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TrendStadt der Zukunft

Keine Staus, keine Müll­eimer: Die Smart City

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Mirko Besch

Mirko Besch

freier Journalist

Die Stadt der Zukunft verspricht viel: effizienter, ressourcen­scho­nender, nachhaltiger und lebenswerter zu sein. Ob Smart Cities das alles auch einhalten können, hängt maßgeblich von der Akzeptanz der Technolo­gien in der Bevölkerung ab – und von der IT-Infrastruktur.

15. Dezember 2016

„Stadtluft macht frei“, hieß es im Mittelalter. Inzwischen hat sich jedoch der Wind gedreht: Im Jahr 2050 leben laut den Vereinten Nationen 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde, rund 70 Prozent davon in Metropol­re­gionen oder sogenannten Megacities mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Ohne Korrekturen am eingeschla­genen Weg birgt dieser Trend massive Gefahren. Auch daher machen sich Stadtplaner, Organisa­tionen, Unternehmen, Verbände und Institutionen unter dem Schlagwort „Smart Cities“ Gedanken über den zukünftigen urbanen Lebensraum.

Mehr Komfort, geringerer Energiever­brauch

Dessen Einwohner sind ambivalent, wenn es um smarte Umgebungen geht: Eine Studie des VDE-Verbands gelangt zu der Erkenntnis, dass sich 60 Prozent der Bundesbürger von Smart Cities eine höhere Lebensqua­lität, mehr Ressourcen­ef­fi­zienz und besseren Umweltschutz versprechen. 62 Prozent hingegen lehnen vernetzte Elektrohaus­halts­ge­räte wie Herd, Kühlschrank oder Waschmaschine in den eigenen vier Wänden ab. Die Angst vor Überwachung und Datenmiss­brauch ist wohl zu groß. Dabei liege der Mehrwert der Heimvernet­zung auf der Hand, wie VDE-Vorstand Hans Heinz Zimmer sagt: mehr Komfort, geringerer Energiever­brauch und erhöhter Schutz vor Feuer und Einbruch – Argumente, die für Smart Homes und für Smart Cities gleicher­maßen gelten.

Derweil tüfteln Forscher an Smart Cities und Smart Quarters, also intelligenten Stadtvier­teln. Ein Beispiel ist das von der EU geförderte Projekt „Triangulum“ unter Leitung des Fraunhofer IAO in Stuttgart. „Unser Ziel ist es, Lösungen zu finden, um Städte nachhaltig, intelligent und auch in Zukunft lebenswert zu machen“, erläutert Projektleiter Alanus von Radecki. „Dazu setzen wir nachhaltige Energiever­sor­gung, Mobilität und Informati­ons­tech­no­logie zunächst in den drei ausgewählten Städten Manchester, Eindhoven und Stavanger um.“ In England beispiels­weise wird das studenti­sche Zentrum „Manchester Corridor“ in ein smartes Viertel umgewandelt, dessen Bild künftig durch Elektrofahr­zeuge, Fahrräder und eine städtische E-Tram geprägt sein soll.

Kameras überwachen jeden Stadtwinkel

Südkorea ist schon ein paar Schritte weiter. Dort entsteht für rund 40 Milliarden Dollar die modernste Kommune der Welt: Songdo City, ein neu erschaffener Stadtteil von Incheon, 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Seoul. Sie ist für rund 70 000 Einwohner ausgelegt, mehr als 300 000 Menschen sollen dort einmal arbeiten. Jeder Winkel in der Stadt sowie Teile der Häuser werden von Kameras überwacht, zudem registrieren Chips und Sensoren die Bewegungs­muster der Menschen. Und alles ist miteinander vernetzt. So können Einbruchs­ver­suche frühzeitig erkannt und an das städtische Kontroll­zen­trum gemeldet werden, in dem alle Informationen zusammen­laufen.

