Smartphone mit Wetter-Appistock: exdez
Ulfs* WeltKolumne

Je nasser, desto mehr Sonnenschein ?

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Ortsgenaue Wettervorhersagen sind super. Mal in der einen App, mal in der anderen.

29. August 2016

Man glaubt es nicht, aber meine Wetter-App möchte doch tatsächlich gelobt werden. Statt mir anzuzeigen, ob es draußen schön ist oder nieselt, quengelt sie manchmal, ich solle doch endlich eine Bewertung im App Store abgeben. Ich kann mich dazu nicht durchringen. Eine ehrliche Rezension könnte so garstig ausfallen, dass nur noch Masochisten das Progrämmchen herunterladen. Nicht dass ich Skrupel hätte, Dilettanten, die so einen Murks fabrizieren, das Geschäft zu vermasseln. Aber es wäre nicht fair den anderen Smartphonierern gegenüber. Die würden dann eine andere Wetter-App installieren und kämen von der Traufe in den Wolkenbruch.

Prognosen, die nichts, gar nichts oder überhaupt nichts taugen

Wer in unseren mit „Ganzjahresaprilwetter“ gesegneten Breiten wissen möchte, ob heute, morgen oder übermorgen die Wolkenlücken groß genug sind, um die Wäsche rauszuhängen, den Rasen zu mähen oder gar zu grillen, kann nämlich zwischen Diensten wählen, deren Prognosen nichts, gar nichts oder überhaupt nichts taugen. Ich habe Exemplare aller drei Geschmacksrichtungen ausgiebig getestet. Ziehe ich eine App durch den Kakao, muss ich als verantwortungsbewusstes Lästermaul, auch den anderen einen gepflegten Verriss widmen. Dabei übersehe ich bestimmt die Hälfte. In den App Stores streunen mittlerweile ja mehr Wetterfrösche herum als Katzen bei Facebook.

Westentaschen-Kachelmann

Deshalb lobe ich lieber hier öffentlich, was mir an den digitalen Westentaschen-Kachelmännchen gefällt. Zum Beispiel die kniffligen Hirnsportaufgaben, die mir der Zufallsgenerator gratis aufs Display zaubert: Was will mir der Hinweis „48 %“ neben dem aufgespannten Regenschirm sagen? Beziffert er die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Parapluie benötige? Oder etwa die relative Luftfeuchte? Das Sonne-hinter-Schäfchenwolken-Emoji daneben deutet eigentlich auf einen niederschlagsfreien Abend hin, doch am nächsten Tag reichen 35 Prozent, damit dicke blaue (!) Tropfen aus einer zappendusteren Cumulonimbus platschen. Bei 28 Prozent Schirm erscheint das graue Landregen-Bildchen, zu 50 Prozent blenden die Apps Heiter-bis-wolkig-Grafiken ein und zu 70 Prozent eine Sonne, die angeblich 15 Stunden am Stück scheint, ohne von einem Wölkchen verdeckt zu werden. Je nasser, desto Sonnenschein? So simpel ist es dann wohl doch nicht. Das gelbe Zentralgestirn gibt es jedenfalls auch in einer 5 %-Version mit zugeklapptem Sonnenschirm.

Sind die Daten noch ganz frisch?

An einem ausnahmsweise wolkenlosen Morgen behauptet eine der Apps um kurz nach (!) acht, es habe „jetzt“ 16 Grad, um acht Uhr (!) werde es 19 Grad warm sein. Zurück in die Zukunft? Die lokale Luftfeuchtigkeit betrage 89 Prozent. Hm. Warum zeigt dann meine digitale Wetterstation 66 Prozent bei 22 Grad im Schatten und die analoge sogar nur 54 Prozent bei 20 Grad? Sind die Daten der App etwa nicht frisch? Oder haben die Meteorologen ihre Messfühler unten am Ufer des Stausees aufgestellt? Plötzlich bekomme ich Lust, mich aufs Fahrrad zu schwingen und aus purer Neugier nachzuschauen, ob ich sie entdecke. Danke, liebe Programmierer, für diese verkappte Fitness-App, die meinen inneren Schweinehund austrickst!

Jedem Kaff sein Wetter

Leider beschleichen mich leise Zweifel, dass ich etwas finde. Womöglich ist das Netz der Big-Data-Quellen nicht annähernd so engmaschig, wie uns das Handy weiszumachen versucht. Wissen Sie noch, wie Jörg Kachelmann und Kollegen jeden Landkreis besuchten, in dem man einen Sponsor für ein Wetterhäuschen gefunden hatte? Heute hat scheinbar jedes Kaff sein eigenes Online-Wetter, ja nicht nur eines, sondern mehrere. Meine drei Apps sind sich nicht einmal einig in der Beschreibung des in dieser Minute real existierenden Lokalwetters, geschweige denn in der Frage, ob ich überhaupt hier wohne oder nicht doch im fünf Kilometer entfernten Nachbardorf. Radle ich alle denkbaren Standorte ab, wird das ein Trainingsprogramm wie das Tagespensum mehrerer Postboten. Ich schwitze schon beim Drandenken.

Vom Wetterberichte zum Quartett-Spiel

Aber brauche ich wirklich den Beweis, dass all die Apps in Wirklichkeit Spielzeuge und die Daten Fantasieprodukte sind? Man könnte auch den nächstbesten digitalnativen Diplom-Landwirt fragen, ob er sich nicht längst reumütig auf Opas uralte Bauernregeln besonnen hat. Selbst ich Stadtmensch, den es aufs Land verschlagen hat, verlasse mich inzwischen lieber auf meine Wolkenbeobachtungen als auf irgendwelche Algorithmen. Gelöscht habe ich die Apps trotzdem nicht. Beim nächsten Spieleabend, an irgendeinem nasskalten Wintertag, teste ich meine Idee: Jeder öffnet auf seinem Handy eine andere App und wir spielen Wetterquartett. Wir müssen uns nur auf die Spielregeln einigen: Gewinnt der mit dem schönsten Wetter oder der, dessen Wetterbericht der Realität am nächsten kommt?