Image: Profiteure von Industrie 4.0?FERCHAUFERCHAUDie rote Brille ist sein Markenzeichen. Heinz-Paul Bonn zählt zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen IT-Szene. | Illustration: Julian Rentzsch
MenschenGründerszene Deutschland

Profi­teure von Indus­trie 4.0?

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Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

»Wenn es uns gelingt, der Digitali­sie­rung der Produkti­ons­pro­zesse den Stempel ›Created in Germany‹ aufzudrü­cken, haben wir einen signifikanten Wettbewerbs­vor­teil erreicht«, konstatiert der langjährige Vizepräsi­dent des Hightech-Verbands Bitkom Heinz-Paul Bonn. Im Gespräch mit atFERCHAU erklärt der IT-Kenner seinen Blick durch die rote Brille.

05. April 2016

Sie sind schon lange im Geschäft, Herr Bonn; was unterscheidet eine Geschäfts­grün­dung 1995 von einem Start-up heute?

Heinz-Paul Bonn: Als ich mein Unternehmen 1980 gegründet habe, lebten wir in der Welt der mittleren Datentechnik. Der Mittelstand eroberte gerade erst die EDV. Wir lösten also mit neuen Geschäfts­ideen die Schreibma­schine ab. Im Jahre 1995, dem Jahr, in dem Microsoft das Internet für sich entdeckte, musste ein Start-up völlig neue Geschäfts­mo­delle für den ECommerce entwerfen. Heute haben Start-ups viel weniger Zeit, sich zu entwickeln.

Warum heißen Geschäfts­grün­dungen heute eigentlich »Start-ups«, oder gibt es einen signifikanten Unterschied?

Bonn: Das ist mal eine schöne Frage; zunächst einmal heißt »start-up« übersetzt nicht nur »Firmengrün­dung« oder »Neugründung«, sondern im ursprüng­li­chen Sinne »Anlauf«. Und das sagt etwas über die Philosophie der heutigen Gründer aus. Junge Gründer von heute sind viel stärker teamorien­tiert, als es beispiels­weise meine Generation war, die immer auch hierarchisch orientiert war und ist. Aber die betriebs­wirt­schaft­li­chen Herausfor­de­rungen bleiben die gleichen – und hier sind junge Gründer in der Regel heute besser ausgebildet, als wir es waren.

Heute Gründer – morgen pleite. Eine berechtigte Furcht, die manchen Pionier abschreckt?

Bonn: Wer die Pleite fürchtet, sollte nicht zur Gründung schreiten. Sorge und vor allem Vorsorge ist aber auf jeden Fall geboten. Zu den Schwächen deutscher IT-Unternehmen muss eindeutig die fehlende internatio­nale Ausrichtung nicht nur der Märkte, sondern auch des Managements selbst gezählt werden. Noch bei einem Global Player wie SAP führt die internatio­nale Besetzung des Vorstands regelmäßig zu Verwerfungen. Die Stärken liegen wiederum in der ingenieur­mä­ßigen Herangehens­weise, die auf Prozessop­ti­mie­rung ausgerichtet ist. Das ist unser Exportschlager.

Wie steht’s denn da vergleichs­weise um die IT-Branche in Deutschland, Europa, den USA und China?

Bonn: Aus der Sicht der OECD erreichen statistisch in den USA vier von fünf Neugründungen das dritte Lebensjahr – das ist durchaus ein Spitzenwert. Das führt zu einem Anteil an jungen Unternehmen am Gesamtmarkt von rund 16 Prozent.

Was wäre denn der ideale »Nährboden« für Start-ups, und warum läuft es in den USA besser als in Deutschland?

Bonn: Ich könnte mit einem Bonmot antworten: In Deutschland kann es schon deshalb keine Gründung in der Garage geben, weil die Gewerbeauf­sicht das verbieten würde. Das exakte Gegenteil, die Erleichte­rungen für den Schritt in die Selbstän­dig­keit, der Zugang zu Venture- Capital, die Schaffung von Inkubatoren, in denen Ideen zur Reife kommen können – all das ist in den USA selbstver­ständ­lich, während wir in Europa um Regelungen ringen. Und natürlich die Angst vor dem Fehlschlag, die hierzulande deutlich ausgeprägter ist als jenseits des Atlantiks, was übrigens auch damit zusammen­hängt, dass ein Fehlschlag dort durchaus auch als Ritterschlag gesehen wird.

»Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere IT doch nicht«: Welches IT-Rückgrat braucht ein Unternehmen heutzutage im Cloud-Zeitalter?

Bonn: Drafi Deutscher singt weiter: »Alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu.« Und auch da ist was dran. Das Rückgrat IT muss heute mobile Anwendungen unterstützen, große Datenmengen verarbeiten können, eine globale Reichweite haben und interaktiv mit den Kunden – auch über soziale Medien – korrespon­dieren. Ein System, das 1999 up to date war, wird das kaum leisten können. Unternehmen müssen sich heute in sich verändernden Märkten auf ein gewandeltes Kundenver­halten einstellen, das mehr Individua­lität, mehr Reaktions­schnel­lig­keit, mehr Interaktion mit dem Kunden verlangt.

Zitat Bonn: »Cloud-Computing befindet sich ohne Zweifel in einer Sinnkrise«.Welchen Sinn würden Sie ihm denn einhauchen wollen?

