Image: Winken statt Fummeln am ArmaturenbrettFERCHAUFERCHAUWo muss ich hin? Per Geste schneller navigieren | Syda Productions / VanderWolf-Images
TrendGestensteuerung im Auto

Winken statt Fummeln am Arma­tu­ren­brett

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Christoph Hammerschmidt

Christoph Hammerschmidt

freier Journalist

In der Art, wie Autofahrer die Funktions­viel­falt ihres Vehikels dirigieren, brechen neue Zeiten an: Statt Knöpfe zu drücken oder zu drehen, soll künftig ein Wink des Fahrers genügen, um die gewünschte Funktion auszulösen. Gestensteue­rung erschließt Fahrern und Passagieren eine neue Ebene der Kommunika­tion mit den elektroni­schen Systemen. Werden Autofahrer in Zukunft winken und wedeln, anstatt genervte Diskussionen mit dem Navi zu führen? Gibt es womöglich so etwas wie eine universelle Gestensprache?

06. Mai 2016

Die Welt der Autofahrer registriert gerade einen Wandel in der Benutzer­ober­fläche der Autos. Also in der Art, wie die Benutzer dem Fahrzeug ihre Wünsche mitteilen und von dem System Rückmeldungen erhalten. Besonders augenfällig ist dieser Wandel im Bereich der Infotain­ment- und Navigati­ons­sys­teme. Nicht nur die Ergonomie steht bei dieser Entwicklung Pate. Es geht den Autoherstel­lern auch darum, ihren Kunden die beim alltägli­chen Umgang mit Smartphones und Tablet-Computern erlernte Interaktion mit der Elektronik auch im Fahrzeug zu ermöglichen. Schließlich ist der massenhafte Erfolg dieser Geräte nicht zuletzt auf ihre intuitive Bedienung zurückzu­führen. 

Intuitives Herumwischen und –wedeln

Die Entwicklungen im Automobil­sektor gehen indessen über das immer noch irgendwie haptische Herumschieben der Finger auf einer gläsernen Smartphone-Oberfläche hinaus: Bei Fahrzeugen der automobilen Oberliga wie etwa BMWs 7er-Modell oder der E- und S-Klasse des Konkurrenten Mercedes fügen sich die Autos dem Willen des Benutzers schon durch einen einfachen Wink mit der Hand. Statt bei womöglich vollem Autobahn­tempo nach Bedienknöpfen zu suchen und mit den meist winzigen Tasten und Drehschal­tern der Sound-Anlage zu hantieren, dürfen Fahrer jetzt intuitiv mit ihren Händen in der Luft herumwischen und -wedeln.

Auf diese Weise können Fahrer eines Siebener-BMW etwa die Audio-Anlage leiser oder lauter stellen, indem sie ihre Hand mit nach vorn ausgestrecktem Zeigefinger eine kreisför­mige Bewegung ausführen lassen. Erfolgt die Bewegung im Uhrzeiger­sinn, so gibt sich der Fahrer akustisch stärker die Dröhnung, im Gegenuhr­zei­ger­sinn dreht die Musik dagegen auf piano. Einen Anruf auf dem Telefon kann der Fahrer mit einem kurzen Fingerzeig entweder annehmen oder ablehnen. Ebenfalls per Geste lässt sich die Perspektive der virtuellen Surround-View-Kamera um das Auto herumfahren. Bei BMW gibt es sogar eine Geste, deren Bedeutung der Fahrer – fast ist man angesichts dieser Fokussie­rung auf elektroni­sche Systeme versucht, „der User“ zu sagen – frei festlegen kann. 

3-D-Sensor erkennt Handbewe­gungen

Ähnliche Funktionen bietet auch der Wettbewerber Daimler in seinen Luxuskarossen. Sogar Volkswagen hat auf der Consumer Electronics Show Anfang Januar in Las Vegas eine Gestensteue­rung für die nächste Ausgabe des Golfs vorgeführt, die allerdings nach Auffassung von Testern nur einen sehr rudimentären Funktions­um­fang bietet. Die Funktions­weise ist in allen Fällen ähnlich. Ein oberhalb der Mittelkon­sole oder in der Dacheinheit angebrachter 3-D-Sensor, typischer­weise eine Infrarot-Kamera, erkennt die Bewegungen der Hand beziehungs­weise des Fingers und vergleicht sie mit Bewegungs­mus­tern, die in einer Datenbank hinterlegt sind. Es gibt auch andere Verfahren, die aber eine höhere Rechenleis­tung erfordern oder noch nicht über das Forschungs­sta­dium hinausge­kommen sind. 

