Ulfs* WeltKolumne

Tapferer Zweikampf mit Spaghetti No. 5

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Sie sind Kochshows leid? Dann schauen Sie sich bei YouTube an, wie Rainer Calmund aus Hausfrauen MacGyvers macht.

24. November 2015

Das Fernsehen ist ein rückwärtsgewandtes Medium. Besonders deutlich sieht man das an der Landplage namens Kochshow und deren Standardrequisiten: egal auf welchem Sender, überall nur Herde und Backöfen, Töpfe und Bräter, Rührstäbe und Mixer. Dreißig Jahre nach dem Siegeszug des Cerankochfelds tritt man Lafer, Lichter, Rach und Rosin nicht zu nahe, wenn man ihre Darbietungen als Opas Küche bezeichnet. Okay, meinetwegen auch als Ulfs Küche. Trotz aller Technikbegeisterung konnte ich mich noch nicht dazu durchringen, eine jener Nachbarschaftspartys zu besuchen, die man nicht mit einer Wagenladung Tupperdosen verlässt, sondern mit einem Kaufvertrag über das innovativste Produkt, das je ein Wuppertaler Staubsauger- und Teppichbodenfabrikant auf den Markt gebracht hat.

Eierlegendes Wollmilchfliewaatüüüt

Schätzungsweise 99,97 Prozent von Ihnen wissen, was ich meine. Den 0,3 Promille von Ihnen, die noch nie einen Thermomix gesehen oder von ihm gehört haben, sollte ich es vielleicht kurz erklären: Es ist das, was herauskommt, wenn Konstrukteure von Schweizer Messern eine Küche plündern und aus allem, was sie an Werkzeugen, Gefäßen, Wärmequellen und Helferlein finden, ein eierlegendes Wollmilchfliewaatüüüt basteln. Fans behaupten, der Apparat sei sogar noch vielseitiger als mein Smartphone, das ich so gerne als Taschenlampe und Wasserwaage einsetze, mit dem ich aber meinen Bart nicht stutzen kann.

Von Matchbox-Autos gerührt 

Zur Verteidigung meiner Thermomix-Abstinenz muss ich anführen, dass ich nicht nur Angst habe, mich als Kochlaie vor den fachsimpelnden Vorführdamen zu blamieren, sondern auch mit einer Diplom-Ökotrophologin verheiratet bin, die jede Art von Küchentechnik mit wissenschaftlicher Nüchternheit auf ihren praktischen Nutzwert durchleuchtet. Während mich technische Spielereien auf der emotionalen Ebene berühren wie Matchbox-Autos einen kleinen Jungen, ist meine Frau völlig cool, ja abgebrüht und immer gnadenlos pragmatisch: „Unsere Kinder sind erwachsen, die brauchen keinen Babybrei mehr, und wir beide haben auch noch Zähne im Mund.“ Soll heißen, frühestens als Tattergreis ohne Gebiss werde ich von ihr dereinst thermogemixt-dampfgegarte Püreemenüs bekommen.

Als Junge Fußball verschluckt

Andere Frauen sind da fortschrittlicher. Zum Beispiel Peggy, eine überaus wohlgenährte Hausfrau und YouTube-Koryphäe. Sie war zwar zu sparsam, um einen vierstelligen Betrag für das Original von Vorwerk auszugeben. Sie war aber Avantgardistin genug, um nicht zu warten, bis Lidl und Aldi endlich mit ihren „Silvercrest“- und „Studio“-Nachbauten auf den Markt kamen. Als Deutschlands Geizgeile neulich die Discountläden stürmten, um im rabiaten Verteilungs-Ringkampf eines der strikt rationierten Billigplagiate abzugreifen, war Mrs. Peggy längst mit ihrem geliebten „Calli“ auf Sendung. Nicht dass Rainer Calmund höchstselbst mit ihr in der Küche stünde; dafür wäre es da wohl zu eng. Die YouTuberin besitzt einen „Mix & More Thermo 9 in 1“ der Marke „Calli kocht“, die so heißt, weil der Leverkusener Promi, der als kleiner Junge einen Fußball verschluckt hat, für sie wirbt.

Keine Kruste, trotz Karamalz

Die „Tipps rund um den Zaubertopf“ im YouTube-Channel der Dame sind die perfekte Mischung aus „Lanz kocht“, „MacGyver“ und „Schlag den Raab“. Eines ihrer Kunststückchen besteht darin, in ihrem Calli einen Schweinebraten zu garen. Zugegeben, in einem Kompakt-Dampfgarer eine resche Kruste zu erzeugen, gelingt ihr trotz Zugabe einer Dosis Karamalz nicht so recht, weshalb sie das Fleisch beherzt noch eine halbe Stunde bei 250 Grad ins Ofenrohr schiebt. Die Methode hat den Charme, dass der Braten nicht kalt wird, während sich ein frisch gespülter Calli im zweiten Arbeitsgang um Kartoffeln und Gemüse kümmert.

Calmundscher Mixmorethermo

Den Grimme Online Award verdient hat allerdings Peggys im Video festgehaltener Beweis, dass man im Calmundschen Mixmorethermo nicht nur Bolognese-Sauce, sondern in einer separaten Session auch Spaghetti kochen kann. Man stelle die Nudeln senkrecht in die Küchenmaschine, schalte ein und freue sich daran, wie das Schneidwerk das Pastabüschel in wilde Rotation versetzt. Es ist ein Duell Frau gegen Technik: Während Calli sich wie ein Vulkan gebärdet, der halbgare Spaghetti No. 5 wie Lava in die Küche schleudert, hält Peggy gekonnt dagegen und zwingt den herausragenden Teil der Hartweizenstäbchen geduldig ins Wasser, noch bevor die halbe Kochzeit um ist. Peggy ist Siegerin nach Punkten.

Vielleicht kann ich meine Frau ja jetzt von den Vorzügen moderner Küchentechnik überzeugen. Ich mag nämlich meine Nudeln al dente, sie hat sie lieber etwas mehr durch. Calli bietet den perfekten Kompromiss: Jeder einzelne Spaghetto ist unten zart und oben knackig.