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Ulfs* WeltKolumne

Auf dem Digi­tal­emp­fänger dahoam

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

In Bayern gibt es jetzt ein Ein-Programm-Radio mit Heimat-Knopf – für alle, denen der Gewinnspiel­come­dy­du­del­funk ein Graus ist.

28. Juni 2016

Aus der Soundanlage unseres neuen Autos, erst Ende Januar fabrikfrisch ausgelie­fert, rauschte es plötzlich gewaltig. Ich weiß nicht mehr, ob meine Frau im Infotain­ment-Menü mit dem Finger auf die falsche Schaltfläche gerutscht war oder ob ich mit dem Daumen den Lenkradschalter in die falsche Richtung gekippt hatte. Jedenfalls brauchten wir ein Weilchen, bis wir kapierten, dass kein Garantie­fall vorlag. Was wir hörten, war lediglich das Gänsehaut erregende Grundrau­schen von AM, auf altdeutsch Mittelwelle. Der Sendersuch­lauf versuchte sein Bestes – und lief sich einen Wolf.

Vier Wochen vor Ausliefe­rung des Wagens hatte nämlich das Deutschland­radio seine amplituden­mo­du­lie­renden Sender abgeschaltet. Es war die letzte Anstalt gewesen, die dieses Frequenz­band noch nutzte. Da unser Automodell kurz vor dem Exitus der Mittelwelle auf den Markt gekommen war, hatten ihm die Rüsselsheimer Romantiker noch ein AM-Modul spendiert. So kam es, dass wir ein Relikt aus der Hörfunkstein­zeit spazieren­fahren dürfen. Vielleicht war es auch ein Wink des Schicksals, im Urlaub endlich mal auf eine Færøer-Insel überzusetzen. Dort strahlt Útvarp Føroya als einer der letzten Sender in Europa ein MW-Signal aus (BBC Five tut‘s auch, scheidet aber wegen Linksver­kehr aus).

Stubnmusi via DAB+

Was unser Autoradio selbst dahoam in Oberbayern nicht reinkriegt, ist die jüngste Kreation unserer Landesrund­funk­an­stalt, der Kanal „BR Heimat“. Seit Ofang Juni waar des d‘ oanzige Schanx, no a gscheite Stubnmusi im Radio z‘m heara – Jessas naa, i bin ja a Zugroasta, oiso: Seit Anfang Juni wäre dies die einzige Chance, noch die Werke traditio­neller voralpen­län­di­scher Volksmusi­kanten im Radio zu hören. Bis vor Kurzem genügte ein brunznor­males UKW-Radio, um statt den überdrehten „Frühaufdre­hern“ von Bayern 3 dem Dreigesang der „Isarwinkler Sängerin­nen“ zu lauschen oder zu Zither- und Hackbrett­klängen zu meditieren. Dann kickte die vormals betuliche Mainstream-Ultrakurz-Welle Bayern 1 alles aus dem Programm, was ein musikalisch eher ungebildetes Nordlicht als Gejodel disquali­fi­zieren könnte, und konzentrierte sich auf Oldies für die Generation Gottschalk. Der neue Heimatfunk hingegen wird exklusiv via DAB+ verbreitet; der dafür nötige Digitalemp­fänger wäre erst im nächstteu­reren Komfortpaket inklusiv gewesen.

Vielleicht sollte man das dahoamigste Programm der Welt auch gar nicht unterwegs einschalten. Dennoch stehen nun schätzungs­weise 200.000 bayerische UKW-Radio-Besitzer vor der Frage: Soll ich mir extra dafür ein Digitalradio kaufen? Und wenn ja, sakrament­zefix, welches? Das Kürzel DAB (Digital Audio Broadcas­ting) steht seit 20 Jahren für Radios, die sich Leute kaufen, die zu viel Geld haben. Man erkannte sie immer sofort an der Kombination von betont analogem Nachhaltig­keits­look und Die-sind-ja-wohl-echt-wahnsinnig-Preisschild: Ihr unvermeid­li­ches Retrodesign legte den Verdacht nahe, Digital-Empfänger dürften ausschlie­ß­lich von Manufakturen gebaut werden, die Kofferra­dios oder mittels Echtholzi­mitat aufs Furnier der Schrankwand abgestimmte Standgeräte aus den Siebziger­jahren entkernen, um sie mittels Displays und Tasten aus aufgelösten Neunziger­jahre-Ersatzteil­la­gern in Handarbeit zu modernisieren. Neben der versenkbaren Teleskop-Antenne war mindestens ein Plastik-Drehrädchen oder Edelstahl-Drehknopf Pflicht.

Konkurrenz­sender auf dem Präsentier­teller

Ein DAB-Radio ist allerdings erst dann ein zünftiges DAB-Radio, wenn es möglichst umständlich ist, das Programm zu wechseln. Ist doch logisch: Einerseits würden die großen alteinge­ses­senen Sender jede Menge Geld sparen, wenn sie ihre stromfres­senden UKW-Antennen abschalteten. Andererseits wären sie schön blöd, würden sie ihrem Publikum zum Kauf von Digitalemp­fän­gern raten, die ihnen eine Riesenaus­wahl an Konkurrenz­sen­dern auf dem Präsentier­teller servieren. Bei uns in Bayern buhlen bereits 69 Digitalpro­gramme um Gehör. Das Dümmste, was ein Hersteller von Radios also tun kann, ist mit der neuen Vielfalt zu werben. Genau das Gegenteil ist richtig. Er muss den Sendern helfen, das Zappen zu stoppen, damit sie endlich UKW killen können (aber bitte nicht, solange ich noch dieses Auto fahre!).

Bisher tat die Branche dies eher halbherzig. Sie erlaubte ihren Kunden, sich selbst eine Top-Ten-Liste der am wenigsten nervenden Radiosta­tionen anzulegen. Das ist ein unhaltbarer Zustand – für die Werbezei­ten­ver­käufer und für die Redaktionen, die tolle Einschalt­quoten nachweisen müssen. Aus Daun in der Eifel kommt jetzt die erste konsequente Lösung: Die aktuellen Digitalradio-Sondermo­delle von Technisat sind ab Werk auf eine einzige Anstalt oder gar ein einziges Hörfunkpro­gramm voreinge­stellt; mit Senderlogo bedruckte Programm­tasten dienen als Home-Buttons. Wer die Anleitung kapiert, kann zwar notfalls mal etwas anderes hören. Verläuft sich der Freund des Hackbrett­s­ounds jedoch im Dschungel der Gewinnspiel-Comedy-Dudelsender, drückt er kurz auf den BR-Heimat-Knopf und ist schon wieder dahoam. Und siehe da, es sind gar nicht die unbändig durch die Unterhal­tungs­fluten surfenden Digital Natives, die heute die Digitali­sie­rung vorantreiben. Es sind Leute, deren Leidensdruck so groß ist, dass ihnen ein pfundsschweres Radio mit bescheidenem 1-Watt-Mono-Lautspre­cher 59 Euro wert ist, wenn es sie auf Knopfdruck hören lässt, was sie wollen.