Ulfs* WeltKolumne

Kein Schwein ruft mehr an

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wer das Telefon noch benutzt, ohne sich per Textnachricht die Erlaubnis geholt zu haben, ist ein ganz Böser.

22. Februar 2016

Kolumnisten sind eigentlich Menschen, die gerne schreiben. Das schließt aber nicht aus, dass sie gerne mal mit anderen Menschen sprechen. Wenn ich wenig Zeit habe oder zu faul dazu bin, diese Menschen zu besuchen, benutze ich zu diesem Zweck gerne ein längliches Gerät, das man sich seitlich ans Gesicht hält – das obere Ende ans Ohr, das untere Ende irgendwo neben Nase oder Kinn. Mit bloßem Auge kaum erkennbar, sind dort eine winzige Lautsprechermembran und ein Mikrofon versteckt...

Altertümliche Kulturtechnik

Ich soll mit der langatmigen Vorrede aufhören? Verzeihen Sie bitte, ich sehe: Sie kennen diese altertümliche Kulturtechnik noch, die wir „Telefonieren“ nannten. Das kann man heute wirklich nicht mehr bei allen Lesern voraussetzen. Für viele Ältere ist es eine verblasste Jugenderinnerung; Jüngere haben im Geschichtsunterricht nicht mitbekommen, dass der Multifunktionsapparat, auf dem sie bis zum Pausengong pausenlos unter der Bank mit beiden Daumen herumwischen, ursprünglich mal als tragbarer, drahtloser Fernsprecher konstruiert worden war.

Deshalb erschrecken sie sich fast zu Tode, wenn das Ding plötzlich ohne Vorwarnung klingelt oder ein unverschämt lustiges Dudödeldie von sich gibt. Und als wäre das nicht beängstigend genug, verschwindet auch noch das WhatsApp-Fenster vom Bildschirm: Was sollen bloß diese komischen Symbole bedeuten, weiße Bananen auf einem roten und einem grünen Fleck? Hilfe! Mein Smartphone ist kaputt!

Telefonieren? Erst nach schriftlichem Antrag!

Leider sind diese Panikattacken ansteckend. Klingeltonphobien treten zunehmend bei Menschen mittleren Alters auf, die durchaus noch wissen, was Telefonieren ist. Erst neulich las ich in einer Wochenzeitung die verzweifelte Bitte eines Redakteurs, ihn nicht mehr anzurufen. Er erklärte der Leserschaft seinen neuen Telekom-Knigge, dessen Einhaltung er mit Nulltoleranz durchzusetzen gedenke. Sofern das Kommunikationsbegehren nicht durch eine akut lebensbedrohliche Ausnahmesituation legitimiert sei, dürfe man heute allenfalls noch mit einer Textnachricht die Privatsphäre der Zielperson penetrieren. Ansonsten handele es sich um einen unentschuldbaren Eingriff in deren Zeitautonomie. Derjenige, der von ihm etwas wolle, maße sich schließlich an, auch noch den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem er sich ihm zuzuwenden habe. Ja, und wer meine, er müsse dennoch unbedingt mit ihm reden, dem empfahl der Autor, den Wunsch nach mündlichem Austausch digitalschriftlich bei ihm zu beantragen. Mit etwas Glück geruhe er ja, dem Antrag stattzugeben.

Wie sagten die alten Römer so schön, als hätten sie‘s geahnt: Tempora mutantur et nos in illis. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit, ob wir wollen oder nicht. Als E-Mail und SMS in die Welt kamen, haben wir uns dagegen gewehrt, mit unnützen Textnachrichten zugespamt zu werden, oder die Buchstabenflut ignoriert – nach dem Motto: „Wenn es wichtig ist, soll er mich anrufen.“ Dann begannen wir in manischem Stakkato unsere Mailboxen zu checken-checken-checken, wir könnten ja eine wichtige Nachricht verpassen.

Wozu eine Sprachnachricht hinterlassen?

Verschickten wir selber Mails, überkamen uns Zweifel, wenn der Adressat nicht sofort reagierte, und griffen ängstlich zum Telefon: „Ist meine Nachricht vielleicht in Deinem Spamfilter gelandet?“ Um unsere Kommunikation zeitgemäß zu managen, kauften wir Telefone, die im Klartext anzeigten, wer anruft, und einen eingebauten Anrufbeantworter hatten. Heute ist kaum noch jemandem bewusst, dass man bei den alten Dingern – und bei jeder Handynummer – überhaupt eine Sprachnachricht hinterlassen kann. Wozu auch? „Kein Schwein hört mich ab“, jammert das Gerät. Gefühlte 90 Prozent der Anrufer fragen mich: „Na, was gibt‘s?“ Dabei hatte ich ihrem digitalen Butler gesagt, ein Rückruf sei unnötig, ich würde dann eben eine Mail oder SMS schreiben.

Der Witz ist, dass nicht nur das Telefonieren ausstirbt, sondern sogar das Fern-Schreiben. Entweder sucht man sich aus einer Auswahl von Emojis, von denen es heute mehr gibt als Pekinger Sprachlehrer Schriftzeichen kennen, die lustigsten heraus, oder man zeichnet eine Sprachnachricht auf, die man per WhatsApp verschickt. Dann stört das Handy zwar auch mit lautem Dödelton, aber der Empfänger braucht nicht mit dem Anrufer zu sprechen. Meistens entspinnt sich daraus ein Pingpong, in dessen Verlauf es nicht mehr einmal bei einem klingelt, sondern zehnmal bei beiden. Und nach einer Viertelstunde ist geklärt, was sonst eine Minute gedauert hätte.

Ach, ich liebe technischen Fortschritt.