Weniger tanken dank Eco Coach Mit Eco Coach wird es an der Zapfsäule bald deutlich günstiger. | Anze Bizjan
TrendAssistenzsysteme

Nun mal langsam

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Mirko Besch

Mirko Besch

freier Journalist

Fahrassistenzsysteme, die uns helfen, effizienter, umweltschonender und spritsparender Auto zu fahren, gibt es längst. Doch deren Potentiale sind noch nicht ausgeschöpft. Das soll sich in Zukunft ändern. Der Schlüssel zum Erfolg heißt Gamification.

02. Juni 2016

Es gibt jede Menge Tipps, die man beachten könnte, um beim Autofahren Sprit zu sparen. Der einfachste und vielleicht naheliegendste von allen lautet: nicht fahren! Aber das geht natürlich an der Realität vorbei. Realistischer ist es zu sagen: „Ich verzichte künftig auf Kurzstrecken.“ Denn auf Strecken bis fünf Kilometer verbraucht das Auto überdurchschnittlich viel Benzin. Des Weiteren ist es ratsam, niedertourig zu fahren, früh hochzuschalten, vorausschauend den Fuß vom Gas zu nehmen und den Wagen vor dem Anhalten ausrollen zu lassen statt zu bremsen, bei langen Rotphasen an der Ampel den Motor auszustellen und vieles mehr.

Sprit sparen durch Segeln

Letzteres haben die Automobilhersteller durch ein in zahlreiche Neuwagen integriertes Start-Stopp-System bereits automatisiert. Eine Weiterentwicklung dessen ist das Start-Stopp-Segeln. Hier wird der Motor auch während der Fahrt abgeschaltet, sobald der Fuß weder auf dem Gas- noch auf dem Bremspedal steht und das Fahrzeug die Geschwindigkeit durch bloßes Rollen halten kann.

Künftig sollen Autofahrer vom Fahrassistenzsystem aber auch verstärkt aufgefordert werden, ihr Fahrverhalten ökonomischer zu gestalten. Denn neben den rein technischen Optimierungshebeln ist ein umweltfreundliches Fahrverhalten einer der wichtigsten Faktoren, wenn es darum geht, Kraftstoff und somit auch CO2 einzusparen.

Sogenannte Eco-Coaches unterstützen den Fahrer dabei. Sie visualisieren den Einfluss des Fahrverhaltens auf den Kraftstoffverbrauch und geben Tipps, wie dieser weiter verringert werden kann. Vorreiter heutiger und künftiger Spritsparhinweisgeber war der im Bordcomputer angezeigte Durchschnittsverbrauch. Es folgten weitere Entwicklungen wie die Anzeige des optimalen Zeitpunkts zum Ganghochschalten.

Im Honda Civic beispielsweise wird eine effiziente Fahrweise vom sogenannten Eco Assist unterstützt. Dieser ist in die Umgebungsbeleuchtung des Tachos integriert und signalisiert wirtschaftliches Fahren mit einer grün leuchtenden Anzeige. Gibt der Fahrer etwas mehr Gas, ändert sich die Farbe in weiß-grün, bei starker Beschleunigung oder scharfem Bremsen leuchtet der Tacho weiß auf.

Sprit sparen mit AssistenzsystemEin Blick auf den Tacho reicht: Sprit sparen mit Assistenzsystem.

Eco-Assistenzsysteme mit Potential

Doch die heutigen Systeme schöpfen noch lange nicht das gesamte Potential aus, um das Fahrverhalten positiv und nachhaltig zu beeinflussen. Es fehlt vor allem an ausgereifteren Funktionen. Dabei hätten moderne Eco-Assistenzsysteme durchaus Möglichkeiten, den Kraftstoffverbrauch künftig merklich zu reduzieren – und das ohne zusätzliche Bauteilkosten.

Dazu müssten die Systeme lediglich entsprechend erweitert werden, zum Beispiel um die Nutzung vorausschauender Verhaltenstipps, um individuelle Motivationskonzepte wie Online-Wettbewerbe, um flexible und situationsangepasste Funktionen, um Konnektivität sowie um eine nahtlose Interaktion mit mobilen Endgeräten. 

Manche Hersteller wie Fiat, BMW und Nissan haben derartige Funktionen zumindest teilweise bereits in ihre Assistenzsysteme integriert. Schon seit 2008 ist Fiat zum Beispiel mit seiner Spritspar-Initiative „eco:Drive“ am Start, die seitdem immer wieder erweitert wurde. Das aktuelle System zeigt in Echtzeit die vier entscheidenden Faktoren für eine effiziente Fahrweise an – Beschleunigung, Abbremsen, Gang- sowie Geschwindigkeitswechsel – und vergibt für jeden Faktor eine Bewertung von einem bis fünf Sternen.

