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Ulfs* WeltKolumne

Rotlicht für Hans Guck-aufs-Display

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Der mobile Mediennutzer braucht Verkehrs­zei­chen da, wo er hinschaut: vor den Füßen.

26. Juli 2016

Der Mast als solcher hat hierzulande eher wenige Freunde. Hochspan­nungs­masten gelten nicht nur als Landschafts­ver­schan­de­lung, sondern auch als Quell von Elektrosmog, weshalb viele Menschen im Süden lieber weiterhin Atomstrom hätten anstatt Windstrom aus dem Norden, wenn für diesen, neue Trassen durch Bayerns urwüchsig-unberührte Fichtenplan­tagen geschlagen werden müssten. Die Windräder selbst sind die modernen Paradebei­spiele des Mastbaus, denn die Rotoren und Generatoren kann man trotz unbestreit­barer Fortschritte in der Drohnenin­dus­trie leider noch nicht freischwe­bend betreiben. Daher mehren sich Klagen über und gegen solche „Monsterspar­gel“. 

Hindernisse im Fußverkehr

Aber auch mit vergleichs­weise filigranen Mastkonstruk­tionen tut sich die hiesige Bevölkerung zunehmend schwer. Mussten unsere Mütter uns noch aufgeschla­gene Knie jodifizieren und verpflas­tern, sind Mamis heute sehr routiniert in der Versorgung blutiger Nasen und dicker Stirnbeulen, weil ihre Lieblinge beim mobilen Whatsappen und Snapchatten so oft von, wie aus dem Nichts auftauchenden, Laternen-, Verkehrs­zei­chen- und Ampelmasten gerammt werden. Allein die Inhaber von Handywerk­stätten sind Nutznießer der Existenz solcher gemeinge­fähr­li­chen Hindernisse im pedestri­schen Verkehr: Dass bei den Kollisionen Smartphone-Displays und DJ-Kopfhörer auf dem Pflaster zu zerschellen pflegen, steigert zwar das Bruttoso­zi­al­pro­dukt, schafft Jobs und trifft nicht die Falschen, widerspricht jedoch dem Gebot der Müllvermei­dung.

Gestrige Geister meinen nun allen Ernstes, die Lösung könne nur in verschärfter Verkehrs­er­zie­hung liegen. Man müsse den jungen Hans Guck-aufs-Displays einhämmern, dass die Benutzung eines Wischfons die Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenver­kehr stärker beeinträch­tigt als 95 Prozent aller Arzneimittel, deren Hersteller eine entsprechende Warnung auf die Packungs­bei­lage drucken. Hat der hoch erhobenen Hauptes umherstol­zie­rende Hans Guck-in-die-Luft aus dem „Struwwel­pe­ter“ denn etwa keine Unfälle gebaut? Die Wahrheit ist: Wir – ja, auch wir Älteren – tragen heute einfach die Nase knappe 90 Grad unterhalb von früher. 

LED-Ampeln im Trottoir

Somit liegt nichts näher, als vertikale Lichtzei­chen­an­lagen durch horizontale zu ersetzen. Man muss dazu nicht deren Masten flachlegen, wie es dem einen oder anderen whatsappenden Autofahrer durchaus schon gelungen ist. Städte wie Köln und Augsburg zeigen, wie es geht. Sie haben die ersten LED-Ampeln ins Trottoir eingebaut – angeblich hell genug strahlend, dass sie am Handy vorbei den multitas­kenden Passanten so blenden, dass er abrupt aus seiner bunten Emoji-Parallel­welt gerissen wird. Die tieferge­legte Lichtorgel ersetzt den Rallye-, äh, Zebrastreifen.

Das ist natürlich erst der Anfang. Die Zukunft gehört dem barriere­freien öffentli­chen Raum. In einer Zeit, in der Navis die erlaubte Höchstge­schwin­dig­keit anzeigen, wo der Fahrer gar kein analoges Schild bemerkt hat, fällen wir am besten den Schilder­wald, reißen alle Pfosten raus, verschönern so unsere Städte – und vertrauen uns zu Fuß und am Steuer ganz der Digitali­sie­rung an. Seit Jahren fantasieren Werbefuz­zies doch von Location Based Services, die uns im Vorübergehen lästige Reklamebot­schaften von Ladenbesit­zern aufs Smartphone beamen sollen, uns in Wahrheit aber nur mit dem Angebot nerven, uns ins WLAN des Shops einzuloggen.

Basissta­tionen in Gullideckeln

Wie wäre es denn, wenn auf dem Display, das wir eh alle die ganze Zeit anstarren, überall genau das aufpoppte, was für uns just dort und in time wichtig ist – hier ein rotes oder grünes Ampelmänn­chen, dort ein Kampfbiker: „Vorsicht, du fußlahmer Trottel latschst gerade auf meinem Radweg!“ Näherungs­sen­soren könnten uns vor heranrasenden Trucks und Lamborghinis warnen. Für die nötigen Sendeantennen bräuchte man keine neuen Masten, denn ein deutscher Hersteller legt sie uns zu Füßen. Er integriert seine Basissta­tionen neuerdings unauffällig und stolperfrei in Gullideckel.

Ich hätte zu alledem noch das i-Tüpfelchen beizutragen. Damit Angehörigen der paarungs­be­reiten Jahrgänge nicht entgeht, dass ihnen gerade der Traummann oder die Traumfrau entgegen­kommt, könnte man die Selfieka­meras nutzen, um live die Porträts nahender Passanten einzublenden. 

Wie, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, genügt Ihnen? Sie haben aber wirklich keinen Sinn für Technik!