme unseren Orientierungssinn? Wissenschaftler vermuten, dass überladene Karten mehr schaden als nützen.

11. August 2015

Heiligabend 2014: Eine junge Frau aus Frankfurt ruft von ihrem Auto aus die Polizei. Sie steckt, völlig verzweifelt, in einem Schlammloch fest – mitten im Wald. Das Navi hat die Autofahrerin in die Irre geführt. Wo sie sich denn befinde, wollen die Beamten wissen. Doch es ist schon dunkel, und die Verkehrsteilnehmerin hat jegliche Orientierung verloren. Erst vier Stunden später, unter Einsatz von zehn Streifenwagen und eines Handy-Ortungsgerätes, wird die Frau gefunden. So schnell wird sie der Technik wohl nicht wieder vertrauen.

Mazedonien statt Polen

Anekdoten wie diese kennt jeder. Mal ist es der Rentner, der im Rhein statt am Ziel landet. Ein anderes Mal der Lkw-Fahrer, der nach Mazedonien statt Polen tuckert. Der Schuldige scheint in allen Fällen schnell gefunden: das verflixte Navi. Man lacht, schimpft, und ist sich schnell einig: blöde Technik. Die weitaus spannenderen Fragen werden indessen nur selten gestellt: Wie kann es überhaupt sein, dass wir ganz offensichtliche Falschfahrten erst so spät bemerken? Verlieren wir durch moderne GPS-Navigation unseren natürlichen Orientierungssinn? Und, wenn ja, was kann man dagegen tun? Sogar Experten zucken bei solchen Fragen häufig mit den Schultern.

Ortszellen im Gehirn aktivieren

Im vergangenen Jahr sorgten der Neurowissenschaftler John O’Keefe und das Forscherpaar May-Britt und Edvard Moser für Aufsehen, als sie den Nobelpreis für Medizin verliehen bekamen. Bereits 1971 hatte O’Keefe bei Versuchen mit Ratten etwas Erstaunliches festgestellt: Immer, wenn sie sich an einem bestimmten Platz aufhielten, wurden spezielle „Ortszellen“ in ihrem Gehirn aktiv. O’Keefe leitete daraus ab, dass die Tiere über eine „innere Karte“ verfügen müssen. Jahrzehnte später stieß das Ehepaar Moser 2014 im Ratten-Hirn auf „Gitternetz-Zellen“, die wie ein Koordinatensystem arbeiten. Überträgt man beide Erkenntnisse auf den Menschen, kommt man, vereinfacht gesagt, zu folgendem Schluss: Sobald wir eine Stadt besuchen, speichern wir automatisch eine „innere Karte“ in unserem Kopf. Beim nächsten Besuch wäre ein Stadtplan also gar nicht nötig.

Mentale Karten gehen verloren

Und doch verlassen sich immer weniger Menschen auf ihre angeborenen Fähigkeiten, sondern schalten lieber ihr GPS-Gerät ein. Aber leidet darunter automatisch der Orientierungssinn? Dirk Burghardt, Professor für Kartografie an der TU Dresden, ist davon überzeugt. „Wer lange nur nach Navi durch eine Stadt fährt, baut keine mentale Karte auf“, sagt Burghardt. Die Geräte selbst verstärkten diesen Effekt sogar noch. „Es wäre hilfreich, wenn sie von der Detail-Ansicht zwischendurch herauszoomen würden, um eine Gesamtübersicht anzuzeigen“, so Burghardt. Stattdessen werde standardmäßig die immer gleiche 3D-Ansicht präsentiert ¬– schädlich für die Orientierung, meint der Karten-Experte.

Ob dies tatsächlich so ist, wollte der Bildungspsychologe Stefan Münzer mit einer Studie belegen. Bereits im Jahre 2007 schickte er zwei Gruppen von Probanden zu Fuß durch den Saarbrücker Zoo. Die einen waren mit einem Navi ausgestattet, die anderen mit einem traditionellen Kartenausschnitt. Im Anschluss an den Spaziergang legte Münzer Fotos von Kreuzungen auf den Tisch, die die Probanden der richtigen Stelle auf dem Stadtplan zuordnen sollten. Die Gruppe der Kartennutzer schnitt dabei „erheblich besser“ ab, sagt Münzer heute.

Karte versus Navi

Bei einer anschließenden Tour über den Campus der Saarbrücker Uni zeigten sich erneut die Vor- und Nachteile der digitalen Geräte. Die Probanden erhielten Navis mit verschiedenen Anzeige-Modi. Anschließend zeichneten sie aus dem Kopf eine Karte des gelaufenen Weges. Das Ergebnis: „Wenn auf dem Navi nur grobe Informationen zu sehen waren, erstellten die Testpersonen bessere Karten“, so Münzer. Dass Navigationsgeräte neben der Wegstrecke oft auch nahegelegene Restaurants, Kneipen, Banken und sogar Sehenswürdigkeiten anzeigen, ist demnach schlecht für die Orientierung. „Das lenkt ab und bringt lernmäßig überhaupt nichts“, urteilt Münzer.

