Image: Maxiaturisierung in der WaschkücheFERCHAUFERCHAUBei Waschmaschinen geht der Trend derzeit – ungeachtet immer kleiner werdender Haushaltsgrößen – zu immer größeren Geräten. | Foto: Pixabay
Ulfs* WeltKolumne

Maxia­tu­ri­sie­rung in der Wasch­küche

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Der Single-Haushalt ist out, die Großfamilie liegt wieder im Trend. Jedenfalls tut die Waschmaschi­nen­in­dus­trie so als ob.

24. März 2016

Als meine Mutter einst mein Elternhaus verkaufte und ins Altersheim zog, pardon: in die Senioren-Residenz, legte sie sich eine putzige kleine Waschmaschine zu. Das Gerät war maßgeschnei­dert für den Bedarf von Singles und passte in der barriere­freien Nasszelle des 1-Zimmer-Appartements bequem unter den Waschtisch. Leider hatten die namhaften Weiße-Ware-Riesen keine solchen Bonsai-Trommeln im Sortiment. Deshalb hatte der Fachverkäufer keine andere Wahl, als der alten Dame ein eher unrenommiertes Modell anzudrehen, das rückblickend als Paradebei­spiel für geplante Obsoleszenz taugt: ein Wunderwerk der Selbstzer­stö­rung, das einer 10-Jahres-Durchros­tungs­ga­rantie alle Ehre gemacht hätte.

Alles wird kleiner

Wer sich die demografi­sche Entwicklung anschaut, sollte meinen, dass Waschmaschinen im XS-Format heute nur noch insofern Nischenpro­dukte wären, als sich in der kleinsten Hütte ein freies Eckchen für sie fände. Marketing­tech­nisch müssten sie längst Mainstream sein. Schließlich ist die durchschnitt­liche Haushalts­größe hierzulande (bei europäischer Betrachtung auch da- und dortzulande) auf zwei Personen geschrumpft. Im Supermarkt werden ja auch die Packungen immer kleiner. Da wiegt die Tafel Schokolade nur noch 87 Gramm, der Pfundbecher Jogurt enthält 400 Gramm und die klassische 100-Gramm-Packung Aufschnitt vom Edelkern­schinken ist nur noch mit 70 Gramm gefüllt. Kleine Haushalte konsumieren nicht nur weniger, behauptet also nun unser gesunder Menschen­ver­stand, sie machen auch weniger schmutzig, weshalb nun kleinere Elektrogro­ß­ge­räte reichen.

Aber warum Waschmaschinen nicht?

Denkste. Neulich brauchten meine Tochter und ihr Liebster eine günstige Waschmaschine für die gemeinsame Wohnung. Deshalb hielt auch ich Ausschau nach einem reduzierten Auslaufmo­dell. (Da gibt‘s nichts zu kichern, das heißt so.) Doch was ist der letzte Schrei bei Ichbindochnicht­blöd & Co.? Jumbo-Maschinen. Beinahe wöchentlich übertrumpfen die Werbetexter einander mit immer mehr Fassungs­ver­mögen, so als nähme bald jede alte Witwe in ihrem vierfünf­tel­ver­waisten 200-Quadratmeter-Haus zwei syrische Großfami­lien auf. Zum Vergleich: In Muttis Rostlaube passten dreieinhalb Kilo Trockenwä­sche und in unsere alte Miele fünf; heute darf man noch zwischen sieben, acht, neun und 13 (!) Kilo wählen. Letztgenanntes Monster protzt mit „All-in-one-Waschtech­no­lo­gie“, „Wizard-Technolo­gie“ und „Inverter­tech­no­lo­gie“.

Tiefe Ratlosig­keit

Da selbst diese geballte Waschladung Bullshit-Bingo nicht genug Verbraucher vom Hocker reißt, muss auch der Innenraum die Übertrei­bungen mitmachen. Jemanden wie mich, dem jahrzehn­te­lang eingehäm­mert wurde, Miniaturi­sie­rung sei das Größte, stürzt der Trend zur Maxiaturi­sie­rung in tiefe Ratlosig­keit: Was bitte ist, vom erzwungenen Fitnesstrai­ning abgesehen, der Nutzen immer unhandli­cherer und schwererer Wäschekörbe? In 13 Kilo Trockenbaum­wolle hängen auch nach dem Schleudern noch sechs bis sieben Kilo Wasser. Wie viele Garnituren Bettwäsche, wie viele Hand- und Badetücher, wie viele Hemden, Blusen, Dessous und Sportkla­motten muss sich ein deutscher Downsizing-Haushalt anschaffen, um eine Upsizing-Waschmaschine einigermaßen auszunutzen? Wie viele Wochen vergehen zwischen zwei Waschgängen, und wo lagert man derweil all die müffelnden XXXL-Schmutzwä­sche­beutel?

Naheliegend wäre, alles unsortiert zusammen hineinzu­stopfen. Aber erstens ist das tabu; wir trennen Textilien noch strenger als Müll, denn jeder Stoff und jede Farbe verträgt nur die eigens dafür entwickelte „Separat waschen!“-Lotion. Und zweitens lehrt die Exegese des bibeldicken Handbuchs, dass von allem außer Baumwolle sowieso nur ein Drittel der lauthals hinauspo­saunten Füllmenge in die Maschine darf. Auch die ominöse „Mengenau­to­ma­tik“ können Sie knicken. Lässt man die Jumbos halbvoll laufen, saufen sie je nach Programm immer noch 70 Prozent des Wassers und fressen 80 Prozent des Stroms – und die ökologisch korrekte Dosierung des Waschmit­tels gäbe einen 1a-Aufnahme­test fürs Mathe-Studium ab.

Und wann kommt der Sockensensor?

Nee, Leute! Solche Waschmaschinen sind wirklich nur etwas für Menschen, die einen Kleinbus kaufen, weil sie alle zwei Jahre zu Ikea fahren. Mir fällt nur ein Feature ein, das wirklich ein Fortschritt wäre: ein Sockensensor, der sofort die Notbremse zieht, wenn die Maschine wieder mal versucht, ein halbes Strumpfpaar in den Gully zu pumpen.