Friedhof mit Handy-Grabstein und trauernder Frau
Ulfs* WeltKolumne

Es lebe der Digitalfriedhof

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Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wer glaubt, Lifestyle ende mit dem irdischen Dasein, kennt die Grabsteine von Pavel Kalyuk noch nicht.

23. September 2016

Mit der Sepulkral-Kultur ging es in den letzten Jahrtausenden ziemlich abwärts – so weit, dass sogar dieses schöne Fremdwort in Vergessenheit geraten ist. Die Pharaonen leisteten sich Pyramiden, um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden. Karl der Große bekam zu diesem Zweck einen Dom, Wladimir Iljitsch Uljanow immerhin noch das Lenin-Mausoleum. Und was wären die Lucky-Luke-Geschichten des Asterix-Erfinders René Goscinny ohne die Figur des Totengräbers Fiddlededee? 

Bepflanzungs- und Grabpflegeregularien

Der moderne Mensch will vom Bestattungswesen einfach nichts wissen. Er möchte im Diesseits leben, möglichst lange natürlich, und seinen Hinterbliebenen Scherereien mit kleinkarierten Friedhofsverwaltungsbeamten ersparen, die nichts im Kopf haben außer Bepflanzungs- und Grabpflegeregularien, Liegezeiten und mahnzuschlagsvorbehaltsbewehrten Gebührenbescheiden. Glaubt er an das Ewige Leben, geht er davon aus, dass dem lieben Gott die körperliche Hülle völlig egal ist, weil es ihm allein um die Seele geht. Deshalb bucht er seinen letzten Gang vorab online beim Discountbestatter und lässt das Häuflein Asche, das von ihm bleibt, platzsparend-pflegeleicht in eine Urnenwand stellen, ins Meer streuen, zu Diamanten pressen oder zwischen den Wurzeln eines Friedwald-Baums wieder zu Erde werden. Traurig, aber wahr: An die Steinmetze und ihre Basaltlieferanten denkt kaum noch einer.

„iGrabstein“ verbraucht keinen Strom

Nun, ganz stimmt das nicht. Ukrainische Steinbrucharbeiter durften vor ein paar Monaten die Bestellung eines sibirischen Designers bearbeiten, der eine zukunftsweisende Geschäftsidee hatte. Pavel Kalyuk aus Nowosibirsk hat sich mit seiner Firma Autograph eigentlich auf Laser-Gravuren spezialisiert. Jetzt hat er gezeigt, dass man mit seiner Technik auch eindrucksvolle Grabsteine fertigen kann. Der Prototyp, den er auf einer Messe zeigte, ist das exakte, freilich ins Riesenhafte vergrößerte Abbild eines iPhone 4s.  Gefertigt wird der iGrabstein aus Basalt, der aus der Ukraine stammt. Kosten: umgerechnet rund 900 Euro. Das Display, leider nur monochrom und mit schier unendlicher Wartezeit bis zum Bildwechsel, dafür aber mit dem niedrigsten denkbaren Stromverbrauch, bietet reichlich Platz für das letzte Selfie und einen Abschiedstweet. Für Updates, etwa nach dem Heimgang der Gemahlin des Verstorbenen, muss der Stein allerdings ganz traditionell in die Werkstatt gebracht werden.

Pomp, Duck, Circumstance

Dank Kalyuk könnte die Sepulkralkultur eine neue Blüte erleben wie in Wien zur Zeit des Jugendstils. Die Grabmäler der wohlhabenderen Bürger jener Epoche sind auf dem Zentralfriedhof noch heute zu bewundern. Mit Pomp, Duck, Circumstance und einer Prise Schmäh inszenierte damals, wer sich‘s leisten konnte, den Lifestyle seiner Sippe und war sich dabei für keinen Protz und keine Eitelkeit zu schade. Deshalb lernen wir heute bei einem Spaziergang zwischen den alten Gräbern mehr über die Gesellschaft jener Tage als aus vielen Büchern oder in Museen.

Roségold und Silber: schwierig für den Steinmetz

Ja, und in hundert Jahren werden Flaneure erkennen, dass man Menschen in unserer Zeit nach zwei Kriterien taxierte: in welchen Situationen sie Selfies schossen und welches Handymodell sie dafür benutzten. Kalyuk hat bereits erklärt, es mache ihm nichts aus, Grabsteine auf Wunsch auch im Samsung-Galaxy-Look zu liefern. Mit allen Fabrikaten und Baureihen wird ihm das nicht gelingen. Das iPhone 4s wurde noch in den klassischen Grabsteinfarben schwarz und weiß produziert. Spacegrau wäre auch kein Problem. Schon bei Roségold und Silber wird‘s mit der Beschaffung des Rohmaterials schwierig, von den Regenbogenfarben der Einsteiger-i- oder gar Windows-Phones ganz zu schweigen. Da hat die Geologie einfach nichts zu bieten, jedenfalls nichts Bezahlbares in passender Größe.

Fitnesstracker am Zentralfriedhof 2.0

Ich fürchte deshalb, die Steinmetze müssen umschulen, damit aus dem Zukunftsprojekt „Zentralfriedhof 2.0“ etwas wird. Sollen Grabmäler den Zeitgeist unserer Epoche und die Persönlichkeit ihrer Menschen widerspiegeln, bietet sich an, auf 3D-Farbdrucker umzusteigen. Damit kann man Sportlern sogar ihr Fitnessarmband als Skulptur aufs Grab stellen. Wer weiß, vielleicht lassen sich die Friedhofsgebühren sogar durch Sponsoring-Verträge mit den Herstellern der nachgebildeten Gadgets refinanzieren. Und falls die Plastik-Plastiken schneller verwittern als ihre in Stein gemeißelten Vorgänger, haben künftige Kulturhistoriker halt Pech gehabt.