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TrendVollautonomes Fahren

Fahren und fahren lassen!

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Rüdiger Vossberg

Rüdiger Voßberg

freier Journalist

Schöne neue Autowelt: Der Computer als programmierter Chauffeur kennt keinen Kavaliers­start mehr. Da bleibt der Fahrspaß für traditio­nelle Selbstlenker natürlich auf der Strecke. Besonders in Deutschland sitzen die autonomen Skeptiker gerne und bestimmend hinter dem Steuer.

14. September 2016

Vollautonom kommt noch nicht so gut an in der Autorepu­blik Deutschland. Eine aktuelle Befragung der Boston Consulting Group (BCG) unter 1.500 Verbrauchern in Deutschland, den USA und China belegt, dass lediglich 41 Prozent der in Städten wohnenden Deutschen mit einem vollauto­nomen Fahrzeug fahren würden. Im Vorjahr waren es noch 44 Prozent. In den USA sind es 48 Prozent (Vorjahr 53 Prozent). Die Chinesen zeigen demnach mit 81 Prozent die höchste Akzeptanz und Affinität zur autonomen Technik. In Deutschland behaupten auch acht von zehn Befragten, dass sie gut und gerne selber fahren. In China hingegen nur zwei von zehn.

Autonom auf der Überholspur

Trotz der temporären Skepsis müssen die Bleifuß-Athleten und Lenkrad-Fetischisten jetzt ganz stark sein: „Selber Autofahren wird künftig – wie vor 100 Jahren – wieder Luxus, eine Spaßveran­stal­tung für das Wochenende“, prophezeit der Autoexperte der Fachhoch­schule Bergisch Gladbach, Professor Stefan Bratzel. Der Höhepunkt des selbst steuernden Autofahrers sei überschritten, denn er wird zunehmend durch die Teilschritte des autonomen Fahrens überflüssig. Aus „Freude am Fahren“ wird „Freude am gefahren werden“.

Die Entwicklung des teilauto­nomen Fahrens läuft derweil ungebremst voran: Tempomat, Einparkhilfe oder das automati­sche Getriebe. Von den meisten Handschal­tern einst schmählich verpönt, hat die Automatik heute eine ganz andere Positionie­rung auf dem Automarkt: 2011 war bei den neu zugelassenen BMW-Modellen über die Hälfte mit einem Automatik­ge­triebe ausgestattet, bei Porsche waren es sogar 84 Prozent. Auch das gesellschaft­liche Image des Autos wandelt sich: „Das Statussymbol Automobil verliert gerade bei der jungen Generation in Städten an Glanz“, berichtet Professor Bratzel. Der Autobesitz werde angesichts knapper und teurer Parkplätze und Staus häufig nicht als Lust, sondern eher als Last empfunden.

Sharing ist cool

Laut einer McKinsey-Studie verbringen derzeit täglich mehr als 1,2 Milliarden Menschen durchschnitt­lich 50 Minuten pro Tag im Auto – und oft eben im Stau. Automati­siertes Fahren soll den Verkehrs­fluss verbessern und die Zeit im Auto nutzbarer machen. Damit setzt sich aber der Bedeutungs­ver­lust des Autos fort und lässt sich auch nicht mehr stoppen.

Autoexperte Bratzel nennt es denn auch einen „veritablen Kampf der Welten“, den sich Automobil­her­steller und Digital Player wie Google oder Apple in den nächsten zwölf Jahren liefern werden. „Digital Player erweitern ihr Ökosystem von Kundendienst­leis­tungen auf den Mobilitäts­be­reich, was auch den Betrieb von Flotten einschließen kann“, sagt der Wissenschaftler. Um dann nicht als margenschwa­cher Hardware-Lieferant abgewertet zu werden, müssen die traditio­nellen Autohersteller auch ein eigenes Ökosystem von Dienstleis­tungen entwickeln.

„Denn Mobilität geht vor Eigentum“, konstatiert auch der Marketing-Professor von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, Ralph Sonntag. Eine flexible und kostengüns­tige Autonutzung – ohne Autobesitz – wird durch neue Mobilitäts­kon­zepte, allen voran Car Sharing, zunehmend attraktiver: „Das Verlangen nach dem eigenen Auto ist bei der jungen Gesellschaft out.“

Cool fährt anders

Konsequenz für die Marketing­ak­teure: eine andere verheißungs­volle Mensch-Maschine-Beziehung aufbauen, vielleicht eine innovative und keine emotionale Beziehung mehr. „Ich glaube nicht, dass das Drehen des Lenkrades und das Vollgas geben notwendi­ger­weise diese bindenden Emotionen hervorruft“, stellt Professor Sonntag in Frage. Schließlich wird man künftig mit einem autonomen Fahrzeug die Serpentinen hinauf gleiten.

„Die Zukunft für fahrerlose Autos sieht vielverspre­chend aus“, so lautet das Fazit des Automobil­ba­ro­meter 2016 – International , das von der Commerz Finanz GmbH herausge­geben wird. Für die Studie wurden 8.500 Verbraucher in 15 Ländern befragt, die in den letzten fünf Jahren ein Auto gekauft haben. Demnach glauben zwei von drei Deutschen, dass das autonome Fahrzeug bald Realität werden wird. Besonders euphorisch sind die Schwellen­länder: Rund ein Drittel der Mexikaner sowie Brasilianer erwarten das vollauto­nome Auto schon in den kommenden ein bis drei Jahren.

„Aber es werden sicherlich noch mindestens zehn Jahre vergehen, bis wir vollautonom unterwegs sind“, erklärt der Professor für Wirtschafts- und Wettbewerbs­recht an der Hochschule Osnabrück, Volker Lüdemann. Selbstfah­rende Autos werden sich dabei voraussicht­lich schrittweise durchsetzen. Zunächst auf der Autobahn, denn dort ist der Verkehr weniger komplex und weil daran keine Fußgänger oder Radfahrer beteiligt sind.

Auf dem Weg in die autonome Gesellschaft will Norwegen ab 2025 schon mal keine Benzin- und Dieselautos mehr zulassen. Dieser radikale Elektroauto-Plan soll auch dazu beitragen, Norwegens Emissionen aus dem Verkehrs­sektor bis 2030 zu halbieren. Und in Deutschland? Die Grünen wollen den Verbrennungs­motor ab 2036 für Neufahrzeuge verbieten lassen. „So schafft man sich aber keinen Technolo­gie­vor­sprung“, resümiert Professor Sonntag. Deutschland ist im Grunde immer noch eine Automobil­na­tion und keine Mobilitäts­na­tion.