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TrendInnovation im Bau

Diese Technik steckt in der Elbphil­har­monie

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Hans-Jörg Munke

Hans-Jörg Munke

freier Journalist

„Wunder dauern etwas länger“, weiß der Volksmund. Aber wenn sie dann vollbracht sind, beeindru­cken sie umso mehr. Als eines der jüngsten bautechni­schen Wunder gilt die Hamburger Elbphilhar­monie.

02. Februar 2017

Die Hamburger Elbphilhar­monie ist eines der teuersten Hochhäuser der Welt: 865 Millionen Euro hat das Konzerthaus in der Hamburger HafenCity gekostet – zehnmal mehr als geplant. Am 11. Januar 2017 hat sie eröffnet – sieben Jahre später als geplant. Nun fügt sich der 200.000 Tonnen schwere Koloss stilvoll und sogar ein wenig zurückhal­tend in seine Umgebung ein. Die Hamburger sind trotz des Trubels um den Bau längst versöhnt mit ihrer „Elphi“. Denn sie hat es in sich, steckt voller technischer Innovationen.

Am Anfang stand die Entkernung des ehemaligen Kaispeichers A an, auf dem die Philharmonie jetzt thront. Danach begann der Bau, für den insgesamt 63.000 Kubikmeter Beton nötig waren. 30 verschie­dene Sorten lieferten die beteiligten Unternehmen, alle unterschied­lich in Bezug auf Konsistenz, Erstarrungs­ver­halten, Farbgebung, Oberflächen­textur und Dauerhaf­tig­keit.

Schon früh setzten die Bauunter­nehmen auf Techniken, die heute von Politikern als Standard für Großprojekte gefordert werden: So etwa das sogenannte Building Information Modeling (BIM). Der Begriff steht für digitale Planungs- und Produkti­ons­pro­zesse, denen 3D-Modelle zugrunde liegen. Das Bauunter­nehmen Hochtief setzte diese Technik in zwei Bereichen um: So gab es einen mit dem 3D-Modell des Gebäudes verbundenen digitalen Terminplan und zudem die sogenannte Kollisions­prü­fung für die Technische Gebäudeaus­rüs­tung. Dabei führte man in einem 3D-Modell alle Gewerke zusammen. Der große Nutzen stellte sich schnell ein. Mehrere Tausend Konflikte wurden gefunden und gelöst, bevor sie auf der Baustelle Schwierig­keiten machen konnten: etwa Rohre, die nicht zusammen­passten oder nicht passende Verbindungen in der Dachkonstruk­tion.

Neben der gläsernen Fassade mit ihren knapp 16.000 Fassaden­ele­menten und gekrümmten Spezialglä­sern, beeindruckt vor allem das 700 Tonnen schwere Dach aus 1100 Stahlträ­gern – allesamt Unikate. Auch hierbei betrat man technisches Neuland. „Die größte Herausfor­de­rung bestand in dem letzten zentralen Bauabschnitt über dem Konzertsaal“, beschreiben es die beteiligten Ingenieure. Das lag vor allem an den geringen Toleranzen beim Einpassen des Stahlbaus in die bereits montierten Dachteile sowie an den vierwöchigen Schweißar­beiten an der zentralen Verbindungs­stelle.

Das Saaldach setzt sich aus einer Außen- und einer Innenschale zusammen. Die Außenschale besteht aus 600 Tonnen Stahl und überspannt den Konzertsaal der Elbphilhar­monie auf einer Fläche von 50 mal 55 Metern. Darauf lasten das Gebäudedach, eine Technike­bene sowie die Innenschale. An ihr hängt die so genannte „weiße Haut“. Sie erzeugt die einzigar­tige Akustik im Konzertsaal. Erfunden hat sie der Japaner Yasuhisa Toyota, der sie mit Hilfe komplexer 3D-Modelle berechnet hat. Entstanden sind am Ende 10.000 Wand- und Deckenele­mente für eine Fläche von 6.000 Quadratme­tern aus Gips und Altpapier.

