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TrendBio-Implantate

Das geht unter die Haut

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Christoph Hammerschmidt

Christoph Hammerschmidt

freier Journalist

Bio-Implantate erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Nicht nur in der Medizin, sondern zunehmend unter experimen­tier­freu­digen Privatan­wen­dern, die damit „coole“ Anwendungen implemen­tieren. Aber das kann ganz schön gefährlich werden.

06. September 2016

So kleine Allmachts­träume hat sicherlich schon jeder einmal gehabt – Fliegen können wie Supermann, stark unverwundbar und unbesiegbar sein. In Computer­spielen können sich Teilnehmer dazu gegen Bares oder als Lohn für errungene Siege den Körper durch technische Hilfsmittel aufrüsten lassen. Eine Laserpis­tole im rechten Arm, eine Kreissäge anstelle des linken, die Augen erweitert um die Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen: Die Cyborgs sind im Trend, zumindest in der virtuellen Welt der Computer­spiele. 

Die Cyborgs sind im Kommen 

Manche Menschen lassen sich davon inspirieren, auch in der realen Welt Körper und Geist technisch aufzuwerten. Im echten Leben muss man die Ansprüche jedoch etwas zurückschrauben – fliegen geht (noch) nicht, und die Science-Fiction-Strahlen­waffe ist auch noch nicht erfunden. Immerhin: Implantate sind in, jedenfalls in gewissen Soziotopen. In den USA und Schweden gibt es beispiels­weise eine sehr aktive Community, und auch in Deutschland findet Cyborging, die Erweiterung des Körpers und seiner Fähigkeiten mit technischen Hilfsmit­teln, eine wachsende Anhänger­schaft. 

Hierzulande hat sich beispiels­weise unter dem Namen Cyborg e.V. eine „Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmel­zung von Mensch und Technik gegründet.“ In den USA gibt es bereits seit vielen Jahren die Singularity-Bewegung mit entsprechender Universität, deren Forschungen und Konzepte auf die Ideen des Zukunfts­for­schers und Mitbegrün­ders Ray Kurzweil zurückgehen.  

Cyborging ist allerdings nicht zu verwechseln mit den ebenfalls zunehmenden medizini­schen Anwendungen intelligenter Einbauteile wie etwa Herzschritt­ma­cher oder Retina- und Cochlea-Implantate. Die Neugierde der Cyborg-Community reicht über die Heilkunst weit hinaus, im Mittelpunkt steht die Verbindung des menschli­chen Körpers zur IT im weitesten Sinne. Auto öffnen per Handauflegen, Login ohne Passwort, Kontaktdaten automatisch versenden oder schlüssellos Türen öffnen sind beispiel­hafte Anwendungen.

Handfeste Marktunter­su­chungen gibt es einstweilen noch nicht, dazu bewegt sich das Cyborging zu sehr im schillernden Bereich einer nicht fassbaren, schnell wechselnden Szene, die zwischen unangepasstem Außensei­tertum und trendiger Technik-Nerdigkeit bis hin zur Underground-Kunst changiert. Eine europaweite Umfrage des Sicherheits-Software-Anbeiters Kaspersky zeigt jedoch, dass die Akzeptanz für Biohacking recht hoch ist; lediglich 29 Prozent der Befragten lehnen es grundsätz­lich ab, sich einen Chip einpflanzen zu lassen. Bei alledem folgt die Szene dennoch gewissen technolo­gi­schen Trampelpfaden. Ziemlich populär ist es, sich Chips der RFID-Anwendungs­fa­milie implantieren zu lassen. Diese Anwendung hat einen gewissen Grad der Standardi­sie­rung erreicht und die Chips, die übrigens meist von dem niederlän­di­schen Hersteller NXP stammen, können in einem Rundum-Sorglos-Paket bezogen werden. 

