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TrendBiometrie der Zukunft

Die elektronische DNA des Menschen

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Alexander Freimark

Alexander Freimark

freier Journalist

Fingerabdruck und Gesichtserkennung gehören zu den traditionellen biometrischen Verfahren. Nun arbeiten Forscher an einem umfassenden Ansatz: Die Kombination vieler Merkmale soll den Menschen unbemerkt und jederzeit identifizierbar machen.

16. September 2016

Die Zukunft der Biometrie liegt in der Vielfalt. Gab es früher einen Iris-Scanner an der Sicherheitsschleuse, der möglichst zu 100 Prozent funktionieren musste, suchen kommende Sicherheitssysteme nach vielen verschiedenen Merkmalen, die kontinuierlich und meist im Hintergrund überwacht werden. Der Vorteil: Wenn ein Verfahren mal nicht funktioniert, ist nicht gleich das gesamte Überwachungssystem kompromittiert – andere Merkmale gleichen das Defizit einfach aus. Da es keinen einzelnen Schlüssel wie den Fingerabdruck (und einen möglichen Wachsabdruck davon) gibt, wird es schwieriger, das System zu überlisten.

Hohe Gesamtwahrscheinlichkeit = sicher

Der Ansatz ähnelt der menschlichen Vorgehensweise beim Treffen mit Artgenossen, berichtet Jan Henrik Ziesing, Leiter des Innovationsclusters Next Generation ID beim Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin. „Das Gefühl, jemanden auf der Straße zu kennen, entspringt der intuitiven Aufnahme verschiedener Merkmale wie Brille, Bart, rote Jacke, Gang, Größe und Silhouette.“ Je kürzer die Distanz, desto mehr Kriterien wie Augen, Mund und Stimme kommen zum Tragen. Der Mensch authentifiziert sich so im natürlichen Kontext. „Auch am Computer oder Smartphone werden künftig verschiedene Kriterien kombiniert und heuristisch geprüft, ob sie auf den Menschen zutreffen“, so Ziesing. Hierbei ist nicht die optimale Entscheidung in den Einzelmerkmalen das Ziel, sondern eine möglichst hohe Gesamtwahrscheinlichkeit. 

Bis zu 50 verschiedene Kriterien bewerten

Diese so genannte „Multifaktor-Authentifizierung“ ist nicht neu, aber sie wird in ihrem Umfang künftig auf die Spitze getrieben. So entwickeln Unternehmen derzeit Verfahren, bei dem das Smartphone anhand von bis zu 50 verschiedenen Kriterien erkennen soll, ob es der rechtmäßige Besitzer in den Händen hält. Beispielsweise hat die Deutsche Bank ein System der Firma Callsign getestet, bei dem unter anderem der Standort, die Uhrzeit, die Handhaltung des Geräts, die Druckstärke auf das Touch-Display sowie der Fingerabdruck bewertet werden. Im Zweifelsfall, etwa bei einem gebrochenen Arm, können auch eine Stimmprobe und ein Selfie herangezogen werden. Ein Manager des Geldinstitutes sagte gegenüber der „Financial Times“, dass die Übereinstimmung eines fremden Nutzers mit dem Besitzer maximal 15 Prozent betragen hat.

eDNA - electronically Defined Natural Attributes

Forscher aus dem Umfeld der Universität Oxford kalkulieren sogar mit 500 Verhaltensweisen, die zusammen die „eDNA“ beziehungsweise „electronically Defined Natural Attributes“ eines Menschen bilden. Apple wiederum hat ein Patent angemeldet, wonach ein Handy am Schreibstil, Tippwinkel und der Wortwahl erkennt, ob es sich um den Besitzer handelt. Vermutlich ist es den Konzernen schon möglich, aus der eDNA herauszulesen, ob eine Frau schwanger ist oder den Job wechseln will. Auch der Internet-Konzern Google intensiviert die Bemühungen bei den so genannten „behavioral biometrics“, der „Verhaltensbiometrie“. So soll angeblich noch in diesem Jahr das Passwort von Android-Smartphones dem Google-Projekt „Abacus“ zum Opfer fallen. 

Umgebungs- und Bewegungsmuster auswerten

Hierbei berechnet das Gerät rund um die Uhr einen Score-Wert, der anzeigt, ob es sich noch um den berechtigten Benutzer handelt. Je nach Kritikalität der App – Spiele oder Mobile Banking – werden weitere Merkmale in die Kalkulation einbezogen. Selbst Bluetooth-Sender in der Umgebung und Bewegungsmuster des Menschen werden analysiert, Stimmproben natürlich auch. Die „Trust Score“-Programmierschnittstelle stellt Google App-Entwicklern seit diesem Sommer zur Verfügung. Das System sei 100-mal sicherer als eine vierstellige PIN, hieß es in Fachmedien. 

Bis sich die Verhaltensbiometrie flächendeckend etabliert hat, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Vielleicht setzt sich in der Zwischenzeit ein Verfahren der Wissenschaftler vom Exzellenzcluster für Multimodal Computing and Interaction der Universität des Saarlandes, des Max-Planck-Instituts für Informatik und der Universität Stuttgart durch. Sie senden einen Ton aus der Datenbrille „Google Glass“ durch den Schädelknochen und fangen den Ausgangsschall wieder auf. Diese Frequenzen sind charakteristisch für jeden Menschen und lassen sich als biometrisches Merkmal verwenden, um die Brille freizuschalten. Ob sich daraus auch eine Schwangerschaft erkennen lässt, ist nicht bekannt.

Ausgabe 2016/02

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