Ulfs* WeltKolumne

Durchblick unerwünscht

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wenn schon virtuelle Realität, dann richtig: Der Mensch des Cloud-Zeitalters will von der Welt nichts hören und sehen.

28. September 2015

Technisch versierte Trekkies haben einst gerätselt, wie der Visor (Visual Instrument and Sensory Organ Replacement) funktionieren mochte, der dem blinden Bordingenieur Geordi LaForge ein aufgemotztes Abbild seiner Umwelt ins Gehirn beamte. Bodenständigere Zuschauer fragten sich eher, wie Darsteller LeVar Burton mit dem Requisit auf der Nase unfallfrei durch die Kulissen kam: Für die Rolle des sehenden Blinden musste Burton seine Pupillen hinter einem Spalier aus schillernden Gitterstäben verbarrikadieren.

EyePhone – für einen Trip ohne Drogen

Nun konnte Enterprise-Schöpfer Gene Roddenberry nicht ahnen, welch wundersame Erfindungen eines Tages wirklich unsere Sehnerven stimulieren würden. Träumte der Scifi-Produzent von neuromedizinischen Kunstgriffen, fokussierte sich die Silicon-Valley-Avantgarde lieber auf Kunden, die im Vollbesitz ihrer Sehkraft waren – aber dessen überdrüssig, was sie im Alltag mit ansehen mussten. Noch während die Staffeln von „The Next Generation“ (TNG) in den Röhrenfernsehern flimmerten, erfand der Cyber-Hippie Jaron Lanier sein EyePhone. Das war kein Telefon mit Apfelemblem, sondern ein klobiger Datenhelm, der seinem Träger stereoskopisch und akustisch eine Scheinwelt vorgaukelte – einen Trip ohne Drogen.

Die verschlimmbesserte Wirklichkeit

Leider mangelte es den Gerätschaften an der nötigen Mobilität. Der Datenstrom kam aus einer Hochleistungsworkstation, die man kaum durch die Tür eines Großraumwagens bekommen hätte, was insofern egal war, als es in den ersten ICEs noch keine Steckdosen gab. Für eine standesgemäße Flucht aus der Wirklichkeit waren die Projektionen ohnehin viel zu unscharf und ruckelig. Es kam wie so oft, wenn ein genialer Spinner seiner Zeit weit voraus ist: Laniers Firma ging pleite. Bald war nicht mehr „virtuelle Realität“ – welch wunderbarer Euphemismus für die Vorspiegelung falscher Tatsachen! – en vogue, sondern „Augmented Reality“, also eine mit digitalen Einblendungen verschlimmbesserte Wirklichkeit.

Sturz aus Hollywood

AR statt VR, das war der Sturz aus Hollywoods Wolkenkuckucksheim auf den harten Shopfloor der Fabrik, wo 3D-bebrillte Monteure das reale Werkstück mit seinem frei im Raum schwebenden CAD-Pendant vergleichen können, bis ihnen schwindlig wird. Die Computer wurden immer kleiner und tragbarer, die „Goggle“ genannten Sehhilfen auch. Ein Vierteljahrhundert nach dem EyePhone gipfelte die Entwicklung in der schlanken Google Glass – einem Gerät, das sogar uns Normalverbraucher schlauer machen sollte. Auf Zuruf sollte uns alles Wissen der Welt buchstäblich vor Augen stehen. Der humanistische Fantast Roddenberry hätte seine Freude daran gehabt.

Lautsprecher-Monstrositäten auf die Ohren

Tja, Irrtum. Glass ist ein Flop. Nicht etwa, weil die Datenbrille heißläuft und der Akku schnell schlappmacht. Das sind Bagatellen. Glass hat zwei echte No-Gos. Erstens ist sie viel zu klein, leicht und dezent; zweitens gewähren ihre Gläser Durchblick auf die wahre Welt. Deshalb kann Google das profane Ding allenfalls AR-Stammkunden wie Wartungstechnikern verkaufen. Offenbar haben die Trendscouts des Wissenskonzerns versagt: Schon lange kauft sich kein mobiler Mensch mehr Ohrhörer oder offene Kopfhörer, denn die lassen Umweltgeräusche durch – etwa das Gejaule von Rettungswagen oder Frechheiten wie „Ihren Fahrschein bitte“.

Stattdessen klemmt man sich heute bunte Lautsprecher-Monstrositäten auf die Ohren, die jedem Mitmenschen signalisieren: „Sprich mich bloß nicht an!“ Wer es versucht, hat Pech. Der Gegenschall-Generator versenkt zuverlässig jedes Wort im Nirwana. Das perfekte Gegenstück zu solchen Trotzkopfhörern ist eine geschlossene Brille, wuchtig wie die Rift von Oculus – die Reinkarnation des EyePhone auf neuestem Stand der Technik, Lanier reloaded. Wer nichts mehr sehen und hören will von der realen Realität, braucht nicht mehr die Augen und Ohren vor ihr zu verschließen.

3D-Projektor im Kindergartenmodus

Nur Microsoft hat das mal wieder nicht kapiert. Unbeeindruckt folgt der Konzern Googles Irrweg und projiziert typische Smartphone-Apps holografisch ins Wohnzimmer. Die „Hololens“ – klobig und durchsichtig zugleich – hängt Windows-Kacheln und Wetterprognosen wie Bilder an die Wand und lässt Playmobilpüppchen durch die Stube fliegen. Das ist so überzeugend, als hätte Gene Roddenberry echte Möbel ins Holodeck gestellt und den 3D-Projektor in den Kindergartenmodus geschaltet.