Image: Katastrophenkartoffeln vom KugelgrillFERCHAUFERCHAUridvan_celik
Ulfs* WeltKolumne

Kata­stro­phen­kar­tof­feln vom Kugel­grill

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Supermärkte entdecken eine Marktlücke – die „zivile Verteidi­gung“ mittels 70er-Jahre-Einkaufs­zettel.

25. November 2016

Die Hasenfüße und Schwarzmaler unter uns brauchen sich endlich nicht mehr zu genieren. Furchtsam­keit und Pessimismus sind wieder gesellschafts­fähig in diesem Land, in dem es unheimlich vielen Menschen gut geht – so beängsti­gend gut, dass man weiß: Das kann nicht mehr lange gut gehen. Dank zivilisa­to­ri­scher Errungen­schaften wie Abrüstung, Atomausstieg, Medizintechnik und Smartphone waren wir ja schon soweit, dass wir Sorgen und Bedrohungs­lagen erfinden mussten, um nicht vor lauter Zufrieden­heit unglücklich zu werden.

Essiggurken-Mutprobe

Deshalb gewöhnten wir uns an, kilotonnen­weise Lebensmittel auf den Müll zu werfen, nicht weil sie verdorben wären, sondern weil der MHD-Stichtag überschritten ist. Wer zwecks Katerbekämp­fung an Neujahr ein Glas mindestens bis Silvester haltbar gewesener Essiggurken öffnete – viele Hersteller von Sauerkon­serven ändern das Datum nur einmal im Jahr – konnte sich heimlich ins Tagebuch schreiben: „Jahr mit Mutprobe begonnen.“

Diese Zeiten verschämter Wohlstand­s­pho­bien sind vorbei. Seit ein paar Wochen dürfen wir Deutschen zu unseren existenzi­ellen Ängsten stehen – sogar zu solchen, für die es noch gar keinen psychiatri­schen Fachausdruck gibt: zu verhungern oder zu verdursten. Den offiziellen Freibrief dazu formulierte nicht etwa eine auf besorgte Bürger speziali­sierte Heimatpartei, sondern das Bundesamt für Bevölkerungs­schutz und Katastro­phen­hilfe (BBK) – eine Institution, die man schon deshalb sympathisch finden muss, weil ihr Name klarstellt, dass der Staat nicht den Katastro­phen­schutz gewährt.

Allzeit bereit grüßt der Pfadfinder

Dieses BBK hat also einen „Ratgeber für Notfallvor­sorge und richtiges Handeln in Notsitua­tio­nen“ aufgelegt. Es empfiehlt sich, die Broschüre spätestens am Werktag vor Eintritt einer ernährungs­tech­ni­schen Notsitua­tion zu lesen, und zwar vor Ladenschluss. Der wichtigste Ratschlag besteht nämlich darin, Vorräte zu bunkern, vor allem Wasser, mindestens für zehn Tage... Ich weiß, die „Prepper“ unten Ihnen gähnen jetzt. Sie leben dafür, allzeit präpariert zu sein fürs Schlimmste – oder, im Jargon der BBK-Beamten, für den Fall der „Zivilen Verteidi­gung“, in dem womöglich plötzlich kein sauberes Wasser mehr aus dem Hahn fließt und aus der Steckdose kein Strom, um die trübe Brühe abzukochen. Ihr Keller ist voll, ihre Flinte geladen und entsichert; so überleben sie jede Belagerung durch Zombies, Killerto­maten, Aliens und irdische Bösewichte.

Survival-Food

Dankenswer­ter­weise kümmert sich besagte Behörde um uns unbedarfte Sorgen-Novizen, die wir noch nicht einmal ahnen, welche konkreten Gefahren uns eigentlich drohen, weshalb wir auch keinen blassen Dunst davon haben, wie man sich für einen längeren Zeitraum – also zehn oder vierzehn Tage – fachgerecht mit Survival-Food eindeckt. Auf der Website des Amtes finden wir eine fertige Bedarfsliste für Singles. Familien und Menschen, deren Angst vor Erdbeben, Sintfluten, Seuchen und Invasionen zu ausdauernd ist, um sich mit zwei Handvoll Notstands­tagen abspeisen zu lassen, lesen im Online-Vorratskal­ku­lator bis auf die erste Nachkomma­stelle genau ab, welche Mengen wovon sie bunkern müssen.

Hackfrüchte und Dörrpflaumen

Wollen sich sieben Personen für 23 Tage Krise wappnen, brauchen sie zum Beispiel 64,4 Kilo Gemüse und Hackfrüchte, 11,5 Kilo Knäckebrot, 8,6 Kilo Haferflo­cken, je 2,9 Kilo Reis und Dörrpflaumen, das Doppelte an Nudeln sowie 8,1 Kilo Kirschen im Glas (Abtropfge­wicht, versteht sich, denn auch in der allergrö­ßten Not kippt man das eklige rote Zuckerwasser natürlich weg).

Oh, von dieser ausgeklü­gelten Katastro­phen­vor­sorge haben Sie gar nichts mitbekommen? Ich zuerst auch nicht, das kam leider mitten in der Urlaubszeit. Dafür hat uns aber eine freundliche Discount-Kette neulich ihre Version des amtlichen Einkaufs­zet­tels in den Briefkasten stopfen lassen. „Die Bundesre­gie­rung empfiehlt: Bevorraten Sie sich für 10 Tage!“, heißt es da.

Vergessene Köstlich­keiten

Energiequellen wie Schokolade, Chips und Kekse fehlen leider, dafür gibt es viel Obst und Gemüse. Meine Ration, ein Pfund pro Tag, kommt komplett aus der Konserven­fa­brik, darunter vergessene Köstlich­keiten meiner Kindheit wie Erbsen mit Karotten und Mandarin-Orangen. Meinen Zehntages-Seafood-Bedarf deckt eine 150-Gramm-Dose Dreimaster Thunschiff, äh, Thunfisch zu 99 Cent. Tierisches Protein bieten auch eingelegte Bockwürst­chen und Corned Beef, das berüchtigte Pökelrind­fleisch in Aspik und Weißblech, mit dem sich Seeleute begnügen mussten, als es an Bord noch keine Kühlschränke gab.

Eiscreme zum Abwinken

Moment mal: Kühlschränke? Hat ein moderner Haushalt beim Ausbruch des Notstands nicht die Kühl-Gefrier-Kombi randvoll? Warum futtern wir die nicht erst mal leer? Bei Stromaus­fall taut ja eh alles auf. Am ersten Tag gibt‘s Eiscreme bis zum Abwinken. Dann die Fischfilets, Schnitzel, Steaks. Liegt eigentlich vom Sommer noch ein Sack Holzkohle in der Garage? Aber wie kriegen wir den Reis gar, die Nudeln und Kartoffeln? Sprich: Wie schürt der Profi einen Kugelgrill, auf dem ein Topf voll Tafelwasser 20 Minuten köcheln soll, ohne überzuquellen, und in welchem Zimmer stellen wir das Trumm auf, ohne das Haus abzufackeln?

Ich sehe gerade, unser schlauer Discounter hat an alles gedacht. Unter „Energieaus­fall“ offeriert er zwar keinen Spiritus­ko­cher, aber immerhin Reservebat­te­rien und Teelichter (an die Streichhölzer müssen wir selber denken). Da kocht bestimmt nichts über. Also besten Dank! Jetzt ist mir gar nicht mehr bange.