Innen- und Außenansicht der Elbphilharmonie Die Elbphilharmonie überzeugt durch moderne Architektur und ein fantastisches Klangerlebnis.

Der große Konzertsaal erstaunt auch in seiner Bauweise. Er besteht aus einer Stahlbeton­schale und Stahlrippen für die Zuschauer­bal­kone im Inneren – gelagert auf 286 Federpaketen. Das sorgt für eine komplette Schalltren­nung des Saals vom Rest des Gebäudes. So bleibt nicht nur die Musik drinnen, auch die Hafengeräu­sche bleiben draußen.

Auf dem Dach des Großen Saals befindet sich die Entlüftungs­technik – mannshohe Kanäle, federnd gelagert und millimeter­genau positioniert, damit während des Betriebs von ihnen kein Geräusch zu hören ist. In der technischen Schaltzen­trale im 19. Stock sorgen fünf meterhohe Ventilatoren für den Austausch von 130.000 Kubikmetern Luft pro Stunde. Das entspricht der Leistung von 11.000 normalen Badentlüf­tern.

Die Orgel der Elbphilhar­monie ist ein weiteres technisches Highlight. Sie wiegt rund 25 Tonnen und besteht aus 4.765 Orgelpfeifen – die meisten aus Zinn, manche aus Holz. Einige sind so klein, dass sie auf einen Finger passen und andere bis zu zehn Meter hoch. Einige sind sogar im Zuschauer­raum verteilt. Orgelbauer Philipp Klais setzte dabei auf 200 Jahre altes Eichenholz. „Die Holzlage­rung ist entschei­dend“, erklärt Klais. Zudem sei es wichtig, dass das Holz für die Pfeifen im Winter und bei abnehmendem Mond geschlagen werde. „So haben wir später weniger Probleme mit Schädlings­be­fall, da bei abnehmendem Mond keine Säfte ins Holz steigen“, ergänzt Orgelbauer Klais.

Zu den eher unsichtbaren Systemen gehört die komplexe Sicherheits­technik im Gebäude. Ihr Herzstück ist die Gebäudeleit­stelle. Hier laufen alle Daten zusammen. Rund 1.000 Terminals sichern Zutritte und Fluchtwege. Mithilfe eines hochmodernen Kontroll­sys­tems ist das Sicherheits­per­sonal in der Lage, den Zugang zu allen Bereichen lückenlos zu kontrollieren. Für Besucher bleibt die Überwachung unbemerkt, der spektaku­läre Zugang zum Gebäude dagegen nicht. Denn einzigartig sind auch die zwei Rolltreppen, die vom Eingang 30 Meter hoch Richtung Plaza führen. Mit einer Länge von 82 Metern sind sie die längsten im westlichen Europa und weltweit die einzigen, die leicht gewölbt verlaufen.

Die Innovationen betreffen allerdings nicht die Funktion als Philharmonie alleine. Auch ein Hotel und 45 Wohnungen finden sich in der Elbphilhar­monie. Die spektaku­lärste ist das 220 Quadratmeter große Penthouse im 24. Stock. Beim Ausbau kommt von Laserabtas­tung und modernster 3D-Technologie bis zu Roboterfer­ti­gung alles zum Einsatz, um Planungs- und Bauprozesse zu optimieren. „Es war schon lange meine Idee, einen Innenausbau prozesssi­cher vorzufer­tigen und vor Ort ohne Dreck und Staub nur noch zu montieren“, sagt Torben Hansen vom Peitinger Innenaus­bauer Schotten & Hansen GmbH. „Bei diesem Projekt konnten wir das genauso umsetzen.“

Nach elf Jahren Planungs- und Bauzeit kann die Elbphilhar­monie nun endlich ihrem eigentli­chen Zweck dienen: als Architektur- und Klangwunder. Und darauf muss man nicht mehr warten – zumindest nicht, wenn man eine Eintritts­karte ergattert.