Digitalempfänger oder UKW?Peter Zelei
Ulfs* WeltKolumne

Auf dem Digitalempfänger dahoam

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

In Bayern gibt es jetzt ein Ein-Programm-Radio mit Heimat-Knopf – für alle, denen der Gewinnspielcomedydudelfunk ein Graus ist.

28. Juni 2016

Aus der Soundanlage unseres neuen Autos, erst Ende Januar fabrikfrisch ausgeliefert, rauschte es plötzlich gewaltig. Ich weiß nicht mehr, ob meine Frau im Infotainment-Menü mit dem Finger auf die falsche Schaltfläche gerutscht war oder ob ich mit dem Daumen den Lenkradschalter in die falsche Richtung gekippt hatte. Jedenfalls brauchten wir ein Weilchen, bis wir kapierten, dass kein Garantiefall vorlag. Was wir hörten, war lediglich das Gänsehaut erregende Grundrauschen von AM, auf altdeutsch Mittelwelle. Der Sendersuchlauf versuchte sein Bestes – und lief sich einen Wolf.

Vier Wochen vor Auslieferung des Wagens hatte nämlich das Deutschlandradio seine amplitudenmodulierenden Sender abgeschaltet. Es war die letzte Anstalt gewesen, die dieses Frequenzband noch nutzte. Da unser Automodell kurz vor dem Exitus der Mittelwelle auf den Markt gekommen war, hatten ihm die Rüsselsheimer Romantiker noch ein AM-Modul spendiert. So kam es, dass wir ein Relikt aus der Hörfunksteinzeit spazierenfahren dürfen. Vielleicht war es auch ein Wink des Schicksals, im Urlaub endlich mal auf eine Færøer-Insel überzusetzen. Dort strahlt Útvarp Føroya als einer der letzten Sender in Europa ein MW-Signal aus (BBC Five tut‘s auch, scheidet aber wegen Linksverkehr aus).

Stubnmusi via DAB+

Was unser Autoradio selbst dahoam in Oberbayern nicht reinkriegt, ist die jüngste Kreation unserer Landesrundfunkanstalt, der Kanal „BR Heimat“. Seit Ofang Juni waar des d‘ oanzige Schanx, no a gscheite Stubnmusi im Radio z‘m heara – Jessas naa, i bin ja a Zugroasta, oiso: Seit Anfang Juni wäre dies die einzige Chance, noch die Werke traditioneller voralpenländischer Volksmusikanten im Radio zu hören. Bis vor Kurzem genügte ein brunznormales UKW-Radio, um statt den überdrehten „Frühaufdrehern“ von Bayern 3 dem Dreigesang der „Isarwinkler Sängerinnen“ zu lauschen oder zu Zither- und Hackbrettklängen zu meditieren. Dann kickte die vormals betuliche Mainstream-Ultrakurz-Welle Bayern 1 alles aus dem Programm, was ein musikalisch eher ungebildetes Nordlicht als Gejodel disqualifizieren könnte, und konzentrierte sich auf Oldies für die Generation Gottschalk. Der neue Heimatfunk hingegen wird exklusiv via DAB+ verbreitet; der dafür nötige Digitalempfänger wäre erst im nächstteureren Komfortpaket inklusiv gewesen.

Vielleicht sollte man das dahoamigste Programm der Welt auch gar nicht unterwegs einschalten. Dennoch stehen nun schätzungsweise 200.000 bayerische UKW-Radio-Besitzer vor der Frage: Soll ich mir extra dafür ein Digitalradio kaufen? Und wenn ja, sakramentzefix, welches? Das Kürzel DAB (Digital Audio Broadcasting) steht seit 20 Jahren für Radios, die sich Leute kaufen, die zu viel Geld haben. Man erkannte sie immer sofort an der Kombination von betont analogem Nachhaltigkeitslook und Die-sind-ja-wohl-echt-wahnsinnig-Preisschild: Ihr unvermeidliches Retrodesign legte den Verdacht nahe, Digital-Empfänger dürften ausschließlich von Manufakturen gebaut werden, die Kofferradios oder mittels Echtholzimitat aufs Furnier der Schrankwand abgestimmte Standgeräte aus den Siebzigerjahren entkernen, um sie mittels Displays und Tasten aus aufgelösten Neunzigerjahre-Ersatzteillagern in Handarbeit zu modernisieren. Neben der versenkbaren Teleskop-Antenne war mindestens ein Plastik-Drehrädchen oder Edelstahl-Drehknopf Pflicht.

Konkurrenzsender auf dem Präsentierteller

Ein DAB-Radio ist allerdings erst dann ein zünftiges DAB-Radio, wenn es möglichst umständlich ist, das Programm zu wechseln. Ist doch logisch: Einerseits würden die großen alteingesessenen Sender jede Menge Geld sparen, wenn sie ihre stromfressenden UKW-Antennen abschalteten. Andererseits wären sie schön blöd, würden sie ihrem Publikum zum Kauf von Digitalempfängern raten, die ihnen eine Riesenauswahl an Konkurrenzsendern auf dem Präsentierteller servieren. Bei uns in Bayern buhlen bereits 69 Digitalprogramme um Gehör. Das Dümmste, was ein Hersteller von Radios also tun kann, ist mit der neuen Vielfalt zu werben. Genau das Gegenteil ist richtig. Er muss den Sendern helfen, das Zappen zu stoppen, damit sie endlich UKW killen können (aber bitte nicht, solange ich noch dieses Auto fahre!).

Bisher tat die Branche dies eher halbherzig. Sie erlaubte ihren Kunden, sich selbst eine Top-Ten-Liste der am wenigsten nervenden Radiostationen anzulegen. Das ist ein unhaltbarer Zustand – für die Werbezeitenverkäufer und für die Redaktionen, die tolle Einschaltquoten nachweisen müssen. Aus Daun in der Eifel kommt jetzt die erste konsequente Lösung: Die aktuellen Digitalradio-Sondermodelle von Technisat sind ab Werk auf eine einzige Anstalt oder gar ein einziges Hörfunkprogramm voreingestellt; mit Senderlogo bedruckte Programmtasten dienen als Home-Buttons. Wer die Anleitung kapiert, kann zwar notfalls mal etwas anderes hören. Verläuft sich der Freund des Hackbrettsounds jedoch im Dschungel der Gewinnspiel-Comedy-Dudelsender, drückt er kurz auf den BR-Heimat-Knopf und ist schon wieder dahoam. Und siehe da, es sind gar nicht die unbändig durch die Unterhaltungsfluten surfenden Digital Natives, die heute die Digitalisierung vorantreiben. Es sind Leute, deren Leidensdruck so groß ist, dass ihnen ein pfundsschweres Radio mit bescheidenem 1-Watt-Mono-Lautsprecher 59 Euro wert ist, wenn es sie auf Knopfdruck hören lässt, was sie wollen.