Image: Very Little BrotherFERCHAUFERCHAUWohin das Auge sieht: Spycams lassen keinen Winkel unbeobachtet | punghi
Ulfs* WeltKolumne

Very Little Brother

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Vorsicht, wir werden gefilmt! Spionage­ka­meras sind überall. Aber Hilfe naht: Der oberste Bundesnetz­agent will uns schützen.

31. Mai 2016

Dass man alt wird, erkennt man daran, dass jeder Rückblick auf die eigene Jugend fremd und anachronis­tisch erscheint. Als ich 13 war, gab es keine Heimcomputer, also auch keine Egoshooter für Möchtegern-SEK-Agenten, ja nicht einmal Videorecorder. Wir ballerten an der frischen Luft mit analogen Spielzeu­g­re­vol­vern herum und ahnten nichts von all dem herrlich heimtücki­schen Jungsspiel­zeug, mit dem Meister Q Britanniens Doppelnull-Agenten versorgte. Erst mit 16, meinten die Jugendschützer von der FSK, habe der Mensch die sittliche Reife, um sich über Kinohelden mit Lizenz zum Einsatz tödlicher Kugelschreiber zu amüsieren.

Jimmy Bondi statt James Bond

Weil der echte James Bond für uns Pubertäter tabu war, schickte uns die deutsche Filmwirt­schaft zum Trost – nicht lachen jetzt! – Jimmy Bondi. So hieß der Held der Klamotte „Ein Käfer gibt Vollgas“. In der 007-Parodie von 1972 spielt ein neunmalkluges Herbie-Plagiat namens Dudu die Rolle des Aston Martin, während der Drehbuch­autor, Regisseur, Produzent und Hauptdar­steller Rudolf Zehetgruber lustig zwischen Westenta­schen-Hippie, Westenta­schen-Bond und Westenta­schen-Q hin- und herchargiert. Statt mit MG und Raketen kämpft der knatschgelbe VW 1302 mit non-letalen Bordwaffen: Dudu schlägt die Fieslinge jugendfrei k.o. – mit gezielten Radkappen­hieben.

Falls mein kleiner Nostalgie-Anfall Sie jetzt irritiert haben sollte: Den verdanke ich Jochen Homann, dem Chef der Bundesnetz­agentur (BNetzA). Der Mann, der uns Normalver­brau­cher wacker vor gemeinge­fähr­li­chen Energie-, Telefon- und Eisenbahn­kon­zernen schützt, hat mir neulich einen Floh ins Ohr gesetzt. Wie ihn treibt mich nun die Sorge um, der technische Fortschritt könnte immer mehr normale Menschen dazu verführen, sich wie kleine Geheimagenten zu benehmen. So rüsten dubiose Firmen nach dem Vorbild von Q unverdäch­tige Gegenstände mit versteckter Mikrotechnik auf und verhökern sie ungeniert online.

„Verkleidete“ Kameras

Gottlob liegt das Gefährdungs­po­ten­tial bislang eher auf Jimmy Bondis denn auf James Bonds Niveau. So handelt es sich nicht um Killerspiel­zeuge oder Sabotage­werk­zeuge, sondern um fernöstliche Billig-Gadgets für den Möchtegern-Spion. Will der kleine Bruder seinen großen Bruder überwachen oder der Eifersücht­ling seiner Auserwählten hinterher­schnüf­feln, finden sie im weltweiten Netz eine große Auswahl an „Kameras, die einen anderen Gegenstand vortäuschen oder mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet“ sind, so die BNetzA. Es gibt zum Beispiel audiovisuell verwanzte Autoschlüssel und Süßigkei­ten­dosen mit doppeltem Boden, die jeden filmen, der nascht, sei er nun Mensch oder Haustier. „Besonders beliebt ist es nach unseren Erkenntnissen, diese Kameras in Uhren, Rauchmel­dern oder Lampen zu verstecken“, warnt Homann, „aber auch Pop-Art-Blumen oder Powerbanks dienen als Verkleidung.“

So weit, so ungut. Und was hat noch mal der gute Herr Homann mit der Bekämpfung von Voyeurismus, Betriebs­spio­nage, Mitarbei­ter­be­spit­ze­lung und verdeckt aufgenom­menem Cat Content zu tun? Ach so, modernere „Spycams“ – so das Wort, mit dem man am treffsichersten danach sucht – schicken ihre Bilderbeute per WLAN sofort live nach Hause. Das macht sie zu verbotenen Sendeanlagen im Sinne von § 90 Telekommu­ni­ka­ti­ons­ge­setz. Und was tut die Behörde gegen die Camouflage-Sender? Sie geht „entschlossen gegen alle Beteiligten wie Hersteller, Verkäufer und Käufer dieser Kameras vor“ und fordert „Plattform­be­treiber zur Löschung des Angebots auf“. Fein. Vermutlich sitzt ihr Präsident schon an einem geharnischten Brief nach Kalifornien: In den USA widmet eBay getarnten Funkkameras eine eigene Rubrik.

Machtlos gegen den Schnüffel­be­darfs­fach­handel

Um dem hiesigen Schnüffel­be­darfs­fach­handel Herr zu werden, wird Deutschlands Top-Netzagent Homann wohl zu Undercover-Methoden greifen müssen. Die Zunft ist vorsichtig genug, öffentlich nur traditio­nelle Offline-Spycams zu bewerben, die ihre kompromit­tie­renden Aufzeich­nungen wie Opas nächtliche Plünderungen der Hausbar auf einem Chip speichern. Und dagegen, liebe Mit-Bondis, ist die BNetzA genauso machtlos wie gegen unsere mobilen Do-it-yourself-Spycams mit Allnetflat und serienmä­ßiger Zweitlinse für die Selfies.