Image: Der BeharrlicheFERCHAUFERCHAUCarsten Lichtlein, VfL-Torwart und aktueller Handball-Europameister
MenschenHandballtorwart Carsten Lichtlein

Der Beharr­liche

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Susanne Faschingbauer

Susanne Faschingbauer

freie Journalistin

Carsten Lichtlein, VfL-Torwart und Handball-Europameister 2016, läuft in der Schlussphase seiner Karriere zur Höchstform auf. Lange war er im deutschen National­team die Nummer eins auf der Bank. Bis er bei der WM 2015 seine Chance ergriff. Eine Erfolgsge­schichte, getragen von Geduld.

02. Februar 2016

Er musste beinahe seine ganze Karriere warten, bis ihn eines Tages alle bejubelten. Standing Ovations der Fans (auch der gegnerischen), Umarmen und Schulter­klopfen der Kollegen (auch seiner direkten Kontrahenten), Lobeshymnen in den Medien (die selten sind). »Handtuch­träger war einmal« titelte Süddeutsche.de, »Der fantasti­sche Aufstieg des Carsten Lichtlein« schrieb Stern.de. Auf Spiegel Online war zu lesen: »Ein Mann, eine Mauer«.

Carsten Lichtlein ist Handball­tor­wart und mit seinen 35 Jahren einer der älteren deutschen Profispieler. Er steht seit der Saison 2013/2014 beim VfL Gummersbach im Tor und ist seit 2001 im Kader der National­mann­schaft, er absolvierte 200 Länderspiele, gewann im Jahr 2004 die Europameis­ter­schaft und holte drei Jahre später den Weltmeis­ter­titel im eigenen Land. Respektabel. Doch die Geschichte seiner Karriere ist eine andere, als die Statistik vermuten lässt: Bei seinen vermeint­lich größten Erfolgen, den internatio­nalen Titelgewinnen, stand er keine Sekunde auf dem Platz, die stolze Länderspiel­zahl errechnet sich aus Testpartien und Kurzeinsätzen. Carsten Lichtlein war in der National­mann­schaft jahrelang die Nummer eins auf der Bank, die feste Größe neben dem Platz. Erst 2015 bekam er bei der Weltmeis­ter­schaft in Katar seine Chance – und nutzte sie imposant.

Es ist die 20. Minute im ersten Vorrunden­spiel gegen Polen, als der Trainer der deutschen National­mann­schaft, Dagur Sigurdsson, den Torhüter Carsten Lichtlein von der Bank holt. Er kommt für den glücklosen Silvio Heinevetter ins Spiel. Und überzeugt. Das deutsche Team schafft einen grandiosen Auftaktsieg. Im letzten Vorrunden­spiel gegen Argentinien spielt Lichtlein von Beginn an – und hält 40 Prozent der gegnerischen Würfe. 30 Prozent gelten als okay, 40 Prozent als überragend. Im Achtelfi­nale gegen Ägypten entschärft er 56 Prozent der Angriffe. Und diesmal ist es, wie die Statistik vermuten lässt: Weltklasse! Er ebnet seiner Mannschaft den Weg ins Viertelfi­nale. Es ist der Tag, an dem ihm alle zujubeln und die Medien ihn in den Himmel loben. Lichtlein aber bleibt am Boden: »Ich habe das Vertrauen des Trainers bekommen und konnte es ihm mit guter Leistung zurückzahlen.«

Carsten Lichtlein ist 2,02 Meter groß und 100 Kilo schwer, ein Koloss, der eigentlich schwer zu übersehen ist. Wie konnte es sein, dass er zehn internatio­nale Turniere auf der Bank absitzen musste, um im elften als Spitzentor­wart aufzufallen? Alles begann wie eine Bilderbuch­kar­riere. Der Torwart wurde 1980 in Würzburg geboren, in eine »handball­ver­rückte Familie«. Der Vater spielte in der Bundesliga und vererbte seinen Söhnen die Leidenschaft zum Handball. Auf die Frage, wem er in seinem Leben am meisten zu verdanken hat, antwortet Carsten Lichtlein: »Meinem Vater.« Er fiel im Profisport früh auf. Mit 19 Jahren wurde er bei der Junioren-Europameis­ter­schaft zum Torhüter des Turniers gewählt und bekam einen Vertrag beim TV Großwall­stadt, dem Verein seines Vaters. Mit 21 Jahren debütierte er in der National­mann­schaft. Doch im Kader der deutschen Mannschaft war immer jemand, der noch besser war als Lichtlein: Henning Fritz, der als erster Torwart im Jahr 2004 zum Welthand­baller gekürt wurde, Johannes Bitter, der im WM-Finale 2007 zum Helden avancierte. An solchen Ausnahme­tor­hü­tern konnte sich Lichtlein nicht vorbeispielen. Eine Situation, die nicht viele aushalten würden.

Carsten Lichtlein ist zu ehrgeizig, um zu sagen: »Ich spiel nicht mehr für Deutschland, nur weil ich nicht eingesetzt werde.« Er schmiss nicht hin, sondern wartete ab. Ohne Jammern, ohne Aufstand. »Ich wusste, irgendwann würde meine Chance kommen.« Sie kam vermutlich später als erhofft, aber der Bankhüter war unfassbar geduldig und blieb dran. »Ich nutzte das als Ansporn, noch besser zu werden, noch mehr zu trainieren«, sagt Lichtlein. Er bereitet sich akribisch auf jedes Spiel vor. Er studiert die letzten drei Spiele des Gegners mithilfe von Videoauf­nahmen, allein in seinem Hotelzimmer oder zuhause, stundenlang. Er analysiert, wer wie wirft, von welcher Position, mit welchen Bewegungs­ab­läufen. Als er gegen Ägypten aufläuft, weiß er genau, wer die gefährlichsten Werfer sind.

Kampfgeist, Leidenschaft und die Liebe zu seinem Sport sind ihm in den wartenden Jahren nie verloren­ge­gangen. In seinem Verein, dem VfL Gummersbach, und in der National­mann­schaft bauen die Trainer auf seine Erfahrung. Die Teams sind jung und wachsen derzeit zusammen. »Noch kann nicht jeder mit jedem harmonieren und alles funktionieren«, sagt Lichtlein, »aber wenn man leidenschaft­lich dabei ist und mit der richtigen Einstellung spielt, kompensiert man das.«

Wer auf die Lichtlein-Geschichte blickt, liest dennoch heraus: Leidenschaft allein genügt nicht, erst in Kombination mit Ausdauer und Geduld führt sie zum Erfolg. In der Logik der Geschichte müsste der Torhüter in der Schlussphase seiner Karriere seinen größten Erfolg feiern – auf dem Treppchen in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen 2016.

Ausgabe 2015/03

Ausgabe 2015/03

Dieser Artikel erscheint auch in unserem Kundenmagazin FERCHAUaktuell. Möchten Sie weitere spannende Artikel lesen?

Download pdf