Bonn: Es sind meiner Meinung nach nicht die Kostenas­pekte, die in die Cloud führen, sondern die bessere Möglichkeit zur Zusammen­ar­beit und Interaktion entlang der Wertschöp­fungs­kette und die Nutzung mobiler Dienste. Cloud- Computing ist nicht ein anderes Wort für Outsourcing – auch wenn viele große Abschlüsse der Vergangen­heit genau darauf zielen. Erstens gilt: Mobile Computing ist ohne die Cloud nicht zu machen. Zweitens gilt: Neue Geschäfts­mo­delle wie zum Beispiel die Shareconomy, also ein Wirtschafts­zweig, der durch Teilen Mehrwert erzeugt, funktionieren ohne die Cloud nicht. Uber, Airbnb, eBay – alles das sind typische Cloud-Anwendungen dieser Provenienz. Auch Marktplätze und Kundenplatt­formen lassen sich ohne die Cloud nicht realisieren. Und die Logistik – immerhin eine Querschnitts­dis­zi­plin, die in jedem Unternehmen, das reale Waren produziert und ausliefern muss, gefordert ist – würde ohne Dienste aus der Wolke kaum noch reaktions­fähig sein.

Welche Auswirkungen hat Industrie 4.0 für die Software­ent­wick­lung allgemein und für die industrie­nahe IT  – Stichwort: Embedded Systems?

Bonn: Zunächst, wenn Sie das Stichwort Embedded Systems nennen: Die Fertigungs­ma­schinen werden mit immer mehr Sensoren und Aktoren ausgestattet, mit sogenannten cyberphy­si­schen Systemen (CPS), die es den Maschinen erlauben, das Werkstück, das sie als Nächstes bearbeiten sollen, zu identifi­zieren, seinen Status zu erkennen und den nächsten Arbeitsschritt einzuleiten. Das ist eine große Herausfor­de­rung für den Maschinenbau. Aber auch eine Riesenchance. Hier werden Software und Hardware noch enger zusammen­ar­beiten. Eine mindestens gleich große Herausfor­de­rung ist aber auch die Schaffung neuer Planungs­sys­teme für die Unternehmen, die ja nicht nur plötzlich ein Vielfaches an Daten zu verarbeiten haben, sondern auch in Echtzeit reagieren müssen.

Was sagt eigentlich die Bezeichnung »Industrie 4.0« über die Branche aus?

Bonn: Was ist an einer »vierten industri­ellen Revolution« nicht inspirie­rend? Industrie 4.0 hilft dabei, die Geschäfts­pro­zesse auch unterneh­mens­über­grei­fend noch stärker zu verzahnen, weil wir nicht mehr über die Waren, sondern durch die Waren kommunizieren. Und in diese Kommunika­tion werden auch die Konsumenten einbezogen, die ihre Kundener­fah­rung über soziale Netze zurückmelden. Und wenn es uns gelingt, der Digitali­sie­rung der Produkti­ons­pro­zesse den Stempel »Created in Germany« aufzudrü­cken, haben wir für unseren Standort einen signifikanten Wettbewerbs­vor­teil erreicht. Und die Chancen stehen gar nicht schlecht.

Kritiker sagen, ist doch nur junger Wein in alten Schläuchen, und der ganze Hype sei nur von der IT-Industrie getrieben, die neue Produkte auf den Markt wirft. Wo ist der Benefit?

Bonn: Mit Industrie 4.0 wird ja nicht die Steuerung der Produktion eingeführt, sondern die Selbststeue­rung der Systeme. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und im Übrigen unterscheiden sich die speicher­pro­gram­mier­baren Steuerungen von vor 40 Jahren erheblich von den heutigen. Diese Weiterent­wick­lung wird durch den Schritt in Richtung Industrie 4.0 nur fortgesetzt. Ich stimme Ihnen ja zu, dass es sich bei Industrie 4.0 um die Anwendung einer ganzen Reihe von weiterent­wi­ckelten Technolo­gien – Internet der Dinge, SPS, CPS, PPS, ERP – handelt, die alle evolutionär vorangetrieben werden. Aber die Umsetzung in neue Fertigungs­pro­zesse hat durchaus disruptiven Charakter. Insofern halte ich auch den Begriff »vierte industri­elle Revolution« für durchaus angemessen.

Trademark: »Internet of Things« (IoT). Wie hoch schätzen Sie hier das Potential deutscher IT-Unternehmen ein?

Bonn: Der Begriff Internet der Dinge umfasst die Technolo­gien, die bei Industrie 4.0 zur Anwendung kommen. Vor allem in der Logistik kommen ja schon seit langem RFID-Tags zum Einsatz, die nicht nur dabei helfen, den Weg der Waren zu ihrem Bestimmungsort zu verfolgen. Es geht auch darum, den Zustand der Waren auf dem Weg zu verfolgen. Und schließlich »weiß« die Ware dann, was mit ihr zu geschehen hat.

Ist das IoT schon aus der Beta-Phase heraus?

Bonn: Nein. Es wird auch nicht den Tag geben, an dem wir sagen können: Jetzt ist es so weit. Insofern ist es eben doch evolutionär und nicht revolutionär.

Laut aktuellen Umfragen ist das Schließen von Sicherheits­lü­cken die größte Herausfor­de­rung im Bereich IoT. Stimmen Sie dem zu?

Bonn: Ja, aber ich würde die Einschrän­kung auf das Internet der Dinge weglassen und vielmehr sagen: Sicherheits­lü­cken sind die größte Herausfor­de­rung. Immer und überall. Punkt.

Ausgabe 2015/02

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