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TrendBiometrie der Zukunft

Die elek­tro­ni­sche DNA des Menschen

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Alexander Freimark

Alexander Freimark

freier Journalist

Fingerab­druck und Gesichts­er­ken­nung gehören zu den traditio­nellen biometri­schen Verfahren. Nun arbeiten Forscher an einem umfassenden Ansatz: Die Kombination vieler Merkmale soll den Menschen unbemerkt und jederzeit identifi­zierbar machen.

16. September 2016

Die Zukunft der Biometrie liegt in der Vielfalt. Gab es früher einen Iris-Scanner an der Sicherheits­schleuse, der möglichst zu 100 Prozent funktionieren musste, suchen kommende Sicherheits­sys­teme nach vielen verschie­denen Merkmalen, die kontinuier­lich und meist im Hintergrund überwacht werden. Der Vorteil: Wenn ein Verfahren mal nicht funktioniert, ist nicht gleich das gesamte Überwachungs­system kompromit­tiert – andere Merkmale gleichen das Defizit einfach aus. Da es keinen einzelnen Schlüssel wie den Fingerab­druck (und einen möglichen Wachsabdruck davon) gibt, wird es schwieriger, das System zu überlisten.

Hohe Gesamtwahr­schein­lich­keit = sicher

Der Ansatz ähnelt der menschli­chen Vorgehens­weise beim Treffen mit Artgenossen, berichtet Jan Henrik Ziesing, Leiter des Innovati­ons­clus­ters Next Generation ID beim Fraunhofer Institut für offene Kommunika­ti­ons­sys­teme FOKUS in Berlin. „Das Gefühl, jemanden auf der Straße zu kennen, entspringt der intuitiven Aufnahme verschie­dener Merkmale wie Brille, Bart, rote Jacke, Gang, Größe und Silhouette.“ Je kürzer die Distanz, desto mehr Kriterien wie Augen, Mund und Stimme kommen zum Tragen. Der Mensch authenti­fi­ziert sich so im natürlichen Kontext. „Auch am Computer oder Smartphone werden künftig verschie­dene Kriterien kombiniert und heuristisch geprüft, ob sie auf den Menschen zutreffen“, so Ziesing. Hierbei ist nicht die optimale Entschei­dung in den Einzelmerk­malen das Ziel, sondern eine möglichst hohe Gesamtwahr­schein­lich­keit. 

Bis zu 50 verschie­dene Kriterien bewerten

Diese so genannte „Multifaktor-Authenti­fi­zie­rung“ ist nicht neu, aber sie wird in ihrem Umfang künftig auf die Spitze getrieben. So entwickeln Unternehmen derzeit Verfahren, bei dem das Smartphone anhand von bis zu 50 verschie­denen Kriterien erkennen soll, ob es der rechtmäßige Besitzer in den Händen hält. Beispiels­weise hat die Deutsche Bank ein System der Firma Callsign getestet, bei dem unter anderem der Standort, die Uhrzeit, die Handhaltung des Geräts, die Druckstärke auf das Touch-Display sowie der Fingerab­druck bewertet werden. Im Zweifels­fall, etwa bei einem gebrochenen Arm, können auch eine Stimmprobe und ein Selfie herangezogen werden. Ein Manager des Geldinsti­tutes sagte gegenüber der „Financial Times“, dass die Übereinstim­mung eines fremden Nutzers mit dem Besitzer maximal 15 Prozent betragen hat.

eDNA - electroni­cally Defined Natural Attributes

Forscher aus dem Umfeld der Universität Oxford kalkulieren sogar mit 500 Verhaltens­weisen, die zusammen die „eDNA“ beziehungs­weise „electroni­cally Defined Natural Attributes“ eines Menschen bilden. Apple wiederum hat ein Patent angemeldet, wonach ein Handy am Schreibstil, Tippwinkel und der Wortwahl erkennt, ob es sich um den Besitzer handelt. Vermutlich ist es den Konzernen schon möglich, aus der eDNA herauszu­lesen, ob eine Frau schwanger ist oder den Job wechseln will. Auch der Internet-Konzern Google intensiviert die Bemühungen bei den so genannten „behavioral biometrics“, der „Verhaltens­bio­me­trie“. So soll angeblich noch in diesem Jahr das Passwort von Android-Smartphones dem Google-Projekt „Abacus“ zum Opfer fallen. 

Umgebungs- und Bewegungs­muster auswerten

Hierbei berechnet das Gerät rund um die Uhr einen Score-Wert, der anzeigt, ob es sich noch um den berechtigten Benutzer handelt. Je nach Kritikalität der App – Spiele oder Mobile Banking – werden weitere Merkmale in die Kalkulation einbezogen. Selbst Bluetooth-Sender in der Umgebung und Bewegungs­muster des Menschen werden analysiert, Stimmproben natürlich auch. Die „Trust Score“-Programmier­schnitt­stelle stellt Google App-Entwicklern seit diesem Sommer zur Verfügung. Das System sei 100-mal sicherer als eine vierstel­lige PIN, hieß es in Fachmedien. 

Bis sich die Verhaltens­bio­me­trie flächende­ckend etabliert hat, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Vielleicht setzt sich in der Zwischen­zeit ein Verfahren der Wissenschaftler vom Exzellenz­cluster für Multimodal Computing and Interaction der Universität des Saarlandes, des Max-Planck-Instituts für Informatik und der Universität Stuttgart durch. Sie senden einen Ton aus der Datenbrille „Google Glass“ durch den Schädelkno­chen und fangen den Ausgangs­schall wieder auf. Diese Frequenzen sind charakte­ris­tisch für jeden Menschen und lassen sich als biometri­sches Merkmal verwenden, um die Brille freizuschalten. Ob sich daraus auch eine Schwanger­schaft erkennen lässt, ist nicht bekannt.

Ausgabe 2016/02

Ausgabe 2016/02

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