Vorräte für den Notfall ridvan_celik
Ulfs* Welt

Kolumne

Katastrophenkartoffeln vom Kugelgrill

Supermärkte entdecken eine Marktlücke – die „zivile Verteidigung“ mittels 70er-Jahre-Einkaufszettel.

25. November 2016

Die Hasenfüße und Schwarzmaler unter uns brauchen sich endlich nicht mehr zu genieren. Furchtsamkeit und Pessimismus sind wieder gesellschaftsfähig in diesem Land, in dem es unheimlich vielen Menschen gut geht – so beängstigend gut, dass man weiß: Das kann nicht mehr lange gut gehen. Dank zivilisatorischer Errungenschaften wie Abrüstung, Atomausstieg, Medizintechnik und Smartphone waren wir ja schon soweit, dass wir Sorgen und Bedrohungslagen erfinden mussten, um nicht vor lauter Zufriedenheit unglücklich zu werden.

Essiggurken-Mutprobe

Deshalb gewöhnten wir uns an, kilotonnenweise Lebensmittel auf den Müll zu werfen, nicht weil sie verdorben wären, sondern weil der MHD-Stichtag überschritten ist. Wer zwecks Katerbekämpfung an Neujahr ein Glas mindestens bis Silvester haltbar gewesener Essiggurken öffnete – viele Hersteller von Sauerkonserven ändern das Datum nur einmal im Jahr – konnte sich heimlich ins Tagebuch schreiben: „Jahr mit Mutprobe begonnen.“

Diese Zeiten verschämter Wohlstandsphobien sind vorbei. Seit ein paar Wochen dürfen wir Deutschen zu unseren existenziellen Ängsten stehen – sogar zu solchen, für die es noch gar keinen psychiatrischen Fachausdruck gibt: zu verhungern oder zu verdursten. Den offiziellen Freibrief dazu formulierte nicht etwa eine auf besorgte Bürger spezialisierte Heimatpartei, sondern das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) – eine Institution, die man schon deshalb sympathisch finden muss, weil ihr Name klarstellt, dass der Staat nicht den Katastrophenschutz gewährt.

Allzeit bereit grüßt der Pfadfinder

Dieses BBK hat also einen „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ aufgelegt. Es empfiehlt sich, die Broschüre spätestens am Werktag vor Eintritt einer ernährungstechnischen Notsituation zu lesen, und zwar vor Ladenschluss. Der wichtigste Ratschlag besteht nämlich darin, Vorräte zu bunkern, vor allem Wasser, mindestens für zehn Tage... Ich weiß, die „Prepper“ unten Ihnen gähnen jetzt. Sie leben dafür, allzeit präpariert zu sein fürs Schlimmste – oder, im Jargon der BBK-Beamten, für den Fall der „Zivilen Verteidigung“, in dem womöglich plötzlich kein sauberes Wasser mehr aus dem Hahn fließt und aus der Steckdose kein Strom, um die trübe Brühe abzukochen. Ihr Keller ist voll, ihre Flinte geladen und entsichert; so überleben sie jede Belagerung durch Zombies, Killertomaten, Aliens und irdische Bösewichte.

Survival-Food

Dankenswerterweise kümmert sich besagte Behörde um uns unbedarfte Sorgen-Novizen, die wir noch nicht einmal ahnen, welche konkreten Gefahren uns eigentlich drohen, weshalb wir auch keinen blassen Dunst davon haben, wie man sich für einen längeren Zeitraum – also zehn oder vierzehn Tage – fachgerecht mit Survival-Food eindeckt. Auf der Website des Amtes finden wir eine fertige Bedarfsliste für Singles. Familien und Menschen, deren Angst vor Erdbeben, Sintfluten, Seuchen und Invasionen zu ausdauernd ist, um sich mit zwei Handvoll Notstandstagen abspeisen zu lassen, lesen im Online-Vorratskalkulator bis auf die erste Nachkommastelle genau ab, welche Mengen wovon sie bunkern müssen.

Hackfrüchte und Dörrpflaumen

Wollen sich sieben Personen für 23 Tage Krise wappnen, brauchen sie zum Beispiel 64,4 Kilo Gemüse und Hackfrüchte, 11,5 Kilo Knäckebrot, 8,6 Kilo Haferflocken, je 2,9 Kilo Reis und Dörrpflaumen, das Doppelte an Nudeln sowie 8,1 Kilo Kirschen im Glas (Abtropfgewicht, versteht sich, denn auch in der allergrößten Not kippt man das eklige rote Zuckerwasser natürlich weg).

Oh, von dieser ausgeklügelten Katastrophenvorsorge haben Sie gar nichts mitbekommen? Ich zuerst auch nicht, das kam leider mitten in der Urlaubszeit. Dafür hat uns aber eine freundliche Discount-Kette neulich ihre Version des amtlichen Einkaufszettels in den Briefkasten stopfen lassen. „Die Bundesregierung empfiehlt: Bevorraten Sie sich für 10 Tage!“, heißt es da.

Vergessene Köstlichkeiten

Energiequellen wie Schokolade, Chips und Kekse fehlen leider, dafür gibt es viel Obst und Gemüse. Meine Ration, ein Pfund pro Tag, kommt komplett aus der Konservenfabrik, darunter vergessene Köstlichkeiten meiner Kindheit wie Erbsen mit Karotten und Mandarin-Orangen. Meinen Zehntages-Seafood-Bedarf deckt eine 150-Gramm-Dose Dreimaster Thunschiff, äh, Thunfisch zu 99 Cent. Tierisches Protein bieten auch eingelegte Bockwürstchen und Corned Beef, das berüchtigte Pökelrindfleisch in Aspik und Weißblech, mit dem sich Seeleute begnügen mussten, als es an Bord noch keine Kühlschränke gab.

Eiscreme zum Abwinken

Moment mal: Kühlschränke? Hat ein moderner Haushalt beim Ausbruch des Notstands nicht die Kühl-Gefrier-Kombi randvoll? Warum futtern wir die nicht erst mal leer? Bei Stromausfall taut ja eh alles auf. Am ersten Tag gibt‘s Eiscreme bis zum Abwinken. Dann die Fischfilets, Schnitzel, Steaks. Liegt eigentlich vom Sommer noch ein Sack Holzkohle in der Garage? Aber wie kriegen wir den Reis gar, die Nudeln und Kartoffeln? Sprich: Wie schürt der Profi einen Kugelgrill, auf dem ein Topf voll Tafelwasser 20 Minuten köcheln soll, ohne überzuquellen, und in welchem Zimmer stellen wir das Trumm auf, ohne das Haus abzufackeln?

Ich sehe gerade, unser schlauer Discounter hat an alles gedacht. Unter „Energieausfall“ offeriert er zwar keinen Spirituskocher, aber immerhin Reservebatterien und Teelichter (an die Streichhölzer müssen wir selber denken). Da kocht bestimmt nichts über. Also besten Dank! Jetzt ist mir gar nicht mehr bange.

Autor

Ulf J. Froitzheim, freier Journalist

z. B. für brand eins, impulse und Technology Review