Ulfs* WeltKolumne

Essen auf sechs Rädern

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Bald gehen wir nicht mehr einkaufen. Wir würden sonst ständig über Roboterchen stolpern.

14. Dezember 2015

Sie kennen doch Janus Friis. Nicht? Ja, das ist dieser neureiche Däne, der von seiner singenden Ex-Lebensabschnittsgefährtin Maria Louise Jønsen alias Aura Dione einen 420.000 Euro teuren Brillantring und ein Apartment zurückforderte. Die Popdiva hatte beides irrtümlich für Geschenke gehalten. Dass der Nabob Musikschaffenden keinen Wohlstand gönnt, hätte die Dame wissen können: Friis hatte die Spam-finanzierte MP3-Piratenplattform Kazaa miterfunden. Seinen Aufstieg in den Geldadel verdankt der 39-Jährige der Gründung von Skype. Obwohl der Bildfernsprechdienst seine Dienstleistung verschenkte, meinte Ebay partout Milliarden dafür hinblättern zu müssen. Wie der römische Gott, dessen Namen er trägt, hat unser Janus zwei Gesichter: Mit dem einen hält er Ausschau nach Wirtschaftszweigen, die er schöpferisch zerstören kann, mit dem anderen nach persönlichem Profit.

Putzige Roboterwägelchen

Friis‘ jüngstes Start-up „Starship Robot“ hat das Zeug, noch viel tiefer in den Alltag des modernen Menschen einzugreifen als Gratismusik und Gratistelefonate. Gemeinsam mit seinem alten Kumpel Ahti Heinla – das ist der estnische Code-Virtuose, der einst Kazaa und Skype zum Fliegen brachte – attackiert der Disruptionspionier jetzt die Supermärkte. Auf den ersten Blick erscheint die Erfindung des Nordlicht-Duos etwas skurril: Ein putziges Roboterwägelchen mit sechs Rädern und neun Kameraaugen soll uns den Einkauf bei Edeka oder Rewe, dm oder Rossmann ersparen.

In den Technik-Foren zerreißen sich Neunmalkluge die Mäuler über den autonomen Warenkorb. Dessen Ladebucht, die der Empfänger per Handysignal entriegelt, fasst gerade einmal zwei Tragetaschen mit je fünf Kilo Lebensmitteln oder ein mittelgroßes Postpaket. Der Roboterbote hat keine Kühlung für Frisch- und Frostware. Er trägt uns auch nichts die Treppe hoch.

Im Sommer der Bordstein – im Winter der Schnee

Was ist das bitte für ein Service? Beim Kunden kommt er sowieso nie an: Im Sommer scheitert er an hohen Bordsteinkanten, im Winter an Schneehaufen und Glatteis. Das Knöpfchen an der Fußgängerampel kann er auch nicht drücken; er muss einen Menschen darum bitten oder Umwege fahren. Weil das Ding voll beladen nicht mal 20 Kilo wiegt, klemmen böse Buben es sich unter den Arm und verspeisen seine Fracht.

Ach, was! Diese Kritikaster haben einfach noch nicht kapiert, wie Friis tickt. Wenn uns einer unsere umweltschädliche Mobilitätssucht austreibt, die wir bevorzugt beim Shopping ausleben, dann er. So etwas erreicht man halt nicht mit Postboten oder Hermeskurieren, die einmal am Tag vorbeikommen, wenn wir eh nicht da sind, und auch nicht mit online vereinbarten Zeitfenstern. Friis tut das einzige Konsequente: Er sorgt dafür, dass wir das Haus erst gar nicht mehr verlassen.

Senioren als Pylonen

So sollen seine Roboter auf dem Trottoir fahren – schneller als durchschnittliche Fußgänger gehen. Angeblich sind die „Maschinchen“ so programmiert, dass sie die Rentnerin mit ihrem Rollator nicht úmfahren, sondern umfáhren. Spätestens nach dem dritten Überholslalom kommt sich die Seniorin vor, wie das rotweiße Hütchen auf dem Verkehrsübungsplatz, traut sich nicht mehr vor die Tür und bittet schweren Herzens ihre Enkel, ihr ein Smartphone mit Bestell-App zu besorgen. Da die Bots nun seltener bremsen müssen, kommen die Lieferungen schneller, die Nachfrage steigt.

Immer öfter brettern dafür Grundschulkinder mit ihren Fahrrädern gegen autonome Einkaufswagen, denn diese stoppen dank Annährungssensor gerne mal unerwartet. Elterninitiativen setzen durch, dass die Roboter mit ihren 6,4 km/h auf der Straße fahren müssen. Diese Verkehrsberuhigung wiederum vermiest selbst dem hartnäckigsten Autofreund, der schon bei 30 Sachen die Motten kriegt, endgültig die Touren zum Supermarkt.

Starship-Roboter

Fortan müssen die Starship-Roboter auch die Erfrischungsgetränke liefern, obwohl ihr Laderaum für handelsübliche Mehrweggebinde zu klein ist. Holte der Papa mit dem Kombi zwei Kästen Bier und drei Kästen Wasser samt 10 XXL-Beuteln Kartoffelchips auf einmal, schafft das sechsrädrige Helferlein pro Fuhre höchstens zwei Sixpacks heran. So werden aus acht Milliarden Einkäufen, die allein wir Deutschen pro Jahr absolvieren, 16 oder 24 Milliarden unbemannte Besorgungsfahrten zu den in Logistiklager umfunktionierten Supermärkten. Während das Internet der Dinge uns mit Essen auf Rädern abspeist, sitzen wir brav zu Hause am Bildschirm, skypen mit unseren Kindern und erzählen ihnen von früher, als man wegen eines Sonderangebots noch montagsmorgens um acht vorm Discounter Schlange stand – und sich den Salat und die Bananen noch selbst aussuchen durfte.