Doch die Überwachung hat auch Nachteile. Jeder Einwohner steht unter ständiger Kontrolle, zudem besteht die Gefahr von Datenmiss­brauch. Südkoreaner haben damit jedoch offenbar kein größeres Problem. Internet­ak­ti­vist Oh Byoung-il lieferte gegenüber der österrei­chi­schen Zeitung „Der Standard“ eine mögliche Erklärung dafür: „Wir haben eine lange Periode an Diktaturen überdauern müssen. Koreaner sind daran gewöhnt, überwacht zu werden.“ Bei Themen wie Umweltschutz und Nachhaltig­keit punktet Songdo wieder. Bis zu 30 Prozent an Energie will das Viertel im Vergleich zu konventio­nellen Städten einsparen, etwa über eine intelligente Straßenbe­leuch­tung, die erkennt, ob sie gerade benötigt wird. Darüber hinaus gibt es Ampeln, die das aktuelle Verkehrs­auf­kommen berücksich­tigen, sodass sich weniger Staus bilden. Und der Abfall gelangt – ganz ohne Mülleimer – über ein unterirdi­sches Entsorgungs­system direkt zur Verwertungs­an­lage.

Konzerne sind die Triebkraft

Die Grundlage all dessen beruht auf der kompletten Vernetzung der Haustechnik, die über ein einziges Internet­pro­to­koll läuft. Das von Cisco entwickelte System vereint unter anderem Klimaanlage und Heizung, den Brandschutz sowie die Lüftungs­an­lage und reagiert auf Veränderungen – wie das Verlassen eines Raums – in Echtzeit. Durch sofortige automati­sche Anpassungen, zum Beispiel das Ausschalten der Heizung oder des Lichts, lassen sich die Betriebs­kosten spürbar reduzieren.

Laut Michael Jaekel spielt speziell die technolo­gi­sche Infrastruktur bei Smart-City-Ansätzen eine zentrale Rolle. In seinem Buch „Smart City wird Realität“ schreibt der Autor, dass transnatio­nale Konzerne wie IBM, Siemens oder Cisco oftmals die treibenden Partner von Smart-City-Initiativen sind. IBM beispiels­weise setzt auf Cloud-basierende Software­platt­formen, über die kommunale Dienste wie Polizei, Feuerwehr, Notarzt oder der Straßenver­kehr gesteuert sowie die Strom- und Wasserver­sor­gung betrieben werden. Siemens entwickelt IT-gestützte Kommando­zen­tralen, über die sich in Echtzeit Informationen aus dem Verkehr, der Energiever­sor­gung oder der Stadtrei­ni­gung abrufen lassen. Der Ansatz von Cisco beruht auf Netzwerk­tech­no­lo­gien wie der „Smart + Connected Communities-Initiative“, in deren Rahmen verschie­dene Dienstleis­tungen für die Smart City bereitge­stellt werden.

Alle Smart-City-Visionen großer und kleiner Unternehmen verbindet das gemeinsame Ziel, Städte durch den Einsatz intelligenter Infrastruk­turen effizienter, ressourcen­scho­nender, nachhaltiger und lebenswerter zu machen. Der Weg dorthin wird steinig, die Investitionen für den Umbau der städtischen Infrastruk­turen gehen in die Milliarden. Pike Research rechnet mit einem weltweiten Investment bis 2020 in Höhe von 108 Milliarden US-Dollar, Frost & Sullivan schätzt das globale Marktpoten­zial im gleichen Zeitraum auf 1,5 Billionen US-Dollar. „Sie können die Stadt mögen oder nicht, aber Sie werden nicht behaupten können, so etwas schon mal gesehen zu haben“, sagte der brasilia­ni­sche Stararchi­tekt Oscar Niemeyer einmal über die Hauptstadt Brasilia, an deren Bau er maßgeblich beteiligt war. Eine Aussage, die auch für Songdo und andere künftige Smart Cities gelten dürfte.