Spricht man mit Wissenschaftlern aus dem Verkehrsbereich, ergibt sich nach kurzer Zeit ein ziemlich klares Bild: Navigationsgeräte – so die übereinstimmende Meinung – sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie werden in Zukunft sogar noch wichtiger werden, da sich Stauprognosen mit ihrer Hilfe stetig verbessern lassen.

Wie gut, wenn man eine Ausweichstrecke im „Kopf“ hat

Dass so mancher Nutzer durch die Mini-Computer zunehmend abstumpft, scheint aber ebenfalls Konsens zu sein. Michael Schreckenberg, Professor für Transport und Verkehr an die Uni Duisburg-Essen, vergleicht Navis mit einem Taschenrechner: „Nach einer gewissen Zeit verlernt man das Kopfrechnen.“ Schreckenberg empfiehlt, gerade bei längeren Strecken die Route vorher auf einer Papierkarte anzuschauen. So könne man sie während der Fahrt mit den Vorschlägen des Navis abgleichen, was auch bei Straßensperrungen nützlich sei. „Bei kurzfristigen Sperrungen stößt die Technik schnell an ihre Grenzen“, so Schreckenberg. „Da ist es gut, eine Ausweichstrecke im Kopf zu haben.“

Sara Fabrikant, Professorin am Geografischen Institut der Uni Zürich, zeichnet das Bild einer Krücke: „Einerseits gewöhnt man sich so an das Hilfsmittel, dass man irgendwann nicht mehr ohne kann.“ Experimente mit jungen Inuit zeigten, dass diese sich ohne Navis im ewigen Eis kaum mehr zurechtfänden – ganz anders als noch die Generation ihrer Eltern. Andererseits sei der Orientierungssinn eben nicht bei jedem gleich: „Da gibt es große individuelle Unterschiede.“ Natürlich habe es schon immer Menschen gegeben, die sich in ihrer Umgebung schlecht zurechtfanden. Wer Schwierigkeiten dabei habe, den richtigen Weg zu finden, könne also nicht zwangsweise das Navi dafür verantwortlich machen – Krücke hin oder her.

Den verlorenen Orientierungssinn reaktivieren

Der neueste Ansatz der Forschung geht daher in eine andere Richtung: GPS-Geräte sollen ihren Nutzern dabei helfen, den verloren geglaubten Orientierungssinn zu reaktivieren. An der Uni Münster versucht eine interdisziplinäre Forschergruppe aus Geografen, Informatikern und Psychologen, das passende Navi für diesen Zweck zu entwickeln. Am leichtesten, sagt Geo-Informatiker Thomas Bartoschek, wäre es, wenn Navis so sprechen würden wie ein Mensch: „Wenn wir jemandem nach dem Weg fragen, sagt niemand, man solle in genau 750 Metern rechts abbiegen. Die Leute bleiben vage, schicken dich grob in eine Richtung und nennen bestimmte Orientierungspunkte, die auf dem Weg liegen.“

Seit einem Jahr tüfteln die Wissenschaftler bereits an ihrer Vision; einen ersten Prototyp haben sie auf dem Smartphone installiert. Zu sehen ist eine minimalistische Karte, die auf Symbole baut und Text nur sehr sparsam verwendet. Ein Kreuz markiert ein Krankenhaus, ein Einkaufswagen einen Supermarkt. In Zukunft sollen längere Straßen in der Darstellung automatisch verkürzt werden. Es ist ein bisschen wie bei einem U-Bahn-Plan“, sagt Bartoschek. „Wenn Menschen von Hand eine Karte zeichnen, stellen sie lange Straßen, die nichts Besonderes bieten, auch kürzer dar. Trotzdem können wir uns gut damit zurechtfinden.“

Anhaltspunkte in die Routenführung integrieren

Bisher, sagt Bartoschek, hätte sich noch kein Navi-Hersteller für das Münsteraner Forschungsprojekt interessiert. Komplett vorbeigegangen scheint die Diskussion um den Orientierungssinn aber auch an den Unternehmen nicht zu sein. Berna Celik-Rymdzionek, Product Managerin bei Garmin, sagt: „Wir integrieren Anhaltspunkte in unsere Routenführung, an denen sich der Nutzer auch ohne Navigationssystem orientieren würde – Straßenschilder, Gebäude, Ampeln.“ Zudem gebe es eine Funktion, mit der das Gerät „wie ein Ortskundiger“ dirigiere, etwa mit Aussagen wie „nach dem Starbucks bitte links abbiegen.“

Solche Funktionen könnten ein erster Schritt sein, um den natürlichen Orientierungssinn zu unterstützen. Die zweite Variante ist simpler, erfüllt ihren Zweck aber ebenso: Einfach mal das Navi ausschalten und zur Karte greifen – und dabei möglichst nicht im Rhein landen.