Ulfs* WeltKolumne

Totgesagtes faxt länger

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Das Telefonnetz der Zukunft kommt nicht mit Fernkopien klar. Dieses technische Versagen sollten wir feiern.

27. Oktober 2015

Aus gegebenem Anlass gilt es heute des Uhrmachers Alexander Bain zu gedenken, der anno 1877 in Kirkintilloch in der Grafschaft East Dunbartonshire starb, also über 100 Jahre zu früh, um seinen Erfolg auszukosten. Dem schottischen Technikgenie verdanken wir nicht nur Bahnhofsuhr und Smartwatch – er war es, der uns das elektrische Uhrwerk hinterließ. Mr. Bain erschuf auch das erste Faxgerät der Welt, den Elektrischen Druck-Telegraphen.

Signallaufzeit nicht im Griff

Diese 1843 patentierte Apparatur war ein Fernwirksystem, bei dem irgendwo ein Roboter steht, der eine Vorlage abtastet, und anderswo ein zweiter, der simultan ein Faksimile (kurz: Faks) zu Papier bringt. Bedauerlicherweise gab Alexander Bain eines Tages auf, denn er bekam die Signallaufzeit nicht in den Griff. Dies gelang erst 1860 dem Physiker Giovanni Caselli mit seinem elektrochemischen Pantelegraphen. Schon vom Prototypen war Frankreichs selbsternannter Kaiser Napoleon III. so angetan, dass er sich dem Italiener als Business Angel für dessen Start-up andiente.

Russische Zarenfamilie als Early Adopters

Bald standen die gusseisernen Geräte in Telegraphenämtern in Paris, Marseille und Lyon. Bankiers nutzten sie gern, um Unterschriften zur Überprüfung in die anderen Städte zu pantelegraphieren – zu einer Zeit, als sogar das Telefon noch Science-Fiction war. Zu den Early Adopters gehörte der Überlieferung zufolge auch die russische Zarenfamilie, die zwischen ihren Residenzen in Moskau und St. Petersburg so manches zu faksen hatte. Um ein Haar hätte sich selbst der Kaiser von China die Gerätschaften gegönnt, aber er ahnte noch nichts vom Talent seiner Untertanen, mit billiger Massenproduktion westlicher Erfindungen auf dem Weltmarkt zu reüssieren. So blieb das Faksen teuer – zu teuer, um sich dauerhaft durchzusetzen.

Soviel zu der Legende, das Faxgerät sei eine deutsche Erfindung aus den 1970ern, die sich die cleveren Japaner unter den Nagel gerissen hätten. Der Siegeszug der Telekopie war in Wirklichkeit ein irrwitziger Anachronismus. Während das analoge Fax seinen zweiten Frühling erlebte, stand die Digitalfraktion der Büromaschinenbranche kurz davor, grafikfähige PCs, Laserdrucker, Scanner und E-Mail massenmarkttauglich zu machen. Der minimale Zeitvorsprung reichte jedoch für einen ebenso absurden Monstererfolg wie bald darauf bei der SMS, der mit Abstand kostspieligsten Methode, Buchstaben zu verschicken.

Die Faxen dicke

Aber warum nur? Sie hatten das Faxen doch auch vom ersten Tag an dicke, oder? Diese Warterei am Gerät, bis die Gegenstelle nicht mehr besetzt war. Die fünf Anwahlversuche, bis endlich alle Seite übertragen waren. Das Thermopapier, das man unverzüglich fotokopieren musste, weil es am Tageslicht binnen kürzester Zeit ausblich, das man aber nicht plan auf den Kopierer legen konnte, weil es sich kringelte, als wollte es schnellstmöglich zurück auf seine Rolle.

Falls Sie das alles nicht stört, arbeiten Sie vermutlich in der Gebrauchtwagenschieberbranche oder im Direktvertrieb von überteuerten Büropflanzen, Druckerkartuschen und Verbandskästen und besitzen gar kein Faxgerät mit Empfangsteil, sondern betreiben einen Fax-Spam-Server in Belize oder Bulgarien. Oder Sie sind in der Verwaltung tätig und halten Faxe noch für Dokumente, die irgendetwas gerichtsfest beweisen, weil Juristen nicht zur Kenntnis nehmen, dass das Faxen die beste Methode ist, die Spuren von per Photoshop erstellten Urkundenfälschungen zu kaschieren – von falschen Absenderkennungen ganz zu schweigen. Genauso gut könnten Sie die Identität eines Anrufers damit verifizieren, dass er sein Geburtsdatum und seine Postleitzahl kennt. Ach, es gibt Callcenter, die so arbeiten? Nun ja. Alles noch Neuland, dieses Telezeugs.

Immer noch Neuland das Telezeugs

Jedenfalls sind die Tage des Faxens gezählt. Das hängt damit zusammen, dass die Telekom begonnen hat, das gute alte Telefonnetz abzuklemmen, bei dem für jeden Teilnehmer eine eigene Leitung geschaltet wurde, weil sie auf das Internet-Protokoll umstellt – sprich auf den Versand von Datenpäckchen. Offenbar bereiten altmodische Fernkopien dem Zukunftsnetz Probleme. Falls das nur ein fieser Trick der Telekom sein sollte, um den vorsintflutlichen Fernmeldedienst loszuwerden: Meinen Segen hat sie.