Ist die Gestensteue­rung nun das Ei des Kolumbus, ist mit ihr die universelle Sprache für die Bedienung technischer Geräte gefunden? Die Sprache, welche die technisch aufwendige Lokalisie­rung der Benutzer­ober­flä­chen im Auto zumindest teilweise überflüssig macht? Denn es ist so: Nach heutigem Stand der Technik müssen alle Menüs der Elektronik-Baugruppen und alle Elemente der Sprachsteue­rung der Sprache des jeweiligen Ziellandes angepasst werden. Das ist mühsam und kostet viel Geld. 

Geringe Anzahl unterscheid­barer Gesten

Ist das nun vorbei? Eher nicht, glauben Fachleute. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen gibt es auch in der „gestischen Alltagsspra­che“ regionale Unterschiede, sagt Dr. Thomas Voehringer-Kuhnt, Chef des HMI Competence Centers beim Autozulie­ferer Continental. Zwar werde bei der Gestensteue­rung im Auto eine andere Gestensprache verwendet als im Alltag. Aber auch das hilft nicht viel weiter, denn, Grund Nummer zwei, die Gebärden­sprache zur Steuerung von Infotain­ment, Navigation und Kommunika­tion im Auto befindet sich gegenwärtig noch in einem sehr rudimentären Stadium; die Anzahl der verfügbaren und unterscheid­baren Gesten liegt (noch) im einstelligen Bereich. Als Mittel der Wahl, um sich durch verschach­telte Bedienmenüs zu klicken, kommen Gesten nicht in Betracht; ihre Domäne ist dort, wo der Benutzer schnell zu einer ganz bestimmten Funktion geführt werden soll – ein Beispiel ist die Lautstär­ke­re­ge­lung. 

Vor der Weiterent­wick­lung der Gestensprache zu einem Universal­werk­zeug bei der Verständi­gung mit dem Auto sind noch einige Hürden zu nehmen. So ist es wichtig, dass die Steuerelek­tronik überhaupt erkennt, wenn sie per Wink angespro­chen wird. Für die Kamera ist es nicht einfach, zwischen einem angeregten, mit Gesten untermalten Gespräch und einem „echten“ Wink-Befehl an die Elektronik zu unterscheiden. Auch nicht ganz trivial: Kommt die Kommando­geste vom Fahrer (berechtigt) oder vom Passagier (nicht berechtigt)? Damit es hier nicht zu Missverständ­nissen zwischen Mensch und Maschine kommt, sollten Entwickler einige Regeln beachten, schlägt Voehringer-Kuhnt vor. Beispiels­weise sollten die Gesten symmetrisch aufgebaut sein; sie sollten immer an einer bestimmten Stelle im Raum begonnen und auch beendet werden. Der Grund: Zufällige Handbewe­gungen, wie sie im Laufe eines lebhaften Gesprächs entstehen, sind nicht symmetrisch und unterscheiden sich daher von den Befehlen der Gestensteue­rung. 

Keine Sensor-Armbänder im Auto

Während die Köpfe der Autoentwickler über die Lösung derartiger Probleme ins Rauchen geraten, findet die Technik der Gestensteue­rung außerhalb des strengen Reiches der Fahrzeug­ent­wick­lung weitere Anhänger. Im Land der Computer­spiele wird sowieso mit allerlei Gesten um den Sieg gekämpft, aber auch in Maschinenbau und Fertigung unternehmen Anwender nun erste Schritte mit der Gestensteue­rung. Audi beispiels­weise testet einzelne Montageschritte kommender Fahrzeug­mo­delle mithilfe virtueller 3-D-Modelle aus. Die Monteure erproben den Umgang mit den noch gar nicht existierenden Bauteilen. Dabei werden die Bewegungen des Werkers ebenso erfasst wie diejenigen des Fahrers im Auto. Die Bewegungs­um­fänge sind erheblich vielfältiger als bei der Gestensteue­rung im Fahrzeug, allerdings erfordert diese Technik auch eine andere Sensorik: Die Probanden nutzen ein in der Gaming-Branche entwickeltes Armband mit eingebauten 3-D-Beschleu­ni­gungs­sen­soren. Für den Einsatz im Auto ist derartiges nicht vorgesehen: BMW, Daimler und Co. wollen den Autofahrern nicht zumuten, sich für die Gestener­ken­nung eigens mit Sensor-Armbändern oder -Handschuhen zu rüsten.