Schwarze Drohne am Himmel
TrendVolle Drohnung!

Hamburg ist Deutschlands Drohnenhauptstadt

Lesezeit ca.: 6 Minuten
Steve Przybilla

Steve Przybilla

freier Journalist

Nirgendwo starten so viele Drohnen wie in Hamburg. Die Einsatzgebiete sind vielfältig. Die Filmbranche ist Vorreiter. Aber auch Aufklärungs- und Wartungsflüge an Windkraftwerken bis hin zu Rettungseinsätzen sollen von den Fliegern übernommen werden. Nur Hobbypiloten machen manchmal Ärger.

01. September 2016

In der Hamburger Hafencity pfeift ein eisiger Wind. Timm Korth knöpft seine Jacke bis ganz oben zu. Die braunen Haare flattern ihm ins Gesicht. Eine zerstörte Frisur? Da hat Korth andere Sorgen. „Windstärke fünf ist für unsere Pussy fast schon zu stark“, sagt der Filmproduzent und blickt sorgenvoll in den Himmel. Pussy steht für Octopussy: ein selbst gebauter Multikopter mit acht Rotoren, 4,9 Kilogramm Gewicht und einer 20-Megapixel-Kamera im Gepäck. Ein Außenstehender würde das Gerät einfach als Drohne bezeichnen. Korth sagt: „Sie ist eine ganz treue Seele.“

Pussy oder das Leben einer Drohne

Pussy hat schon viel erlebt. Sie hat die Elbe überquert, Turbulenzen überstanden und sogar einen stehenden Airbus A380 umrundet. Alles ganz legal, versteht sich, denn Pussy ist mehr als ein Spielzeug. Sie ist ein Arbeitsgerät. Ein fliegendes Auge. Ihre Aufgabe: möglichst schöne und gleichzeitig präzise Luftbilder erstellen.

„Unsere Auftraggeber haben ganz genaue Vorstellungen davon, was sie wollen“, sagt Korth. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Marc Asmussen, einem gelernten Bauingenieur, Elektrotechniker und Modellflieger, hat er vor drei Jahren das Kleinunternehmen „Camnatic“ gegründet. Seither fotografieren sie aus der Luft – für Immobilienmakler, Projektentwickler und Konzerne, die ihre Produkte in Szene setzen wollen. Dabei überlassen sie nichts dem Zufall: Auf einem Bildschirm sieht Korth, was Pussy sieht. Daneben ein Laptop, der alle Vitaldaten anzeigt: Höhe, Position, Beschleunigung, Stromverbrauch. Und natürlich die Fernsteuerung.

Die Drohne gerät ins Schlingern

Als kürzlich ein Vogel mit Pussys Rotoren kollidierte, geriet die Drohne kurz ins Schlingern. Doch Asmussen brachte den Flieger heil runter. Er kennt jede Schraube, jede Lötstelle. Er hat das Gerät selbst konstruiert. Am Hamburger Himmel ist Pussy längst nicht mehr allein. Im vergangenen Jahr erteilte die Luftverkehrsbehörde 618 Aufstiegsgenehmigungen. Das macht die Hansestadt zum Spitzenreiter in Deutschland. Nirgendwo sonst steigen so viele Drohnen auf wie in Hamburg. Wobei die Behörde nur die gewerblichen Starts erfasst. Wer die Geräte zum Privatvergnügen nutzt, eine Höhe von 30 Metern nicht überschreitet und sich vom Flughafen fernhält, braucht keine Erlaubnis. Und genau da fangen die Probleme an. 

„Ich finde diese Regelung ungerecht“, sagt Drohnenprofi Korth. Zwar habe er mit den Behörden nur gute Erfahrungen gemacht, doch ihn stört das Prinzip: „Letztens hat direkt neben mir ein Privatmann seine Drohne gestartet. Ich musste meinen Start mit zehn Ämtern abklären, er mit keinem einzigen. Und am Ende hatte er genauso schöne Bilder.“ Korth ist überzeugt, dass auch Hobbypiloten ihre Bilder ins Internet stellen – auch wenn das aus Datenschutzgründen verboten ist. „Unter solchen schwarzen Schafen leiden wir alle“, klagt der Drohnen-Pilot. Einem davon sind nun Münchner Polizisten auf der Spur. Denn Anfang August 2016 drohte Gefahr in 1700 Metern Höhe: Eine Drohne ist nahe München nur wenige Meter an einem Airbus vorbeigeflogen – ein Schreckmoment. Dem Besitzer der Drohne droht nun eine Freiheitsstrafe.

Kampf gegen die schwarzen Schafe unter den Drohnenpiloten

Zurück nach Hamburg: „Neulich ist sogar die Polizei angerückt, weil ein Anwohner dachte, wir filmen heimlich sein Wohnzimmer. Dabei hatten wir eine Genehmigung.“ Das konnte der Anwohner freilich nicht wissen, zumal sich Beschwerden häufen, seit Drohnen für weniger als hundert Euro im Baumarkt erhältlich sind. Heimliche Luftbilder der Nachbarin, die sich nackt im Garten sonnt? Technisch längst möglich.