Das geht unter die Haut

Mit den unter der Haut platzierten Chips besitzt der User einen unverlier­baren Schlüssel – für seine Haustür, seinen Computer oder eben auch für seinen Lieblings­club, sofern dieser mitspielt. Wahlweise speichert der Chip auch die Visitenkarte des Trägers oder medizini­sche Angaben wie Allergien oder behandlungs­be­dürf­tige Krankheiten. Der Dateninhalt ist vor dem Einsetzen des Chips unter die Haut festzulegen und kann nicht geändert werden. Zudem muss natürlich der Technikfreund seine Anwendungen selbst implemen­tieren. Das heimische Türschloss beispiels­weise reagiert erst dann auf den unverlier­baren Schlüssel, wenn dort ein entsprechendes Lesegerät nebst Aktuator und Stromver­sor­gung eingebaut ist und für das automati­sche Einloggen auf Computer, Tablet und Smartphone muss sich der User seine App entweder selbst schreiben oder eine vorhandene modifizieren. 

Mehr Intelligenz per Venenkatheder?

Die begrenzte Speicher­ka­pa­zität der reinen RFID-Chips von maximal einigen hundert Byte setzt auch den Anwendungs­mög­lich­keiten recht enge Grenzen. Deshalb befinden sich zurzeit Chips auf dem Vormarsch, welche die NFC-Technik nutzen, die aber auch auf der RFID-Technik aufbaut. Damit kommt nicht nur mehr Speicher­ka­pa­zität unter die Haut, sondern auch mehr Intelligenz: NFC wird bereits in der Wirtschaft etwa in Bezahlsys­temen, für das Pairing von WLAN-Geräten oder für etwas komplexere Zugangskon­trollan­wen­dungen mit verschlüs­seltem Datenaus­tausch eingesetzt. Entsprechend weitet sich der Anwendungs­ho­ri­zont bei implantierten NFC-Systemen. Viele aktuelle Smartphones enthalten bereits einen NFC-Reader, was die Anwendungs­ent­wick­lung deutlich erleichtert. 

Mit zunehmender Verbreitung solcher Implantate steigt aber auch die Gefahr für die Sicherheit der kleinen Datenspei­cher. Denn die Implantate besitzen weder eine eigene Energiequelle noch einen Ausschalter; werden sie über ein Lesegerät mit Energie versorgt, so geben sie ihren Inhalt preis – und zwar ohne dass der Träger etwas davon merkt. Die Reichweite der kleinen Transponder beträgt zwar nur einige Zentimeter, sodass sich ein unbefugter Lauscher mitsamt seinem Lesegerät schon auffällig dicht an den Implantat-Träger heranmanö­vrieren muss. Doch manchen IT-Sicherheits­ex­perten kommen Bedenken. „Die kurze Reichweite dieser Chips ist ein Sicherheits­merk­mal“, sagt Marco Preuss vom Analysis Team EU des Sicherheits-Software­her­stel­lers Kaspersky Lab. „Aber überall, wo es eng zugeht, besteht die Gefahr, dass jemand unbefugt zugreift – etwa in einer vollen U-Bahn oder in einer Menschen­menge.“ 

PIN-Code als Lesesperre

Neuere Chips kann man mit einem vierstel­ligen PIN-Code „locken“. Nur wer die Geheimnummer kennt, kann den Inhalt auslesen. Aber viele Benutzer tun das nicht, weiß Preuss. „Gerade am Anfang experimen­tieren sie noch viel herum, und da wird ein PIN-Code häufig als störend empfunden“, so der Sicherheits­ex­perte. Für die Nutzer solcher Implantate hat er jedenfalls einen dringenden Rat: „Keine sensiblen Daten auf dem Chip speichern.“ Die Verwendung als elektroni­scher Haustürschlüssel ist jedenfalls „kritisch zu sehen.“ Denn wem es einmal gelungen ist, den Chipinhalt auszulesen, der kann mit dem virtuellen Haustürschlüssel jederzeit selbst ins Haus gelangen.