Die Elbphilharmonie in Hamburg Elbphilharmonie
Trend

Innovation im Bau

Diese Technik steckt in der Elbphilharmonie

Lesezeit ca.: 5 Minuten

Hans-Jörg Munke

freier Journalist

„Wunder dauern etwas länger“, weiß der Volksmund. Aber wenn sie dann vollbracht sind, beeindrucken sie umso mehr. Als eines der jüngsten bautechnischen Wunder gilt die Hamburger Elbphilharmonie.

02. Februar 2017

Die Hamburger Elbphilharmonie ist eines der teuersten Hochhäuser der Welt: 865 Millionen Euro hat das Konzerthaus in der Hamburger HafenCity gekostet – zehnmal mehr als geplant. Am 11. Januar 2017 hat sie eröffnet – sieben Jahre später als geplant. Nun fügt sich der 200.000 Tonnen schwere Koloss stilvoll und sogar ein wenig zurückhaltend in seine Umgebung ein. Die Hamburger sind trotz des Trubels um den Bau längst versöhnt mit ihrer „Elphi“. Denn sie hat es in sich, steckt voller technischer Innovationen.

30 verschiedene Sorten Beton

Am Anfang stand die Entkernung des ehemaligen Kaispeichers A an, auf dem die Philharmonie jetzt thront. Danach begann der Bau, für den insgesamt 63.000 Kubikmeter Beton nötig waren. 30 verschiedene Sorten lieferten die beteiligten Unternehmen, alle unterschiedlich in Bezug auf Konsistenz, Erstarrungsverhalten, Farbgebung, Oberflächentextur und Dauerhaftigkeit.

Effiziente 3D-Planung dank BIM

Schon früh setzten die Bauunternehmen auf Techniken, die heute von Politikern als Standard für Großprojekte gefordert werden: So etwa das sogenannte Building Information Modeling (BIM). Der Begriff steht für digitale Planungs- und Produktionsprozesse, denen 3D-Modelle zugrunde liegen. Das Bauunternehmen Hochtief setzte diese Technik in zwei Bereichen um: So gab es einen mit dem 3D-Modell des Gebäudes verbundenen digitalen Terminplan und zudem die sogenannte Kollisionsprüfung für die Technische Gebäudeausrüstung. Dabei führte man in einem 3D-Modell alle Gewerke zusammen. Der große Nutzen stellte sich schnell ein. Mehrere Tausend Konflikte wurden gefunden und gelöst, bevor sie auf der Baustelle Schwierigkeiten machen konnten: etwa Rohre, die nicht zusammenpassten oder nicht passende Verbindungen in der Dachkonstruktion.

Patchwork an Fassade und Dach

Neben der gläsernen Fassade mit ihren knapp 16.000 Fassadenelementen und gekrümmten Spezialgläsern, beeindruckt vor allem das 700 Tonnen schwere Dach aus 1100 Stahlträgern – allesamt Unikate. Auch hierbei betrat man technisches Neuland. „Die größte Herausforderung bestand in dem letzten zentralen Bauabschnitt über dem Konzertsaal“, beschreiben es die beteiligten Ingenieure. Das lag vor allem an den geringen Toleranzen beim Einpassen des Stahlbaus in die bereits montierten Dachteile sowie an den vierwöchigen Schweißarbeiten an der zentralen Verbindungsstelle.

Das Saaldach setzt sich aus einer Außen- und einer Innenschale zusammen. Die Außenschale besteht aus 600 Tonnen Stahl und überspannt den Konzertsaal der Elbphilharmonie auf einer Fläche von 50 mal 55 Metern. Darauf lasten das Gebäudedach, eine Technikebene sowie die Innenschale. An ihr hängt die so genannte „weiße Haut“. Sie erzeugt die einzigartige Akustik im Konzertsaal. Erfunden hat sie der Japaner Yasuhisa Toyota, der sie mit Hilfe komplexer 3D-Modelle berechnet hat. Entstanden sind am Ende 10.000 Wand- und Deckenelemente für eine Fläche von 6.000 Quadratmetern aus Gips und Altpapier.

