Trainieren für den BonusOhne Fleiß kein Preis: Beitragsrückerstattung gibt es nur für Fitnessfreaks. | Alen-D
Ulfs* WeltKolumne

Erste digital-gemeine Verunsicherung

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Assekuranzen und Krankenkassen wollen nur unser Bestes: unsere Daten. Wie sonst sollen sie uns vor uns selbst schützen?

25. April 2016

Damit Sie nachher nicht sagen, ich hätte Ihnen etwas vorgemacht, ein Geständnis vorweg: Ich bin käuflich. Nicht nur, dass ich Paybackpunkte sammle und damit ungeniert Klopapier, Shampoo und Waschpulver bezahle, nein, ich lasse mich auch jedes Jahr aufs Neue von meiner Krankenkasse korrumpieren. Weil ich brav bin, also regelmäßig zur Zahnkontrolle und zur Vorsorgeuntersuchung gehe und obendrein Mitglied im Fitnessclub bin, sammeln sich in meinem Bonusheft immer genügend Stempel für eine bescheidene Beitragsrückerstattung. Ja, ich bin ein Hecht, der sich solche Köderchen schmecken lässt und dabei keine Angst hat, im nächsten Moment aus meinem Karpfenteich gezerrt und in die Bouillabaisse geworfen zu werden.

Unfassbarer Wahnsinn
Wo ich gerade beichte: Ich bin auch schrecklich naiv, hartnäckig ignorant oder beides. Wohlmeinende Mitmenschen haben mich mehr als einmal darüber aufgeklärt, was für ein unfassbarer Wahnsinn es ist, für ein paar schnöde Kröten personenbezogene Big Data preiszugeben oder sich systemkonform zu verhalten, etwa indem wir Sport treiben, uns vernünftig ernähren und nachher die Zähne putzen. Es ist diesen Leuten übrigens einerlei, ob die Vorteilsannahme unmoralisch ist oder einem legitimen Zweck dient. Sie haben wichtigere Sorgen. 

Indem ich meine Freiheit dem Mammon opfere, menetekeln sie, zerstöre ich auch ihre Freiheit. Soll heißen: Wenn wir nicht endlich alle den Anfängen wehren und schleunigst diese mephistophelischen Bonusprogramme boykottieren, die wir seit D-Mark-Zeiten nutzen, ist der korrupte Opportunist ohne Privatsphäre bald gesellschaftliche Norm. Schriebe ein George Orwell heute das Buch „2061“, stünde hinter seinem „Big Brother“ keine stalinistische Diktatur, sondern ein monopolkapitalistischer Konzernmonsterstaat. Also chinesische Verhältnisse, nur ohne Bargeld.

Schwer von Kapee
Außerdem gebe ich freimütig zu, dass ich manchmal schwer von Kapee bin. Zum Beispiel kapiere ich nicht die Theorie, die ein Bekannter von mir getwittert hat: Nach der anstehenden Zwangsdigitalisierung des Euros werde die Krankenkasse Versicherte mit seinen Risikofaktoren und seiner Anamnese wohl daran hindern, ihr e-Geld in Tabak und Alkohol zu investieren, indem sie deren Kontokarten für derlei Käufe sperrt. Nur: Wie soll sie das anstellen? Soll sie Hacker engagieren? Der Supermarkt wird sich den Umsatz so ungern nehmen lassen wie die Bank die Transaktionsgebühr. 

Ähnlich begriffsstutzig ließen mich Interviews zurück, in denen sogenannte Experten wundersame Dinge prophezeiten: Künftige Autos würden nach einer Verkehrssünde selbsttätig ihren Autonomie-Modus aktivieren und die Türen blockieren, um ihren wehrlosen Besitzer schnurstracks am nächsten Polizeirevier abzusetzen. Bei nicht pünktlich überwiesener Leasingrate führen die schlauen Wägelchen in der Nacht heimlich allein ins Autohaus zurück. Und natürlich würden sie jedes riskante Fahrmanöver per Datenfunk der Versicherung petzen, damit sie ihm den Beitrag erhöhen kann. Ja, ich bitte Sie! Welchem Deppen kann man denn ein Fahrzeug andrehen, das im Zweifelsfall seinem Herrchen nicht mehr gehorcht? Als wäre all das nicht unbegreiflich genug, erzählen sich die Leute jetzt allen Ernstes, in der digitalen Patientenakte zu unserer elektronischen Gesundheitskarte sollten künftig die Selbstüberwachungsdaten unserer Pulsuhren, Fitness-Armbänder und Smartwatches gespeichert werden.

Der Boss höchstpersönlich
Was sagen Sie da, der Boss einer großen deutschen Krankenkasse hat das höchstpersönlich vorgeschlagen? Oh, stimmt! Dann muss ich wohl aufpassen, was ich hier von mir gebe. Der Herr steht nämlich meiner Krankenkasse vor. Wenn ich jetzt schreibe, was ich denke – dass Ärzte Langzeit-EKGs aus gutem Grund mit zertifizierten Geräten machen; dass Pulsdaten ohne Kontext sinnlos sind; dass er offenbar noch nie den Puls eines Sportkameraden auf seiner Uhr sah; dass Daten von Sportuhrbesitzern ausschließlich etwas über das Trainingsverhalten von Sportuhrbesitzern verraten; dass der gute Mann mithin keine Ahnung hat, welche Datenmüllhalden die Kassen sich einhandeln würden, wenn sie Selbstoptimierungswahnsinnigen günstigere Beiträge einräumten; dass er mit seiner Schnapsidee wilde Sturzbäche auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker leiten wird – wenn ich das schreibe, dann streicht er mir am Ende noch den sauer zusammentrainierten Bonus. Will ich das wirklich riskieren?
Ja, das ist es mir wert.