In Smart Cities bleibt nichts unbemerkt
Trend

Stadt der Zukunft

Keine Staus, keine Mülleimer: Die Smart City

Die Stadt der Zukunft verspricht viel: effizienter, ressourcenschonender, nachhaltiger und lebenswerter zu sein. Ob Smart Cities das alles auch einhalten können, hängt maßgeblich von der Akzeptanz der Technologien in der Bevölkerung ab – und von der IT-Infrastruktur.

15. Dezember 2016

„Stadtluft macht frei“, hieß es im Mittelalter. Inzwischen hat sich jedoch der Wind gedreht: Im Jahr 2050 leben laut den Vereinten Nationen 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde, rund 70 Prozent davon in Metropolregionen oder sogenannten Megacities mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Ohne Korrekturen am eingeschlagenen Weg birgt dieser Trend massive Gefahren. Auch daher machen sich Stadtplaner, Organisationen, Unternehmen, Verbände und Institutionen unter dem Schlagwort „Smart Cities“ Gedanken über den zukünftigen urbanen Lebensraum.

Mehr Komfort, geringerer Energieverbrauch

Dessen Einwohner sind ambivalent, wenn es um smarte Umgebungen geht: Eine Studie des VDE-Verbands gelangt zu der Erkenntnis, dass sich 60 Prozent der Bundesbürger von Smart Cities eine höhere Lebensqualität, mehr Ressourceneffizienz und besseren Umweltschutz versprechen. 62 Prozent hingegen lehnen vernetzte Elektrohaushaltsgeräte wie Herd, Kühlschrank oder Waschmaschine in den eigenen vier Wänden ab. Die Angst vor Überwachung und Datenmissbrauch ist wohl zu groß. Dabei liege der Mehrwert der Heimvernetzung auf der Hand, wie VDE-Vorstand Hans Heinz Zimmer sagt: mehr Komfort, geringerer Energieverbrauch und erhöhter Schutz vor Feuer und Einbruch – Argumente, die für Smart Homes und für Smart Cities gleichermaßen gelten.

Derweil tüfteln Forscher an Smart Cities und Smart Quarters, also intelligenten Stadtvierteln. Ein Beispiel ist das von der EU geförderte Projekt „Triangulum“ unter Leitung des Fraunhofer IAO in Stuttgart. „Unser Ziel ist es, Lösungen zu finden, um Städte nachhaltig, intelligent und auch in Zukunft lebenswert zu machen“, erläutert Projektleiter Alanus von Radecki. „Dazu setzen wir nachhaltige Energieversorgung, Mobilität und Informationstechnologie zunächst in den drei ausgewählten Städten Manchester, Eindhoven und Stavanger um.“ In England beispielsweise wird das studentische Zentrum „Manchester Corridor“ in ein smartes Viertel umgewandelt, dessen Bild künftig durch Elektrofahrzeuge, Fahrräder und eine städtische E-Tram geprägt sein soll.

Kameras überwachen jeden Stadtwinkel

Südkorea ist schon ein paar Schritte weiter. Dort entsteht für rund 40 Milliarden Dollar die modernste Kommune der Welt: Songdo City, ein neu erschaffener Stadtteil von Incheon, 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Seoul. Sie ist für rund 70 000 Einwohner ausgelegt, mehr als 300 000 Menschen sollen dort einmal arbeiten. Jeder Winkel in der Stadt sowie Teile der Häuser werden von Kameras überwacht, zudem registrieren Chips und Sensoren die Bewegungsmuster der Menschen. Und alles ist miteinander vernetzt. So können Einbruchsversuche frühzeitig erkannt und an das städtische Kontrollzentrum gemeldet werden, in dem alle Informationen zusammenlaufen.

Doch die Überwachung hat auch Nachteile. Jeder Einwohner steht unter ständiger Kontrolle, zudem besteht die Gefahr von Datenmissbrauch. Südkoreaner haben damit jedoch offenbar kein größeres Problem. Internetaktivist Oh Byoung-il lieferte gegenüber der österreichischen Zeitung „Der Standard“ eine mögliche Erklärung dafür: „Wir haben eine lange Periode an Diktaturen überdauern müssen. Koreaner sind daran gewöhnt, überwacht zu werden.“ Bei Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit punktet Songdo wieder. Bis zu 30 Prozent an Energie will das Viertel im Vergleich zu konventionellen Städten einsparen, etwa über eine intelligente Straßenbeleuchtung, die erkennt, ob sie gerade benötigt wird. Darüber hinaus gibt es Ampeln, die das aktuelle Verkehrsaufkommen berücksichtigen, sodass sich weniger Staus bilden. Und der Abfall gelangt – ganz ohne Mülleimer – über ein unterirdisches Entsorgungssystem direkt zur Verwertungsanlage.

Konzerne sind die Triebkraft

Die Grundlage all dessen beruht auf der kompletten Vernetzung der Haustechnik, die über ein einziges Internetprotokoll läuft. Das von Cisco entwickelte System vereint unter anderem Klimaanlage und Heizung, den Brandschutz sowie die Lüftungsanlage und reagiert auf Veränderungen – wie das Verlassen eines Raums – in Echtzeit. Durch sofortige automatische Anpassungen, zum Beispiel das Ausschalten der Heizung oder des Lichts, lassen sich die Betriebskosten spürbar reduzieren.

Laut Michael Jaekel spielt speziell die technologische Infrastruktur bei Smart-City-Ansätzen eine zentrale Rolle. In seinem Buch „Smart City wird Realität“ schreibt der Autor, dass transnationale Konzerne wie IBM, Siemens oder Cisco oftmals die treibenden Partner von Smart-City-Initiativen sind. IBM beispielsweise setzt auf Cloud-basierende Softwareplattformen, über die kommunale Dienste wie Polizei, Feuerwehr, Notarzt oder der Straßenverkehr gesteuert sowie die Strom- und Wasserversorgung betrieben werden. Siemens entwickelt IT-gestützte Kommandozentralen, über die sich in Echtzeit Informationen aus dem Verkehr, der Energieversorgung oder der Stadtreinigung abrufen lassen. Der Ansatz von Cisco beruht auf Netzwerktechnologien wie der „Smart + Connected Communities-Initiative“, in deren Rahmen verschiedene Dienstleistungen für die Smart City bereitgestellt werden.

Alle Smart-City-Visionen großer und kleiner Unternehmen verbindet das gemeinsame Ziel, Städte durch den Einsatz intelligenter Infrastrukturen effizienter, ressourcenschonender, nachhaltiger und lebenswerter zu machen. Der Weg dorthin wird steinig, die Investitionen für den Umbau der städtischen Infrastrukturen gehen in die Milliarden. Pike Research rechnet mit einem weltweiten Investment bis 2020 in Höhe von 108 Milliarden US-Dollar, Frost & Sullivan schätzt das globale Marktpotenzial im gleichen Zeitraum auf 1,5 Billionen US-Dollar. „Sie können die Stadt mögen oder nicht, aber Sie werden nicht behaupten können, so etwas schon mal gesehen zu haben“, sagte der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer einmal über die Hauptstadt Brasilia, an deren Bau er maßgeblich beteiligt war. Eine Aussage, die auch für Songdo und andere künftige Smart Cities gelten dürfte.

Autor

Mirko Besch, freier Journalist

Bernd Seidel & Friends