Innen- und Außenansicht der Elbphilharmonie

Perfekte Koexistenz von Musik und Hafenleben

Der große Konzertsaal erstaunt auch in seiner Bauweise. Er besteht aus einer Stahlbetonschale und Stahlrippen für die Zuschauerbalkone im Inneren – gelagert auf 286 Federpaketen. Das sorgt für eine komplette Schalltrennung des Saals vom Rest des Gebäudes. So bleibt nicht nur die Musik drinnen, auch die Hafengeräusche bleiben draußen.

Auf dem Dach des Großen Saals befindet sich die Entlüftungstechnik – mannshohe Kanäle, federnd gelagert und millimetergenau positioniert, damit während des Betriebs von ihnen kein Geräusch zu hören ist. In der technischen Schaltzentrale im 19. Stock sorgen fünf meterhohe Ventilatoren für den Austausch von 130.000 Kubikmetern Luft pro Stunde. Das entspricht der Leistung von 11.000 normalen Badentlüftern.

4.765 Pfeifen sorgen für den richtigen Ton

Die Orgel der Elbphilharmonie ist ein weiteres technisches Highlight. Sie wiegt rund 25 Tonnen und besteht aus 4.765 Orgelpfeifen – die meisten aus Zinn, manche aus Holz. Einige sind so klein, dass sie auf einen Finger passen und andere bis zu zehn Meter hoch. Einige sind sogar im Zuschauerraum verteilt. Orgelbauer Philipp Klais setzte dabei auf 200 Jahre altes Eichenholz. „Die Holzlagerung ist entscheidend“, erklärt Klais. Zudem sei es wichtig, dass das Holz für die Pfeifen im Winter und bei abnehmendem Mond geschlagen werde. „So haben wir später weniger Probleme mit Schädlingsbefall, da bei abnehmendem Mond keine Säfte ins Holz steigen“, ergänzt Orgelbauer Klais.

Kein Zugang ohne Kontrolle

Zu den eher unsichtbaren Systemen gehört die komplexe Sicherheitstechnik im Gebäude. Ihr Herzstück ist die Gebäudeleitstelle. Hier laufen alle Daten zusammen. Rund 1.000 Terminals sichern Zutritte und Fluchtwege. Mithilfe eines hochmodernen Kontrollsystems ist das Sicherheitspersonal in der Lage, den Zugang zu allen Bereichen lückenlos zu kontrollieren. Für Besucher bleibt die Überwachung unbemerkt, der spektakuläre Zugang zum Gebäude dagegen nicht. Denn einzigartig sind auch die zwei Rolltreppen, die vom Eingang 30 Meter hoch Richtung Plaza führen. Mit einer Länge von 82 Metern sind sie die längsten im westlichen Europa und weltweit die einzigen, die leicht gewölbt verlaufen.

Hightech-Ausbau für die Penthouse-Wohnung

Die Innovationen betreffen allerdings nicht die Funktion als Philharmonie alleine. Auch ein Hotel und 45 Wohnungen finden sich in der Elbphilharmonie. Die spektakulärste ist das 220 Quadratmeter große Penthouse im 24. Stock. Beim Ausbau kommt von Laserabtastung und modernster 3D-Technologie bis zu Roboterfertigung alles zum Einsatz, um Planungs- und Bauprozesse zu optimieren. „Es war schon lange meine Idee, einen Innenausbau prozesssicher vorzufertigen und vor Ort ohne Dreck und Staub nur noch zu montieren“, sagt Torben Hansen vom Peitinger Innenausbauer Schotten & Hansen GmbH. „Bei diesem Projekt konnten wir das genauso umsetzen.“

Nach elf Jahren Planungs- und Bauzeit kann die Elbphilharmonie nun endlich ihrem eigentlichen Zweck dienen: als Architektur- und Klangwunder. Und darauf muss man nicht mehr warten – zumindest nicht, wenn man eine Eintrittskarte ergattert.