Die Hamburger Wirtschaftsbehörde hat noch andere Sorgen. Es gibt dort eine eigene Abteilung, die sich nur mit Drohnen beschäftigt. Harry Denz, der zuständige „Aerodrome Inspector“, sagt: „Die meisten halten sich an die Vorschriften. Aber es gibt eben diejenigen, die gerne mal das Cockpit eines  landenden Flugzeugs filmen möchten.“ Auch solche Fälle hat es in Hamburg gegeben. Schon mehrfach haben Piloten den Tower vor Drohnen in der Einflugschneise gewarnt. Das Landeskriminalamt hat im Anschluss wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr ermittelt, eine Straftat, die mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden kann. Doch wenn die Polizei kommt, suchen die Hobbypiloten schnell das Weite. Gefasst wurde bis jetzt niemand.

Die Drachen von morgen

Vielen sei der Ernst der Lage überhaupt nicht bewusst, sagt Denz. Eine Drohne, die ihren Akku in der Luft verliert oder in eine Menschenmenge stürzt? „Das kann richtig gefährlich werden“, mahnt der Behördenmitarbeiter. Dabei fange der Boom gerade erst an: „Das sind die Drachen von heute. Ich frage mich, wie viele 16-Jährige eine Drohne unterm Weihnachtsbaum liegen hatten.“ Doch woher sollen Teenager die Feinheiten des Datenschutzes kennen? Oder wissen, dass auch Privatleute eine Zusatz-Haftpflichtversicherung brauchen? In der Verpackung finden sie solche Hinweise jedenfalls nicht. „Erklärzettel“, in denen steht, was gefilmt werden darf und was nicht, sind bis jetzt nicht verpflichtend.

Auch der Handel spürt den Trend zum unbemannten Flugobjekt. Die Staufenbiel GmbH, ein alteingesessenes Hamburger Modellflug-Geschäft, hat eine eigene Abteilung nur für Drohnen eingerichtet. „Seit drei Jahren hat der Markt deutlich angezogen“, berichtet Inhaber Dirk Marquard. „Wir machen inzwischen 30 Prozent unseres Umsatzes mit Drohnen, wobei 80 Prozent die Geräte gewerblich nutzen.“ 

Verbotene Zonen sind eingespeichert

Die Technik, die früher nur Fachleuten und Bastlern vorbehalten war, ist nun für verschiedenste Branchen interessant – vom Landwirt, der seine Felder überprüft bis hin zum Dachdecker, der nach Schäden sucht. Die gute Nachricht: Laut Marquard fliegt die neueste Drohnengeneration nicht mehr einfach so in einen gesperrten Bereich. „Da sind alle Flugverbotszonen eingespeichert. Keines dieser Geräte wird sich einem Flughafen mehr als fünf Kilometer nähern.“

Am anderen Ende der Stadt soll gleich die nächste Drohne starten. Das sechsköpfige Team von „CopterProject“ hat sich auf Bewegtbilder aus der Luft spezialisiert, zum Beispiel für Spiel-, Dokumentar- oder Werbefilme. Auf dem Tisch stapeln sich Akkus, Fernsteuerungen, Aufhängungen und Rotorblätter, im Nachbarraum steht die Fräse: Auch hier basteln die Gründer ihre Drohnen noch selbst. „Dann fliegen mal eben 100.000 Euro durch die Gegend“, sagt Matthias Allendorf, Filmproduzent und Mitgründer von „CopterProject“. Warum Drohnen auch im Film-Business so gefragt sind? „Weil sie ganz andere filmische Perspektiven bieten“, sagt Allendorf. „Mit einem Heli können Sie schließlich nicht einfach so vor einem Protagonisten herfliegen.“ 

Unbemannte Rettungsdrohnen

Reinhard Gedack, ein ehemaliger Airbus-Ingenieur, denkt schon einen Schritt weiter. Auf dem Laptop zeigt er den Entwurf einer unbemannten Rettungsdrohne, die er möglichst bald auf den Markt bringen möchte. „Wir könnten sie einsetzen, um Personen aus brennenden Hochhäusern zu retten“, sagt Gedack. Überhaupt sei der Bedarf groß und das Potenzial riesig. Schon heute könne man Windräder, Schornsteine und Hochwassergebiete per Drohne kontrollieren. Was in Zukunft noch alles hinzukommt? „Das werden wir sehen. Auf jeden Fall fängt die Entwicklung gerade erst an.

Die Drohnen-Hauptstadt Hamburg steckt in dem Trend schon voll drin.  Schon jetzt überprüft der Hafen die Auslastung seiner Schüttgut-Halden aus der Luft. Wenn Til Schweiger mit Pistolenkugeln argumentiert, fängt eine Drohne die Szene ein. Und sogar der Knast ist vor Luftangriffen nicht sicher: Im Januar 2015 knallte eine mit Drogen beladene Drohne gegen die Mauer der Hamburger Justizvollzugsanstalt. Die Polizei konnte den Piloten nicht ausfindig machen. Nur so viel steht fest: Ein Drohnenführerschein hätte nicht geschadet.