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Ulfs* WeltKolumne

Durch­blick uner­wünscht

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wenn schon virtuelle Realität, dann richtig: Der Mensch des Cloud-Zeitalters will von der Welt nichts hören und sehen.

28. September 2015

Technisch versierte Trekkies haben einst gerätselt, wie der Visor (Visual Instrument and Sensory Organ Replacement) funktionieren mochte, der dem blinden Bordinge­nieur Geordi LaForge ein aufgemotztes Abbild seiner Umwelt ins Gehirn beamte. Bodenstän­di­gere Zuschauer fragten sich eher, wie Darsteller LeVar Burton mit dem Requisit auf der Nase unfallfrei durch die Kulissen kam: Für die Rolle des sehenden Blinden musste Burton seine Pupillen hinter einem Spalier aus schillernden Gitterstäben verbarri­ka­dieren.

EyePhone – für einen Trip ohne Drogen

Nun konnte Enterprise-Schöpfer Gene Roddenberry nicht ahnen, welch wundersame Erfindungen eines Tages wirklich unsere Sehnerven stimulieren würden. Träumte der Scifi-Produzent von neuromedi­zi­ni­schen Kunstgriffen, fokussierte sich die Silicon-Valley-Avantgarde lieber auf Kunden, die im Vollbesitz ihrer Sehkraft waren – aber dessen überdrüssig, was sie im Alltag mit ansehen mussten. Noch während die Staffeln von „The Next Generation“ (TNG) in den Röhrenfern­se­hern flimmerten, erfand der Cyber-Hippie Jaron Lanier sein EyePhone. Das war kein Telefon mit Apfelemblem, sondern ein klobiger Datenhelm, der seinem Träger stereosko­pisch und akustisch eine Scheinwelt vorgaukelte – einen Trip ohne Drogen.

Die verschlimm­bes­serte Wirklich­keit

Leider mangelte es den Gerätschaften an der nötigen Mobilität. Der Datenstrom kam aus einer Hochleis­tungs­work­sta­tion, die man kaum durch die Tür eines Großraum­wa­gens bekommen hätte, was insofern egal war, als es in den ersten ICEs noch keine Steckdosen gab. Für eine standesge­mäße Flucht aus der Wirklich­keit waren die Projektionen ohnehin viel zu unscharf und ruckelig. Es kam wie so oft, wenn ein genialer Spinner seiner Zeit weit voraus ist: Laniers Firma ging pleite. Bald war nicht mehr „virtuelle Realität“ – welch wunderbarer Euphemismus für die Vorspiege­lung falscher Tatsachen! – en vogue, sondern „Augmented Reality“, also eine mit digitalen Einblendungen verschlimm­bes­serte Wirklich­keit.

Sturz aus Hollywood

AR statt VR, das war der Sturz aus Hollywoods Wolkenku­ckucks­heim auf den harten Shopfloor der Fabrik, wo 3D-bebrillte Monteure das reale Werkstück mit seinem frei im Raum schwebenden CAD-Pendant vergleichen können, bis ihnen schwindlig wird. Die Computer wurden immer kleiner und tragbarer, die „Goggle“ genannten Sehhilfen auch. Ein Vierteljahr­hun­dert nach dem EyePhone gipfelte die Entwicklung in der schlanken Google Glass – einem Gerät, das sogar uns Normalver­brau­cher schlauer machen sollte. Auf Zuruf sollte uns alles Wissen der Welt buchstäb­lich vor Augen stehen. Der humanisti­sche Fantast Roddenberry hätte seine Freude daran gehabt.

Lautspre­cher-Monstrosi­täten auf die Ohren

Tja, Irrtum. Glass ist ein Flop. Nicht etwa, weil die Datenbrille heißläuft und der Akku schnell schlappmacht. Das sind Bagatellen. Glass hat zwei echte No-Gos. Erstens ist sie viel zu klein, leicht und dezent; zweitens gewähren ihre Gläser Durchblick auf die wahre Welt. Deshalb kann Google das profane Ding allenfalls AR-Stammkunden wie Wartungs­tech­ni­kern verkaufen. Offenbar haben die Trendscouts des Wissenskon­zerns versagt: Schon lange kauft sich kein mobiler Mensch mehr Ohrhörer oder offene Kopfhörer, denn die lassen Umweltge­räu­sche durch – etwa das Gejaule von Rettungs­wagen oder Frechheiten wie „Ihren Fahrschein bitte“.

Stattdessen klemmt man sich heute bunte Lautspre­cher-Monstrosi­täten auf die Ohren, die jedem Mitmenschen signalisieren: „Sprich mich bloß nicht an!“ Wer es versucht, hat Pech. Der Gegenschall-Generator versenkt zuverlässig jedes Wort im Nirwana. Das perfekte Gegenstück zu solchen Trotzkopf­hö­rern ist eine geschlos­sene Brille, wuchtig wie die Rift von Oculus – die Reinkarna­tion des EyePhone auf neuestem Stand der Technik, Lanier reloaded. Wer nichts mehr sehen und hören will von der realen Realität, braucht nicht mehr die Augen und Ohren vor ihr zu verschließen.

3D-Projektor im Kindergar­ten­modus

Nur Microsoft hat das mal wieder nicht kapiert. Unbeeindruckt folgt der Konzern Googles Irrweg und projiziert typische Smartphone-Apps holografisch ins Wohnzimmer. Die „Hololens“ – klobig und durchsichtig zugleich – hängt Windows-Kacheln und Wetterpro­gnosen wie Bilder an die Wand und lässt Playmobil­püpp­chen durch die Stube fliegen. Das ist so überzeugend, als hätte Gene Roddenberry echte Möbel ins Holodeck gestellt und den 3D-Projektor in den Kindergar­ten­modus geschaltet.