Der ermittelte Durchschnittswert wird in ein Punktesystem mit einer Skala von 1 bis 100 übertragen und ergibt den aktuellen eco:Index, den die User anschließend über Facebook oder Twitter mit der Community teilen können. Diese besteht mittlerweile aus über 100.000 Mitgliedern, die sich untereinander über PC oder Smartphone über ihre Resultate und Fortschritte beim effizienteren Fahren austauschen können. Wer im Social Ranking aufsteigen möchte, muss seine Eco-Performance verbessern, seine Handlungen teilen und sich mit anderen Mitgliedern befreunden.

Motivation durch Wettbewerb

Das Ganze besitzt also auch einen Wettbewerbscharakter. Und dieser ist letztlich einer der Erfolgsfaktoren derartiger Assistenzsysteme. Weitere Beispiele: Im Opel Ampera, einem Elektroauto mit Range Extender (Reichweitenverlängerer), bekommt der Fahrer von einer rotierenden Kugel im Display Hinweise zum derzeitigen Fahrstil. Ist dieser energiesparend, dreht sich die Kugel grün und gleichmäßig in der Mitte der Skala. Auf diese Weise kann die maximale Reichweite erreicht werden. Bei starker Beschleunigung springt der Ball nach oben und wird gelb, bei kräftigerem Bremsen fällt die Kugel nach unten. In diesen beiden Fällen sinkt die Reichweite. 

In einigen Ford-Modellen werden für umweltfreundliches Fahren grüne Blütenblätter vergeben. Wer eine komplette Blüte aus fünf Blättern erreicht, erhält Lob und einen virtuellen Pokal. Und im Mini wird der Fahrer für eine energiesparende Fahrweise mit Punkten und Sternchen belohnt. Auf regelmäßig gefahrenen Strecken kann er so beispielsweise versuchen, seinen persönlichen Highscore zu erzielen. Mithilfe der Minimalism-Analyser-App auf dem Smartphone in Verbindung mit der Sonderausstattung Mini Connect lässt sich dann die persönliche Bestleistung mit der von anderen Mini-Fahrern vergleichen. 

Studie eCoMove im TestlaufWie reagieren Fahrer auf haptische Hinweise des Systems? eCoMove im Test.

Gamification: Inspiration von der Spiele-Industrie

In Zukunft werden sich sicher noch weitere Autobauer bei der Entwicklung ihrer Fahrassistenzsysteme von der Spiele-Industrie inspirieren lassen. Schließlich verfügt diese über jahrzehntelange Erfahrung bezüglich Motivationsmustern und Prognosen von Benutzerverhalten. Die wichtigsten Vorteile: Gut entwickelte Spiele halten die Nutzer für eine lange Zeit beschäftigt, bauen Vertrauen und Beziehungen auf und entwickeln Kreativität. Ein Transfer von erprobten Spielmechanismen, sprich: Gamification, könnte somit der Schlüssel zu einem nachhaltigen Motivationserfolg in puncto effizientes Fahrverhalten sein. 

Dass Assistenzsysteme zum Spritsparen bereits mehrheitlich von Autofahrern akzeptiert werden, zeigten die Resultate der Fahrsimulator-Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Rahmen des mit 13,7 Millionen Euro geförderten EU-Projekts eCoMove (Cooperative Mobility Systems and Services for Energy Efficiency). Die Studie untersuchte das Fahrverhalten in Verbindung mit kooperativen Assistenzsystemen. Diese zeigen beispielsweise an, wie lange die nächste Ampel noch rot ist, wie schnell der Fahrer fahren muss, um die Ampel zu überqueren ohne anzuhalten und in welchem Gang er am wenigsten Sprit verbraucht.

Darüber hinaus wurde beobachtet, wie die Fahrer auf Gegendruck des Gaspedals als Beschleunigungs- oder Verzögerungsempfehlung – sprich: auf haptische Hinweise des Systems reagieren. Ergebnis: positiv. Effekt: eine Kraftstoffersparnis von durchschnittlich 15 bis 18 Prozent im Fahrsimulator. Den DLR-Forschern zufolge sei durch den Einsatz kooperativer Assistenzsysteme sogar eine Reduzierung des Spritverbrauchs um bis zu 20 Prozent möglich. 

Wichtig: Zeit und Sprit sparen

„Als Fazit konnten wir feststellen, dass das Motiv, Zeit zu sparen und umweltfreundlicher beziehungsweise spritsparender zu fahren, bei den befragten Studienteilnehmern eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Professor Barbara Lenz, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung. Lediglich bei Vielfahrern sei es wichtiger, so schnell wie möglich ans Ziel zu kommen.