KarriereLeben und arbeiten in Österreich

„Titel haben einen hohen Stellenwert”

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Franz Jonen

Franz Jonen

freier Journalist

Sie sitzen oft und gern im Kaffeehaus, lieben den Schmäh und fahren auf Titel ab. So lauten einige der gängigen Vorurteile über unsere österreichischen Nachbarn. Was ist dran an diesen Klischees und wie lebt und arbeitet es sich in der Alpenrepublik? Wir wollten es genau wissen und fragten nach bei denen, die Rede und Antwort stehen können: deutschen Mitarbeitern von FERCHAU Austria.

24. August 2015

Die einen sind für die anderen die Piefkes, die Preußen oder einfach „die Deitschen”. Und andersherum ist schnell von den „Ösis” die Rede. Das Verhältnis der beiden Nachbarn Deutschland und Österreich war und ist, gesamtbetrachtet, durchaus ein wenig zwiespältig. „Was vor allem daran liegt, dass die Österreicher das Gefühl haben, vom großen Nachbarn nicht immer ernst genommen zu werden”, vermutet der aus dem bayerischen Mittenwald stammende Sven Schmidt, Account Manager IT bei FERCHAU Innsbruck. „Man denkt, in Deutschland herrsche die Meinung, Österreich sei gemütlich und toll zum Urlaub machen, sieht aber zum Beispiel die wirtschaftliche Potenz des Landes nicht genügend gewürdigt. Das kränkt die Österreicher, die ja durchaus ein stolzes Bergvolk sind.”

Besserwisserei ist ein No-Go

Die Bezeichnung „Piefke” hat auch FERCHAU-Mitarbeiter Andreas Weber, der im Nachbarland einen internationalen Gasmotorenhersteller in der Aggregatekonstruktion unterstützt, schon öfters gehört, aber eher als spaßig gemeinte Frotzelei: „Die Österreicher sehen die Deutschen als gewissenhafte Menschen, die in Prozessen denken, pünktlich und qualitätsbewusst sind.” Was Sven Schmidt bestätigt: „Auf der anderen Seite belegt man uns aber auch mit dem Attribut ,besserwisserisch’. Diesen Eindruck sollte man als Deutscher in Österreich erst gar nicht aufkommen lassen. Das ist auch in der Arbeitswelt ein absolutes No-Go.”

Wie ist es denn überhaupt, als Deutscher in Österreich tätig zu sein? „Sehr angenehm”, findet Andreas Weber (31): „Bei meinen österreichischen Kollegen habe ich noch nie erlebt, dass einer sagt: ,Ich habe keine Zeit, dies und jenes zu erklären’”, und er ergänzt: „Das Thema Zeit spielt hier überhaupt eine etwas andere Rolle. Auch wenn man Stress hat, bleiben immer noch fünf Minuten für einen Kaffee und ein kurzes Gespräch. Insgesamt ist man im persönlichen Umgang höflicher und respektvoller. Das merkt man auch daran, dass man sich in ländlichen Gegenden noch auf der Straße grüßt.” Informatiker Sven Schmidt hat festgestellt, dass die Österreicher in dem, was sie tun, zwar genauso engagiert sind wie die Deutschen, dass für sie jedoch die Lebensqualität und das regionale Umfeld, aus dem sie stammen, mehr zählen. „Wir sind es gewohnt, dort zu arbeiten, wo der Job am meisten Spaß bringt und wo die besten Chancen vorhanden sind. Hier ist man mit der Heimatregion mehr verbunden.”

Doch was hat es nun mit den Eigenschaften auf sich, die wir so gerne unseren Nachbarn zuschreiben, wie zum Beispiel ständige Besuche im Kaffeehaus und der berühmte Schmäh. „Das sind Dinge, die man, wenn überhaupt, in Wien findet”, konstatiert Andreas Weber. „Was stimmt, ist, dass die Österreicher sehr gesellig sind. Das Feierabend-Bier mit den Kollegen ist hier noch selbstverständlicher als bei uns.” „Statt ins Kaffeehaus kehrt man in Tirol außerdem eher in eine Berghütte ein”, weiß FERCHAU-Kollege Sven Schmidt: „Einige meiner Ansprechpartner haben im Sommer die Wanderschuhe im Büro stehen, weil es nach der Arbeit mit Kollegen auf Bergtour geht.” Und die österreichische Bedächtigkeit? „Schnelle Entscheider sind die Österreicher nicht unbedingt”, so der 29-Jährige. „Sie wägen sehr genau ab und legen auch weniger Wert auf die alleinige Entscheidungsgewalt, sondern beziehen andere mit ein. Haben sie eine Entscheidung getroffen, gehen die Dinge auch schnell voran.”

Die Gattin ist „Frau Doktor”

Bleibt noch die Frage nach der Begeisterung für Titel und Auszeichnungen. „Die haben in Österreich und speziell auch in Tirol immer noch einen sehr hohen Stellenwert”, bestätigt Andreas Weber. „Ich betreue zurzeit zwei Diplomanden und selbst da legt man Wert darauf, dass Titel, sofern schon vorhanden, auf der Diplomarbeit vermerkt sind.” „Und es ist auch kein Gerücht”, so sein Kollege aus dem Vertrieb, „dass man die Ehefrau eines promovierten Akademikers mit ,Frau Doktor’ anreden sollte. Auch wenn sie gar nicht diesen Titel erworben hat.”

Was beide FERCHAU-Mitarbeiter unisono loben, ist die hohe Lebensqualität in unserem Nachbarland und ganz speziell in ihrem direkten Umfeld Tirol: „Eine tolle Natur, freundliche Menschen, interessante kulturelle Angebote und viele gemütliche Momente – das Leben hier ist super”, urteilt Sven Schmidt, der nunmehr bereits seit acht Jahren in Innsbruck wohnt. „Dazu kommt, dass die Qualität der Lebensmittel sehr viel höher ist, als in Deutschland, weil alles aus der Region bezogen wird”, weist Andreas Weber auf einen speziellen Aspekt hin.

Also keinerlei Wermutstropfen? „Ich vermisse, dass man auf der Autobahn auch mal schneller als 100 km/h fahren kann”, bekennt Account Manager Schmidt. „Aber wenn man das laut sagt, heißt es: ,Typisch deitsch’.”

Mit Linz fing alles an: Im Jahr 2012 ging die erste FERCHAU-Niederlassung in Österreich an den Start. Mittlerweile gehören mit Graz, Innsbruck und Wien drei weitere Standorte zur 2014 gegründeten FERCHAU Engineering Austria GmbH, der österreichischen Tochter von FERCHAU Engineering.